Paul Getty III. befand sich 1973 mehr als fünf Monate lang in dder Gewalt italienischer Mafiosi.
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Paul Getty III. befand sich 1973 mehr als fünf Monate lang in dder Gewalt italienischer Mafiosi.

"Kidnapping Paul"

Geschichte einer Entrückung

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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In "Kidnapping Paul" erzählen Gisela Getty und Jutta Winkelmann faszinierend von einer jener 68er-Parallelwelten.

Dieses Buch ist alle Mögliche – die „Geschichte einer Entführung“ (so der Untertitel) ist es nicht. Das aber sollte niemanden davon abhalten, „Kidnapping Paul“ zu lesen. Was Gisela Getty und ihre inzwischen verstorbene Schwester Jutta Winkelmann aufgeschrieben haben, könnte man eher die „Geschichte einer Entrückung“ nennen. Es wirft ein faszinierendes Licht auf eine jener Parallelwelten, die sich im Gefolge der 68er-Bewegung seit Anfang der Siebziger gebildet haben. 
Nur beiläufig und vorübergehend bricht das, was wir gemeinhin für Wirklichkeit halten, in diese Erzählung ein: „Wegen eines Poststreiks erreicht ein stümperhaft amputiertes Ohr erst vier Wochen nach Versendung seinen Adressaten, die größte römische Tageszeitung ,Il Messaggiero‘“, schreibt Gisela Getty. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen ihre fantastische Erzählung sich an der italienischen Mehrheitsgesellschaft und ihren sozialen, politischen Konflikten bricht: Die kämpferische Einstellung des italienischen Proletariats durchkreuzt den Zeitplan eines irrwitzigen Verbrechens. 

Das Ohr gehörte Paul Getty III, der sich 1973 mehr als fünf Monate lang in der Gewalt italienischer Mafiosi befand, bevor sein Großvater, der steinreiche Öl-Unternehmer Jean Paul Getty, sich zur Zahlung eines Lösegeldes bereit fand – nachdem die Täter dem nicht einmal 17-Jährigen ein Ohr abgeschnitten und der italienischen Post anvertraut hatten. Diese Geschichte ist seit 45 Jahren Stoff für Nach-Erzählungen gewesen. Gerade ist in Deutschland Ridley Scotts Film „Alles Geld der Welt“ angelaufen, der das Geschehen als Fiktion rekonstruiert (ausgerechnet Christopher Plummer, der anstelle des wegen Missbrauchsvorwürfen herausgeschnittenen Kevin Spacey den alten Patriarchen spielt, ist für einen Oscar nominiert), und Danny Boyle hat den Stoff aktuell zu einer Serie („Trust“) verarbeitet. Aber „Kidnapping Paul“ ist etwas ganz anderes.

Die Entführung taucht erst im letzten Viertel des Buches auf, und sie bleibt eingebettet in eine Erzählung, die fast so rauschhaft wirkt wie das Leben, das die Zwillingsschwestern damals führten. Gisela, die spätere Ehefrau des freigelassenen Paul Getty III, und ihre Zwillingsschwester Jutta waren 1972 nach Rom aufgebrochen. Sie waren gerade 23 Jahre alt und wollten, so Jutta an einer Stelle, „die Welt neu erfinden“. Aber keineswegs im Sinne revolutionärer 68er-Fantasien oder gar der italienischen Postgewerkschaft. Nein, so wiederum Jutta: „Die wichtigen Expeditionen führen in die Innenwelt.“ 

Jutta Winkelmann ist diesem Motto übrigens treu geblieben: Meditierend, noch das eigene Sterben als Weg in die „Wirklichkeit aller Wirklichkeiten“ begreifend (Gisela Getty), erlag sie vor genau zwei Jahren ihrer Krebserkrankung. Begleitet vom Guru der 68er-Abteilung „Lebensexperimente“, ihrem Gefährten Rainer Langhans.

Expeditionen in die Innenwelt, das bedeutet keineswegs Rückzug. Im Gegenteil: Wer „Kidnapping Paul“ liest, taucht mit den Zwillingsschwestern ein in ein irres Gemisch aus Künstler-Bohème, Drogentrips und Sex-Affären. Oft hart am Rande des Existenzminimums („Wir sind völlig frei, besitzen nichts“), begegnen die beiden Schönen allen möglichen Berühmtheiten ihrer Zeit: Gisela Getty, damals noch verheiratet mit dem Schauspieler Rolf Zacher, und ihre Schwester treffen Rosa von Praunheim und Roman Polanski. Jutta ist irgendwann mit dem Künstler Mario Schifano, dem „italienischen Warhol“, liiert. Federico Fellini kommt vor, Alberto Moravia ist mal beim Essen dabei und so weiter und so fort.

Das Ganze wäre schwer zu ertragen, kämen Gettys und Winkelmanns Texte als distanzlos bejahende Veteraninnen-Texte daher. Aber genau das tun sie nicht. Geschickt lassen die Schwestern immer auch eine ironische Distanz zu ihrem „Sommer der Liebe“ erkennen. Zum Beispiel bei der Nachbesprechung eines Treffens mit Federico Fellini, an der der Assistent des Filmemachers teilnimmt: „Er bezweifelt, dass wir unser Glück kapieren“, heißt es da, und dann: „Er ahnt nicht, dass wir gerade (…) von Gott auserwählt worden sind. So wundersam finden wir die Begeisterung des Regisseurs nun auch wieder nicht. Wir schauen uns vielsagend an, aber auch ein bisschen bang: Wir sind zwar erwählt, aber ohne feste Anschrift und Telefon.“

Ironische Distanz, wohlgemerkt, nicht Distanzierung: Gisela Getty und Jutta Winkelmann sehen die Abgründe, an deren Rand sie ständig wandelten. Sie sehen die Naivität, die sie wie ein fliegender, aber jederzeit absturzbereiter Teppich damals trug. Sie beschreiben schonungslos die Schäden, die ein „Leben als Kunstwerk“ einem zufügen kann, weil man Körper und Seele zum puren Material dieses Kunstwerks degradiert wie ein überehrgeiziger Spitzensportler. Aber sie denken gar nicht daran, ihr Tun im Rückblick pauschal zu verurteilen. 

Gerade diese gelungene Gratwanderung macht „Kidnapping Paul“ zum faszinierenden Dokument jener Abzweigung, die große Teile der 68er im Nachhinein genommen haben: die fast rührende, nicht selten selbstzerstörerische Suche nach der besseren Welt im eigenen Ich.
Es mag zynisch klingen, aber vielleicht gelingt das gerade deshalb so gut, weil die Schwestern auch die Abgründe allzu nah erfahren haben. Gettys Entführung erklärt Gisela überzeugend als katastrophale Folge der Beziehungen, die der Millionärs-Enkel (und auch die Zwillinge) zu kriminellen Kreisen pflegten. Vielleicht in einem schrägen Verständnis des 68er-Erbes: „Ich bin noch links“, schreibt Jutta einmal, bezogen auf das Jahr 1973, und wenig später: „Raub gilt als revolutionäre Maßnahme.“

Paul Getty III. hat sich übrigens von der Entführung nie erholt, ist von schwerer Drogensucht nicht losgekommen. Er starb 2011 mit 54 Jahren. „Kidnapping Paul“ aber ist, wie gesagt, viel mehr als die Geschichte dieses Schicksals: Das Buch schreibt ein Stück Geschichte, spannend wie ein guter historischer Roman. 

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