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"Frohsinn braucht der Schausteller, wenn der Rubel auf dem Festplatz rollen soll."

"Geisterbahn"

Geschossen wird bei jedem Wetter

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Ursula Krechel, die Buchpreisgewinnerin von 2012, erzählt in "Geisterbahn" noch einmal fundamental von NS- und Nachkriegszeit.

Nach „Shanghai fern von wo“ (2009) und „Landgericht“ (2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet) ist „Geisterbahn“ der dritte große Roman von Ursula Krechel, der auf Kriegs- und Nachkriegszeit blickt. Wer sie alle drei gelesen hat, wird um so vieles klüger und nachdenklicher und auch so betroffen sein, dass unbegreiflich ist, warum es sich hier nicht selbstverständlich um Schullektüre handelt. Und warum zum Beispiel die Nichte demnächst zum zweiten Mal Juli Zehs „Corpus delicti“ in der Schule liest.

Das Staunen der Tante passt zum Thema. Der Erzähler ist Lehrer und muss sich mit den Eltern von heute herumschlagen, wobei Bernhard Blank sich nicht schlägt, sondern freundlich und beharrlich ist. Die Betroffenheit passt ebenfalls zum Thema. Es ist mit das Erstaunlichste an dem Roman „Geisterbahn“, dass Ursula Krechel einen Weg findet, dem Entsetzen, bei dem es sich auch um ihr eigenes Entsetzen handeln dürfte, freien Lauf zu lassen, dem Zorn, dem Zynismus, der sich zuweilen daraus ergibt, ohne lärmig zu werden. „Geisterbahn“ ist ein Meisterwerk auch, was das Aufspüren des geeigneten Tonfalls, der tauglichen Erzählanlage ist.

Wer denkt, er wüsste schon alles, stellt fest, dass das natürlich nicht stimmt. 100 Mark und zehn Flaschen Wein bekommen die nach Trier zurückkehrenden KZ-Überlebenden. „Fürs Erste, hieß es. Ob es ein Zweites gab, wusste niemand. Der Wein konnte ausgetrunken werden zum Trost für jedes ermordete Familienmitglied, und je nach Größe der Familie war es nur eine halbe Flasche Wein“, so der Erzähler. Aber Obacht: „Nicht jeder aus einem Konzentrationslager entlassene Häftling ist des Mitleids der Bevölkerung würdig“, lässt der OB verkünden, auch „asoziale Elemente“ seien darunter. Zudem nimmt man erleichtert zur Kenntnis, dass die Entnazifierung hier „milder als erwartet“ verläuft. „Es mag dies wohl darauf zurückzuführen sein, dass in Frankreich das Judentum nicht die Stellung einnimmt wie in den USA“ – „So schrieb der Landrat, ungerührt, unberührt von den Verbrechen“.

„Geisterbahn“, das ist Teil von Ursula Krechels genialer Konzeption, spielt einerseits mit offenen Karten, das Entsetzen wird ausgesprochen, für die Empörung finden sich glasklare, harte Worte. Zugleich darf die Geschichte, eine unerträgliche Geschichte, vorsichtig heranrücken, wird dem Unaussprechlichen mit Zurückhaltung begegnet, einem Zartgefühl und Respekt denen gegenüber, denen es angetan wird (denen, die es getan haben, begegnet der Erzähler nicht zart). Und die pünktlich im Krankenhaus sind, wo die älteste Tochter Kathi zwangssterilisiert wird. Und die wahrheitsgemäß den großen Fragebogen ausfüllen, und bei Sprachkenntnissen stolz „Romanes“ eintragen, ihre Muttersprache.

Für die Vorsicht gibt es aber noch mehr Gründe. Bernhard, man spürt es, nachher sagt er es auch, muss sich erst einfinden in seiner Rolle als Erzähler. Eigentlich bemerkt man ihn zuerst nur, weil „MEINVATER“, ein Polizist, gelegentlich in der Handlung auftaucht. Oder auftauchen könnte. Wer weiß, was der eigene Vater früher getan oder nicht getan hat? Hunderte Seiten braucht es, bis Bernhard feststellt: „Ich wurde mir der Macht des Erzählens bewusst, mit einem kleinen Rippenstoß konnte ich jemanden an eine bestimmte Stelle schieben oder wieder hinauskatapultieren.“

Auch Geschichte geschieht nicht schnell und plötzlich. Die Schaustellerfamilie Dorn weiß schon immer, dass ein Fahrgeschäft „doppelt und dreifach“ geprüft wird, wenn die Besitzer wie „Zigeuner“ aussehen. Der Mischeheerlass ist den Dorns egal, weil ihre Kinder noch klein sind, „wenn er auch unverschämt, ja ungeheuerlich war. Was ging es den Staat an, wer wen liebte und warum? Blut hatten sie alle, woher es stammte, wer wusste das schon.“

Trotzdem überrumpelt es den Vater und seinen Schwager, als sie auf der Messe in Berlin das neue, verheißungsvolle Fahrgerät nicht erwerben können. „Ich verkaufe nicht, sagte der Mann noch einmal, nicht an Zigeuner. Das war eine schallende Ohrfeige, aber Alfons nahm sich zusammen, als wäre nichts geschehen.“ Sie sind tüchtige Geschäftsleute, tun sich um, wissen, dass das Schaustellergeschäft den gleichen Veränderungen unterworfen ist wie alles Gewerbe, nur die Schießbuden nicht: „Geschossen wurde immer, bei jedem Wetter.“

Menschen, die Wörter gedankenlos verwenden, sind Täter

Am Ende des ersten großen Kapitels kommen alle Dorns, bis auf Josef, der vorerst nach Luxemburg fliehen kann, ins KZ. Am Ende des zweiten großen Kapitels kommt die junge Kommunistin Aurelia, verraten von ihrem eigenen Mann, ins KZ. Ein intelligenter Junge aus ärmlichen Verhältnissen hat eine ordentliche Karriere beim Arbeitsamt gemacht. Eine junge fesche Frau schaut, wo sie bleibt. Am Ende des dritten großen Kapitels ist der Krieg schon vorbei – kein neues Kapitel dafür, denn, wie soll man sagen, der Übergang ist fließend und ein paar kommen zurück, die allermeisten nicht – und der Erzähler Bernhard schon geboren und sitzt mit anderen Kindern in der Schule. Am Anfang des vierten Kapitels bereits in der zweiten Klasse.

Jetzt begreift man allmählich die Struktur. Es sind die mit ihm haarscharf nach dem Krieg geborenen Altersgenossen, deren Familien Bernhard neugierig machen. Was er verdichtet, was er genau weiß, was er sich angelesen hat, muss er nicht immer erklären (Krechel selbst, 1947 in Trier geboren, hat ausufernd recherchiert, das steht fest). „Geisterbahn“ ist schließlich ein Roman, ein Roman, in dem es zu gären beginnt. Als die Grundschulkinder das schöne, dumme Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ (Nikolaus Lenau) lernen, muss Annchen furchtbar weinen. Annchen ist das Kind, das Alfons und Lucie nach der Ermordung der meisten ihrer Kinder noch bekommen haben (ein Wunder). „Das ganze Lied war falsch“, denkt Bernhard da, „es war romantisch und falsch, vielleicht war vieles falsch, was wir lernten oder lernen sollten. Der Dichter war überhaupt kein Dichter, er war ein Lügner, ein Falschmünzer, ein Schwätzer.“ Der Mitschüler Kurt geht zu Annchen und sagt: „Wir singen das Lied nie wieder.“

Es tut sich was, aber es tut sich auch nichts. Kathi, die sich um Entschädigung für die Zwangssterilisation bemüht – wohlwissend, dass es keine Entschädigung geben kann, so sehr wünscht sie sich ein Kind – liest in ihrem Gutachten: „Da Persönlichkeiten von der Wesensart der Antragstellerin viel mehr gegenwartsbezogen leben und erleben und weniger aus der Vergangenheit und auf die Zukunft gerichtet sind, stellt sich für sie, so darf man annehmen, die Tatsache einer erzwungenen Kinderlosigkeit weniger als eine seelische Dauerbelastung dar als für den Durchschnitt normal empfindender Frauen in gleicher Situation.“ Wörter sind brandgefährlich in „Geisterbahn“. Menschen, die Wörter gedankenlos verwenden, sind Täter und merken es nicht. Auch wer nicht an die Macht von Literatur glaubt, glaubt nach der Lektüre von „Geisterbahn“ doch daran.

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