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Das Bild von einer großen Schreibmaschine. Ein Traum von einem großen Schriftstellerleben.
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Das Bild von einer großen Schreibmaschine. Ein Traum von einem großen Schriftstellerleben.

Literatur

Geschichte eines Parasiten

  • vonCornelia Geissler
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John Boyne erzählt in „Maurice Swift“ von einem Lügner im Literaturbetrieb.

Wer gern liest und sich dann ein bisschen im Schreiben versucht, träumt vielleicht irgendwann vom eigenen Buch. Maurice Swift, um den es im neuesten Roman des Iren John Boyne geht, hat bereits als Schüler Talent im Umgang mit Sprache. Er will unbedingt ein großer Schriftsteller werden. Da der Roman in der deutschen Übersetzung „Die Geschichte eines Lügners“ heißt und auf dem Titel der Autorenname John Boyne durchgestrichen und durch ein gekritzeltes „MAURICE SWIFT“ ersetzt ist, ahnt die Leserin schon, um welche Art von Lügen es sich handeln dürfte: um Plagiate, den Diebstahl geistigen Eigentums.

John Boyne, 1971 in Dublin geboren, ist mit einem Buch für Kinder – „Der Junge im gestreiften Pyjama“ – weltberühmt geworden, hat aber davor und danach Romane für Erwachsene geschrieben, die unerwartete Wendungen in Biografien zum Thema haben. Auch hier erzählt er eine Lebensgeschichte. Besonders ist sein Buch dadurch, wie er die Entwicklung seiner Figur auffächert: Er folgt dem Weg von Maurice Swift zwar chronologisch, schaut auf ihn aber aus fünf verschiedenen Perspektiven. Die sortiert er in drei Teile und zwei kürzere „Zwischenspiele“. Sie führen vom Frühjahr 1988 in Westberlin über einige Hauptstädte in die USA und zuletzt nach London. Europäische und amerikanische Geschichte spiegeln sich denn auch in den Büchern, mit denen Maurice Swift mal sehr großen, mal weniger Erfolg hat.

Der Held erweist sich nicht nur als Lügner: Er ist ein Parasit. Dieser Schmarotzer arbeitet im Verborgenen zu seinen Gunsten und an der Vernichtung seiner Nährstoffgeber. Er nutzt dafür sein umwerfend gutes Aussehen, das auf Männer wie auf Frauen gleichermaßen Eindruck macht. Er hat ein erstaunliches Talent für zugewandte Unterhaltung, kann andererseits auch mit wenigen scharfen Worten empfindlich verletzen. „Nicht alle Monster sehen aus wie der Elefantenmensch“, sagt er mal süffisant, „und nicht jeder, der aussieht wie der Elefantenmensch, ist ein Monster.“

Da sein erster Streich schon auf dem Klappentext des Buches verraten wird, sei auch hier auf ihn eingegangen. Maurice Swift bringt einen alternden englischen Professor, der nach langem Schreiben endlich einen bedeutenden Literaturpreis erhält, dazu, ihn zu seinem Assistenten auszuwählen. Dieser Erich Ackermann, ursprünglich aus Berlin stammend, reist mit Swift zu Literaturfestivals, geht mit ihm auf Empfänge und führt ihn in den Literaturbetrieb ein.

Das Buch

John Boyne: Maurice Swift. Die Geschichte eines Lügners. Roman. Dt. von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg. Piper Verlag. 426 S., 24 Euro.

Die Kontakte werden ihm bald nutzen. Doch zunächst entlockt er Ackermann eine Geschichte aus seiner Jugend in Nazi-Deutschland, die der aus Scham noch nie jemandem erzählt hatte. Maurice Swift, ausgestattet mit Schreibtalent, aber nicht mit Fantasie, hat endlich ein großes Thema mit gesellschaftlicher Relevanz und persönlichen Abgründen gefunden. Die Karriere des Alten ist damit vorbei.

Das liest sich als starke Geschichte von Täuschung, Verführung und der Abhängigkeit Liebender schon schmerzhaft gut, zumal es eben die weitgehend in wörtlicher Rede wiedergegebene Erzählung innerhalb dieses Teils gibt. Das folgende Stück, in dem ein paar Jahre vergangen sind und Maurice Swift an der Seite eines anderen Schriftstellers den berühmten US-Autor Gore Vidal aufsucht, in dem reihenweise prominente Namen fallen, läuft die Handlung anders als erwartet. Im nächsten Teil dann, aus weiblicher Perspektive, wechselt Boyne wiederum das Muster. Maurice Swift ist mittlerweile Mitte dreißig, dem schriftstellerischen Erfolg muss er erneut nachhelfen.

Eine Leiter zum Himmel

„A Ladder to the Sky“ heißt das Buch im Original, das sich im angloamerikanischen Raum bereits gut verkauft und als Pageturner gelobt wurde. Keine Leiter reicht so hoch, dass sie den Himmel erreichen kann. Während die berühmten Erfinder unter den deutschsprachigen Journalisten wie Tom Kummer und Claas Relotius, einmal enttarnt, ihren Betrug nicht neu versuchten, findet Maurice Swift verschiedene Methoden, Stufe für Stufe aufzusteigen. John Boyne bietet ihm als Kenner der literarischen Zirkel eine Menge Tricks – etwa im universitären Betrieb oder einer Zeitschriftenredaktion. Hoffentlich wird nicht zu viel davon wirklich praktiziert.

An manchen Punkten holpert die Erzählung ein wenig, erscheinen beim Lesen Swifts Opfer zu leichtgläubig. John Boyne ist ein zu versierter Autor, um das nicht selbst gemerkt zu haben. Er überspielt diese Stellen mit Witz und Sarkasmus.

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