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Robert Menasse geht mit der EU ins Gericht.
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Robert Menasse geht mit der EU ins Gericht.

EUphorie

Gerichtshof, Rechnungshof

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Die Begriffe sind in einer schändlichen Unordnung, man denke nur an das Wort Finanzkrise: "Tatsächlich war die Krise nie eine Finanzkrise", schreibt Robert Menasse, denn ein Verlust "in Höhe von zwei Prozent des Bruttosozialprodukts Europas rechtfertigt diesen Begriff nicht".

Es fehle „kein Geld, den Schulden stehen Guthaben gegenüber“, ganz abgesehen davon, dass „keine Bank zu krachen droht, im Gegenteil, den Banken wird Kapital geradezu aufgedrängt“.

Robert Menasses „Der europäische Landbote“ ist ein wildes Buch, Analyse und Polemik, Traktat und Pamphlet – bei allem eine Art Flugschrift, die an die Halbstarkenjahre des deutschen Nationalismus erinnert. Auch war es die trostlose Zeit, in der ein Georg Büchner seinen „Hessischen Landboten“ schrieb und, denn es hieß darin ja „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, fliehen musste ins Exil.

Gegen den Europäischen Rat

Vor einigen Jahren veröffentlichte Menasse in dem Büchlein „Permanente Revolution der Begriffe“ den Vortrag: „EUtopia“. Ein solcher Traum lässt keinen Menschen ruhen, deshalb hält Menasse in einem krisengeschüttelten Europa weiterhin fest an der EU. Nicht die EU-Bürokratie höhlt die EU aus, im Gegenteil. Sich für einen EU-Roman in Brüssel einquartierend, traf er bei seinen Recherchen auf außerordentliche Menschen: geistreiche, fleißige, amüsante, sparsame EU-Bürokraten.

Was die EU auszehrt, ist nicht deren Kommission, nicht deren parlamentarische Versammlung, vielmehr der Europäische Rat, das Gremium der nationalen Regierungschefs. Menasse sieht ein Defizit der (demokratischen) Gewaltenteilung; indem er die Finanzkrise als Fetisch begreift und die Demokratiedefizite der EU benennt, beharrt er auf dem Primat der Politik.

Vehement ist sein Plädoyer für eine nachnationale Demokratie, eine, die sich von der Idee des Nationalstaats freimacht, darunter fragwürdigen Identitäten. Sind doch Identitäten, frei nach Hegel, Selbstbilder, bei der Trugbilder zu sich selber kommen. Was Menasse dem Nationalstaat nachsagt, dessen Souveränitätsrechte durchaus souverän ignorierend, ist häufig einseitig, geschuldet einem unverzagten Europapatriotismus.

Menasses „Landbote“ liefert nicht nur eine historische Rekonstruktion der EU-Errungenschaften, er ist eine Dekonstruktion in einem ungewöhnlichen Sinne: „Nur drei europäische Institutionen wachsen absolut: das Parlament, der Gerichtshof und der Rechnungshof. Das heißt: Es wachsen Demokratie, Rechtssicherheit und Budgetkontrolle.“

Menasse ist keine Krisenfrohnatur (die Krise als produktive Zerstörung), auch ist er kein linksradikaler Verelendungslüstling (der EU-Verfall als revolutionäre Chance). Der „Landbote“ ist so etwas wie der Gerichts- und Rechnungshof eines Autors – doch nicht nur das, will doch Menasse aus den Erfahrungen, die er in Brüssel machen konnte, einen Roman werden lassen, den „Vorabend-Roman“ zu einer aufziehenden, neuen Epoche. Eines Tages wird man Menasses „Landboten“ auch als Arbeitsjournal lesen.

Anfang Dezember wird die EU mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Nicht mit Blick auf dieses Datum, denn bereits einige Wochen vor dieser Entscheidung haben sich Intellektuelle entschlossen, über Europa nachzudenken – zwischen traditionellen Buchdeckeln. An dieser Stelle soll bis zu diesem Datum eine kleine EU-Handbibliothek an Neuerscheinungen vorgestellt werden. Das Motto lautet: EUphorie.

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