Ernst Troeltschs Versuch

Geschichte durch Geschichte überwinden

Als 1922 der erste und einzige Band von Ernst Troeltschs "Der Historismus und seine Probleme" vollständig vorliegt, machen sich die Intellektuellen in ganz Europa sofort an die Lektüre.

Von THOMAS MEYER

Als Ende Dezember 1922 der erste und einzige Band von Ernst Troeltschs "Der Historismus und seine Probleme" vollständig vorlag, machten sich die Intellektuellen in ganz Europa sofort an die Lektüre. Denn mit seinen "Spectator"- und "Berliner"-Briefen hatte sich der Theologe nach dem Ersten Weltkrieg als Verfechter demokratischer Ideen in Rom, Paris oder London schnell etabliert.

Die 777 Seiten aus der Feder des Berliner Ordinarius für "Religions-, Sozial- und Geschichts-Philosophie und die christliche Religions-Geschichte" versprachen nichts Geringes: Sie wollten die Herausforderungen der Zeit aufnehmen und dem weiterhin stark schwankenden Boden des Nachkriegseuropa ein intellektuelles Narrativ geben, mit dem sich eine stabilere Zukunft denken ließe.

Das vorgelegte Werk war nur auf den ersten Blick ein Produkt der Gelehrtenkultur des 19. Jahrhunderts. Zwar stützte sich der gelehrte "Mandarin" Troeltsch auf die Tradition seit Platon, doch das war nur selbstverständliches Beiwerk. Tatsächlich ging es ihm um die "Bildung einer gegenwärtigen Kultursynthese", die durch die Auseinandersetzung mit den aktuellen Neuansätzen der Geisteswissenschaften gewonnen werden sollte.

Um die "Kultursynthese" formulieren zu können, verzichtete Troeltsch auf den tönernen Block einer Monographie aus einem Guss. Er wählte das diskursive Verfahren des Fort- und Umschreibens von zwölf Aufsätzen, die zwischen 1916 und 1922 entstanden waren.

Sein monumentaler Versuch einer Summe des "Historismus" richtete sich an die kommenden Generationen und jüngeren Zeitgenossen, die Sinnkrisen durchlebten und wegen Lebensmittelknappheit und Schützengrabenerfahrungen leicht in die extremen Deutungsangebote hätten getrieben werden können. Nicht dass sich das Buch zu prophetischen Höhen aufschwang, um dann in den Mühen der Ebene zu versagen. Auch bot es keine revolutionäre Ideen, wie etwa Ludwig Klages in seinem "Kosmogonisches Eros" eine Handlungsanleitung zum Umsturz im Namen der "Idolatrie" predigte oder Oswald Spenglers Kulturmorphologie unter dem Signum des "Untergang des Abendlandes" alles am Ende sah.

Vielmehr enthielt der "Historismus"-Band sprachlich und gedanklich die verlangte neue Beweglichkeit, die einer immer schneller werdenden, sich in atomisierten Selbstreflexionen verlierenden Debattenkultur noch einmal in aller Klarheit und Wucht ein Orientierungsangebot machte.

Die Liste der von diesem Werk beeinflussten Jüngeren liest sich denn auch wie ein "Who is Who" Weimarer Demokraten: der Romanist Erich Auerbach, der Barockforscher Walter Benjamin oder der katholische Theologe Erich Przywara. Auch die Zahl der Gegenentwürfe aus dem Geiste Weimars reichte dem am 1. Februar 1923 verstorbenen Troeltsch zur Ehre. Der Soziologie Karl Mannheim und der Historiker Karl Heussi publizierten buchlange Erwiderungen, die aus der verbindlichen, religiös konnotierten Logik des Theologen neue Wissensmuster zu entwerfen wussten.

Nur wenige der späterhin Berühmten wie Berüchtigten konnten sich dem Sog des Wälzers entziehen. Der Nationalökonom Ludwig Feuchtwanger, ein Bruder des Schriftstellers Lion, wird noch 1938 Troeltsch nennen, als er von Martin Buber nach bedeutenden deutschen nichtjüdischen Intellektuellen gefragt wurde.

Worum ging es Troeltsch nun aber? Der "Kultursynthese" stand am Ende des Buches die Idee gegenüber "Geschichte durch Geschichte überwinden zu wollen". Der Weg dorthin sollte durch die Entfaltung eines zentralen, alle denkmöglichen Entwicklungen berücksichtigenden Modells beschritten werden.

Danach ließen sich die scheinbaren Antagonisten Historismus und Naturalismus, die "beiden großen Wissenschaftsschöpfungen der modernen Welt", auf eine Wurzel zurückführen: Sie entsprangen beide der Bewusstseinsanalyse, die wiederum das "Fundament der Philosophie" bildete. Diese "Bewußtseinsanalyse" sollte eine "Wirklichkeitswissenschaft" sein, in der sich "Selbstverständnis und Fremdverständnis" im Einklang befanden.

Troeltschs Suche nach Möglichkeiten, der Komplexitätssteigerung des Lebens und den Verführungen partikularer Interessen eine historisch gewachsene Alternative zu offerieren, führten ihn schließlich zu einer aufgeklärten Religion, die die Bindekräfte im Zufälligen der Geschichtsprozesse aktivieren wollte. Damit war die Negativfolie des Buches, nämlich Nietzsches relativistische Zeitdiagnose, gebändigt, doch der Versuch, "Geschichte durch Geschichte zu überwinden" nur theologisch gelöst. Den Sirenenklängen einfacher Säkularisierungsformeln widerstand das Konzept daher nicht lange.

Und dennoch: Die Bedeutung der Neuedition von Ernst Troeltschs "Der Historismus und seine Probleme" kann trotz aller Einwände und historischer Niederlagen, nicht hoch genug bewertet werden. Friedrich-Wilhelm Grafs monographische Einleitung und der von Matthias Schloßberger erstellte kritische Apparat legen auf beeindruckende Art die methodischen und inhaltlichen Potentiale von Troeltschs Werk offen. Vor allem die ideengeschichtliche Aufbereitung dieses unabgeschlossenen Versuchs verdient die höchste Anerkennung.

Graf erweckt mit ihr einen Riesen aus einem allzu langen Schlummer. In der kritischen Auseinandersetzung mit dem "Historismus und seinen Problemen" wird sich erkennen lassen, ob die Müdigkeit, Geschichte denken zu wollen, überwunden ist. Wenn nicht wird zu fragen sein, welche Antworten man der gegenwärtigen "Krisis" verantwortungsbewusst zu geben gedenkt.

Ernst Troeltsch: Der Historismus und seine Probleme. Hrsg. v. Friedrich Wilhelm Graf.

Walter de Gruyter 2008, XXVI+1424 S., 298 Euro.

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