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Albrecht Dürer: Hexe, die rückwärts auf einer Ziege reitet, circa 1505.

Hexenverfolgung

Die Geschichte der Katharina Kepler

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Die Historikerin Ulinka Rublack über den Astronomen Johannes Kepler und die Verteidigung seiner Mutter Katharina Kepler, die als Hexe angeklagt war.

Frau Professor Rublack, Sie haben bei der Vorstellung Ihres Buches gesagt, Sie hätten nie über Hexenverfolgung schreiben wollen. Was hat Sie Ihre Meinung ändern lassen? 
Dass dieser Fall so gut dokumentiert ist, wir diese wunderbare Quellenlage haben. Und andererseits, dass die Literatur, die es dazu gibt, vor allem im angloamerikanischen Raum, schockierend ist. John Banville zum Beispiel hat ein Buch über Johannes Kepler geschrieben, das viele fiktionale Elemente enthält. Darin ist seine Mutter als eine Art Hexe dargestellt, als Frau, die mit zwei Freundinnen in der Küche die Flügel von Fledermäusen zubereitet. Es hat sich zum Stereotyp ausgebildet, dass diese Frau hexenartig war – ganz im Gegensatz zu dem, was wir in den Quellen finden. Und wenn man so viel herausfinden kann, sollte man das als Historikerin auch tun. Und dann interessierte mich Kepler und seine Naturphilosophie im Verhältnis zu seiner Mutter und der Übernahme ihrer Verteidigung. 

Waren die Dokumente bereits bekannt? 
Ja, das ist nichts, was ich neu entdeckt habe. Der Fall wurde in der ersten Ausgabe von Keplers gesammelten Werken auch ediert. Was noch nicht im Detail angeschaut worden war, waren die Quellen in Leonberg. Eine der Anklagen gegenüber Katharina Kepler lautete ja, sie habe Unruhe in die Stadt gebracht. Und dann kann man sich eben diese Gerichtsakten angucken, die komplett erhalten sind. In denen auch dokumentiert ist, wie Menschen aus Leonberg, die einen anderen beleidigt hatten, bestraft wurden. Viele Leute tauchen darin auf. Aber Katharina kommt nicht darin vor, so haben wir schon einen guten Beweis dafür, dass dieser Vorwurf nicht der Realität entsprochen hat. 

Sie beschreiben, wie zwiespältig Keplers Gefühle gegenüber seiner Mutter waren. Könnte er sie für eine Hexe gehalten haben? 
Das hat er nie geglaubt. Eine der interessanten Facetten bei Kepler ist, dass seine Naturphilosophie sehr optimistisch war – im Unterschied zu vielen Menschen seiner Zeit, die stark an den Teufel als großen Gegenspieler Gottes geglaubt haben, die verankert waren im Denken, dass die Welt auf ihr Ende zugehe. Kepler dagegen sagte, wir haben jetzt wunderbare Konstellationen, das Wissen wächst. Er glaubte an die Harmonie des Göttlichen. Von daher ist in seinem Denken der Teufel nicht verankert. Das aber heißt auch, dass Hexen, die ihre Macht ja durch den Teufel erhalten, ihm relativ fern waren. Er hatte natürlich Umgang mit Leuten, die Dämonologien geschrieben haben, er war sich dieser Literatur bewusst. Aber er sah die Verfolgung sehr kritisch, wusste, das wird halt mit alten Frauen gemacht. Er hat nicht geglaubt, dass seine Mutter eine Hexe ist, war aber ambivalent ihr gegenüber eingestellt. Er wohnte in Prag, sie hat ihn mehrfach dort besucht, als die Kinder kamen. Es war schon ein enges Verhältnis, sie lebte ja dann bei ihm. Aber ich denke, dass vieles mit Keplers eigenen Ängsten vor dem Alter zu tun hatte, diese Vorstellung, dass sie unruhigen Geistes sei. Das sind seine eigenen Projektionen gewesen. 

War sie eine Kräuterkundige?
Es gab ja keine Apotheken, wie alle hat sie natürlich Kräutermedizin praktiziert. Aber es war nicht so, dass sie von der Heilkunst gelebt hat, sie hat nie Geld dafür verlangt. 

Sie erwähnen in Ihrem Buch die Anti-Hexenjagd-Partei. Mit der hat sich Johannes Kepler nicht verbunden? 
Das wäre schön gewesen. Er schreibt eine Verteidigungsschrift, die den Argumenten wirklich gut nachgeht, die die Dinge auseinander nimmt, die zudem, wenn auch spät, gedruckt wird. Der Arzt Johann Weyer hatte vorher schon gesagt, das seien kranke, melancholische Frauen. Solche Argumente gab es. Kepler allerdings wollte das Ganze geheim halten, so geheim wie möglich. Seine Freunde in Tübingen, der Jurist, der ihm Beistand leistete, die waren natürlich informiert. Aber das Ganze war ihm extrem unangenehm. Und eine der großen Fragen ist, was mit seiner Mutter passierte, als sie aus dem Gefängnis kam. Bisher wurde angenommen, dass sie zu Keplers Schwester gebracht wurde, andererseits signalisierte der Mann der Schwester, der Pastor, dass ihm alles zu viel werde. Die andere Möglichkeit ist, dass Kepler seine Mutter mit nach Linz nahm. Es sind aus dieser Zeit kaum Briefe erhalten. Sie ist dann nach einem halben Jahr gestorben, es könnte sein, dass sie in Linz gestorben ist. Sie war extrem geschwächt durch die 14-monatige Haft, es könnte sehr schwer gewesen sein für sie, auch noch nach Österreich transportiert zu werden. 

Sie erzählen, wie die alte Frau angekettet war, zeitweise zwei Bewacher hatte. 
Ja, sie war zahnlos, durch die schlechte Ernährung geschwächt. Kepler beschreibt das auch, man spürt darin seine Empathie und wie er an dieser Situation leidet. Das war Isolationshaft, es muss für sie auch psychisch schwer gewesen sein, das durchzustehen. Viele haben ja auch aufgegeben, haben „Geständnisse“ abgelegt. 

Sie beschreiben, wie Deutschland ein Schwerpunkt der Hexenverfolgung war. Was waren die Gründe dafür?
Verschiedene Faktoren spielten zusammen. Ganz wichtig ist, dass Deutschland in dieser Zeit unheimlich parzelliert war, dass jedes dieser kleinen Territorien oder jede der eigenständigen Städte eine eigene Politik formulieren konnte. Zentren der Massen- oder Kettenverfolgung waren die kleinen Fürstbistümer, wo ein Fürstbischof relativ allein regieren konnte. Wenn es dann ein Unwetter oder eine Hungersnot gab, glaubte man, dass Hexen das verursacht hätten. Viele, wie Jean Bodin, der große Staatspolitiker, waren absolut der Meinung, dass in der Politik etwas schieflaufe, wenn nicht gegen die Hexen vorgegangen werde. Wenn man bei diesen Massenverfolgungen Leute gefoltert und gefragt hat, mit wem sie beim Hexensabbath gewesen seien, haben sie Namen genannt. Und ohne große weitere Beweisaufnahme wurden dann wiederum diese Leute verhört. Ab 1570 gab es tatsächlich auch mehrere Hungersnöte. Und alle Menschen glaubten an die Existenz von Hexen. Die Argumentation lautete: Wenn es Hexen gibt, wenn dann der neu gebaute Kirchturm sogleich vom Hagel zerstört wird und wenn schließlich noch zwei, drei andere Sachen passieren, dann muss man diese Frauen auch verfolgen. Aber es gab auch immer Leute, die an dieser Logik gezweifelt und die das System auch schließlich unterhöhlt haben. Dafür ist Keplers Verteidigungsschrift ein wunderbares Dokument. 

Und mit welchem Argument verfolgte man vor allem Frauen? 
Die Theologie, das Menschenbild der Zeit waren einerseits von der Vorstellung geprägt, dass die menschliche Natur anfällig sei. Dann gab es das andere Menschenbild, vertreten von Kepler, dass der Mensch gottähnlich geschaffen sei. Aber dieser Glaube an die Anfälligkeit des Menschen, vor allem der Frau, weil sie weniger Rationalität habe als der Mann, dieser Glaube war weit verbreitet. Dazu kam die Überzeugung, dass mit zunehmendem Alter die Rationalität abnehme, der Geist verdorben werde. Dagegen stand wiederum das Bild, dass man weiser werde. 

Aber es gab keine Verteidigung, die wegen eines verdorbenen Geistes auf Unzurechnungsfähigkeit plädierte? 
Das sagte eigentlich Weyer, dass man diese Frauen medizinisch behandeln müsse. Im Luthertum, und Baden-Württemberg war lutherisch, war die offizielle Meinung, dass es zwar nicht stimme, dass der Teufel diesen Frauen eine besondere Kraft gebe, aber dass sie das selbst glaubten. Für diesen Abfall von Gott wurden sie verbrannt. In der Praxis allerdings haben auch die Theologen geglaubt, dass Hexen eine Zerstörungsmacht hätten. 

Faszinierend fand ich Keplers „Traum“, eine seltsame Erzählung über eine Reise zum Mond in Begleitung eines Dämons. Was denken Sie, was ihn diese seltsame Geschichte schreiben ließ? 
Man muss sich dazu eine Meinung bilden: Ob es so ist, dass das Buch doch Biografisches enthält, oder man Kepler glaubt, dass es das nicht ist. Ich neige dazu, ihm zu glauben. Es geht um gute Magie, es geht um einen Dämon, mit dem die Frau erst den Zugang öffnet zur Wahrnehmung der Erde vom Mond aus, wie sie im „Traum“ beschrieben ist. Es ist ein sehr komplexer Text. Ich glaube, man muss es jedem Leser überlassen, ob er meint, dass sich darin auch die Ambivalenz des Sohnes gegen seine Mutter ausdrückt, schon zu diesem frühen Zeitpunkt. 

Die Vorstellungen über Katharina Kepler, die Sie anfangs erwähnt haben: Sagt das nicht viel aus über die Haltbarkeit von Vorurteilen? 
Genau. Ganz unerwartet für mich hat der Schriftsteller John Banville mein Buch in der „Literary Review“ besprochen und gesagt: mea culpa, ich bin diesen Stereotypen auch aufgesessen. Es war sehr großzügig von ihm, das einzugestehen. Das ist die tiefere Frage, warum wir diese Stereotypen immer noch lieben. Und was das über unser Verhältnis zur alternden Frau sagt, auch in einer Gesellschaft, in der Frauen älter werden als je zuvor. Ich glaube, das ist eine wichtige Diskussion, die man führen muss, dass man auch im öffentlichen Raum andere Bilder von alten Frauen entstehen lassen muss. Es gibt ein Buch, erschienen bei Piper, in dem Katharina Kepler zur Heldin, zur Kräuterfrau stilisiert wird. Das war sie eben nicht. Das nimmt den Anfang wieder auf, warum ich eigentlich nicht über Hexenverfolgung schreiben wollte: Weil von Frauen auch ein mythisches Bild geschaffen wird. Man muss Katharina Kepler nicht zur Heldin stilisieren, außer dass man Respekt vor ihr haben kann, weil sie bis zum Schluss darauf bestand, sie sei keine Hexe. Darum ging es mir: ein nuancierteres Bild zu zeichnen. 

Interview: Sylvia Staude

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