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Gerulf Pannach „Als ich wie ein Vogel war“: Den Hintern quer zur Fahne

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Von: Jürgen Verdofsky

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1977 in West-Berlin (v. l.): Gerulf Pannach, Christian Kunert, Wolf Biermann, Jürgen Fuchs.
1977 in West-Berlin (v. l.): Gerulf Pannach, Christian Kunert, Wolf Biermann, Jürgen Fuchs. © picture alliance/AP

Erweiterte Sammlung des Rock-Wunderwerkers Gerulf Pannach.

Alles beginnt in Leipzig mit der Klaus Renft Combo, kann dort aber nicht enden. Der Wortwunderwerker Gerulf Pannach (1948-1998) hat mit seinen Texten für diese Zonen-Zocker & Rocker verhindert, sich wie andere anzupassen. Erfolgstitel wie „Ketten werden knapper“, „Apfeltraum“ oder „Als ich wie ein Vogel war“ genügten bald nicht mehr. Weitere Songs, längst Teil des Sagenschatzes im sächsischen Rockband-Gürtel, „standen unter Quarantäne, so ansteckend waren die“ (Kuno Kunert). Auf Wirkung zu verzichten, das wäre ja der Tod für diese Laokoon-Gruppe von Rockmusikern. Man hatte sich über Pannachs Radikalität zerstritten, aber als der Rock-Poet unter Auftrittsverbot gelangt, nimmt Renft ihn wieder auf und wird selbst verboten.

Die „Rockballade vom kleinen Otto“ ist kein Klingelstreich: „Manchmal sagte Otto: / Leben ist wie Lotto / doch die Kreuze macht ein Funktionär! ... Als er mal ein Foto / Sah vom großen Otto ... Schrieb er dem Namensvetter ... Hol mich nach Norden / Hol mich oder ich flieh!“

Auf das Tabu Westflucht folgen Fragen zur unantastbaren „Fahne“, der Wehrpflicht. Pannach war ihr an der Berliner Mauer ausgesetzt, nicht ohne Wolf Biermann in Uniform aufzusuchen. „Du, woran glaubt der / Der zur Fahne geht / Ruhm der Fahne schwört / Dabei stramm steht? // Du, woran glaubt der / Der nicht anlegt / Der als Fahne vor sich her / Einen Spaten trägt. // Du, woran glaubt der / Der in’n Kahn geht / Und den Hintern quer / Zur Fahne dreht?“ Vertont von Kuno Kunert, sind diese „Glaubensfragen“, der Dreisatz von Wehrdienst, Bausoldat und Verweigerung, ein Tabubruch mit einigen Umdrehungen. So weit hat sich keine ostdeutsche Rockband vorgewagt. Letzter Höhepunkt im Ost-Berliner Metropol-Theater: „Ja, sing den Prager Frühling! – / Nie sah ich Menschen so befreit / Aufjauchzen, jubeln, johlen“. Endgültiges Auftrittsverbot von höchster Stelle.

Das Buch:

Gerulf Pannach: Als ich wie ein Vogel war. Die Texte. Hrsg. v. Salli Sallmann. Anm. v. Kuno Kunert. Lukas Verlag Berlin 2021. 384 S., 25 Euro.

Pannach und Kunert suchen nach der Biermann-Ausbürgerung protestierend die Nähe zu Robert Havemann, wie vor ihnen der Dichter Jürgen Fuchs. Der Philosoph kommt unter Hausarrest, die drei Jung-Rebellen werden verhaftet: „Staatsfeindliche Gruppenbildung“. Eine Aufnahme ihrer Lieder sendet der Hessische Rundfunk, rettender Schutz. Nach neun Monaten U-Haft werden die drei ausgebürgert, andernfalls drakonische Strafandrohung.

Im August 1977 fremd in West-Berlin, aber Ausgangspunkt für etwas Neues, wenn auch Unklares. Pannach dichtet frei nach Erich Mühsam: „Ob im Osten oder Westen, / Wo man ist, ist’s nie am besten / Suche, Seele, suche!“ Anfangs große Konzerte mit Biermann und einiges an Legendenzerstörung nach allzu hoch gespannten Hoffnungen. Neuer Anlauf: Pannach mit eigenen Songs in der Hauptrolle des Films „Fatherland“ von Ken Loach. „Ich singe den Blues in Rot / Für einen, der mich nicht hört.“ Pannach & Kunert erfinden sich danach mit der Rockband „Die Männer“ wieder neu – „das war im zu Ende gehenden West-Berlin einzigartig“ (Manfred Maurenbrecher).

Nicht unterzukriegen mit ihrer expressiven Lakonik, diesem wildbachähnlichen Sound mit zweigipfligem Silbentonfall. Die leichte Eingängigkeit der Texte, voller Witz, kommt aus einem Lebensgefühl – erst im Osten, dann im Westen. Hochgestimmt die Arbeit am Musical „Das Totenschiff“ nach B. Traven. In all dem Tosen auch getrennte Wege. Unüberhörbar ein Hunger nach Vereinfachung: Texte für die Puhdys oder Veronika Fischer. Auftritte wieder mit Renft im Nachwende-Osten, als die Krankheit sich schon zeigt. Im Mai 1998 stirbt Gerulf Pannach mutmaßlich an Haftfolgen, keine fünfzig. Seine Solo-CD „Yorck 17“ wird „Vermächtnis“.

Die Texte des früh verstummten Rockpoeten Gerulf Pannach, herausgegeben vom Weggefährten Salli Sallmann, sind nach zwanzig Jahren wieder bereit, erweitert um gut ein Dutzend unbekannter Titel. Kunerts Anekdoten überwölben die besondere Façon. Dazu gehört auch die erlösende Diskographie von Bodo Strecke, denn erst mit dem Sound erkennt man, wie gelungen vieles ist. Von Pannachs entfesselten Songs flimmert an manchem Ort noch immer die Luft.

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