Die Geschichte vom guten General

Kerstin von Lingen entlarvt den Kesselring-Mythos und die Legende vom "sauberen Krieg an der Südfront"

Von HORST MEIER

Albert Kesselring, dessen Namen in Italien fast jeder kennt, ist hier zu Lande nahezu vergessen. Im Jahre 1952 wurde ein Gedicht auf ihn an die Wand des Rathauses von Cuneo, Lombardei, in Stein gehauen, das sich bald schon in vielen Schulbüchern wiederfand - eine Art Glaubensbekenntnis der Resistenza. Es beginnt mit den Worten: "Du sollst dein Denkmal haben, Kamerad Kesselring?, aber nicht aus Steinen wird es gebaut sein, sondern aus dem Schweigen der Gequälten."

Albert Kesselring, geboren 1885, Soldat seit 1904, zuletzt Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber Südwest, kommandierte im Zweiten Weltkrieg die Rückzugsgefechte der Wehrmacht in Oberitalien. Von 1943 an sahen sich die Deutschen nicht nur den alliierten Truppen, sondern auch den von ihnen unterstützten Partisanen gegenüber. Das Bild vom "guten General", der Kunstschätze bergen ließ, die Beteiligung an der Deportation der römischen Juden verweigerte und Rom zur offenen Stadt erklärte, dieses Bild sein ein "Zerrbild", schreibt Kerstin von Lingen.

Dem Kampf gegen Partisanen fielen im Sommer 1944 die Bewohner ganzer Dörfer zum Opfer: Geplant und stets nach dem selben Muster wurden Frauen, Kinder und Greise mit automatischen Waffen erschossen, die teilweise noch bewohnten Häuser angezündet. Italienische Historiker, die übertriebene Zahlen korrigiert haben, gehen inzwischen von 10 000 Toten aus. Im "Bandenbefehl" vom 17. Juni 1944, für den Kesselring verantwortlich zeichnete, sicherte er jedem absolute Deckung zu, der im Partisanenkampf "über das bei uns übliche zurückhaltende Maß hinausgeht". Das scharfe Vorgehen gegen "Partisanenhelfer" befahl er "auch gegen Frauen und Kinder".

Urteil und Begnadigung

Wegen solcher Befehle wurde Kesselring 1947 nach 57 Verhandlungstagen zum Tode durch Erschießen verurteilt. Das Urteil wurde aber nie vollstreckt, Kesselring starb am 16. Juli 1960 in einem Sanatorium in Bad Nauheim an einem Herzinfarkt. Die zweite Hälfte des Buches widmet sich den Jahren, die dazwischenlagen. Zuerst wurde das Todesurteil in lebenslängliche Haft umgewandelt, dann auf 21 Jahre abgemildert; schließlich wurde Kesselring, an Krebs erkrankt, 1952 begnadigt. Wie es im Kraftfeld von Antikommunismus und Kaltem Krieg zu dieser Wendung kam, wie der Symbolwert des Falles Kesselring auch von deutschfreundlichen Zirkeln in Großbritannien und den USA genutzt wurde, beschreibt die Autorin sehr anschaulich.

Während das britische Kabinett 1948 beschloss, das Prozessprogramm gegen Kriegsverbrecher einzustellen - in Reaktion auf Kritiker wie den damaligen Oppositionsführer Winston Churchill -, formierte sich die deutsche "Kriegsverbrecherlobby".

Der Verteidiger Kesselrings, Rechtsanwalt Hans Laternser, brachte ein ganzes Buch mit Plädoyers und anderen Rechtfertigungsschriften heraus. Mit Erfolg. Große Teile der Presse, evangelische und katholische Würdenträger, die Rechtsschutzstelle im Bundesjustizministerium, Kurt Schumacher, Konrad Adenauer und Marion Gräfin Dönhoff von der Zeit setzten sich für Kesselring ein - wie schon zuvor der Vatikan. Eine in der Tat "bemerkenswerte Allianz".

Mit jedem Entgegenkommen der Alliierten verstärkte sich der Eindruck, die "Siegerjustiz" werde nun korrigiert. So wurden die deutschen Kriegsverbrechen, schreibt die Autorin, "in der kollektiven Erinnerung der Bundesrepublik quasi gelöscht oder zum ?Justizirrtum' umgedeutet".

Höhepunkt der Pressekampagne war eine Serie der Illustrierten Stern, die 1951 mit dem Titel aufmachte "Nicht Gnade, sondern Recht". Die FAZ formulierte: "Unschuldige kann man nicht amnestieren." Die Metamorphose des Kriegsverbrechers zum Ehrenmann, der im Kerker schmachtete, ist ein besonders spannendes Kapitel.

Die Kampagne "Freiheit für Kesselring!" erzeugte einen "apologetischen Nebel", der sich nur allmählich auflöste. Die Autorin leistet vorzügliche Aufklärung und kommt zu dem gut begründeten Ergebnis, Kesselrings Mitschuld am Tod der Zivilisten stehe aufgrund seiner Bandenbefehle "nach wie vor fest". Andererseits sei nicht zu belegen, dass er im Fall der römischen Geiseln Urheber des Erschießungsbefehls war.

Kerstin von Lingen wertete nicht nur Unmengen von Akten und Literatur aus, sondern konnte durch ausgedehnte Recherchen neue Quellen erschließen: So hat sie die Flugbücher aufgespürt, die Kesselrings Inspektionsreise, das heißt seine Abwesenheit während des Attentats von Rom beweisen. Außerdem hat sie den im Bundesarchiv gelagerten Nachlass von Rechtsanwalt Laternser zugänglich gemacht.

Historische Gerechtigkeit

Das Buch bietet die detailreiche Rekonstruktion eines Falles, der im Dreieck von Kriegsverbrechen, Vergangenheitspolitik und Wiederbewaffnung einige Jahre die westdeutsche Nachkriegsdebatte prägte. Eine subtile, hochdifferenzierte Studie, die dem Generalfeldmarschall historische Gerechtigkeit widerfahren lässt, ohne dem Kriegsverbrecher Kesselring das Geringste zu schenken.

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