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Verleihung des Goethe-Preises an Dzevad Karahasan in der Paulskirche.

Literatur

Gerettet durch Goethe

  • vonAndrea Pollmeier
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Dževad Karahasan wird in der Frankfurter Paulskirche mit dem Goethepreis 2020 geehrt.

Gern hätte Dževad Karahasan als junger Mann von Menschen gelernt, die in der Lage sind, Komplexität zu leben. Stattdessen erfuhr der heute 67-jährige bosnische Autor das Gegenteil. Er wurde Zeuge der Belagerung Sarajevos und schilderte 1993 in seinem in zehn Sprachen übersetzten „Tagebuch der Aussiedlung“ detailliert Prozesse geistiger Verengung und kriegerischer Zerstörung. Lediglich das Lesen literarischer Werke habe ihm ermöglicht, individuelle Gefühle und Denkweisen zu entfalten, sagt der geehrte Goethepreisträger heute.

Mit 17 Jahren rettete ihn, so Karahasan, Goethes Werk „Wilhelm Meister“ aus einer tiefen Sinnkrise, später entwickelte er auf der Grundlage von Goethes Literatur sein eigenes poetisches Denken. Heute zählt Karahasan zu den wichtigsten Autoren der bosnischen Gegenwartsliteratur.

Für sein Gesamtwerk wurde er in der Paulskirche mit dem alle drei Jahre verliehenen Goethepreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. Immer wieder im Laufe seiner Dankesrede betont der Preisträger die Trauer über den Verlust an menschlicher Dialogfähigkeit in der Welt und lässt sie zudem spüren.

Während Karahasan in seiner von Katharina Wolf-Grießhaber übersetzten Ansprache nicht direkt zu politischen Ereignissen Stellung nimmt, wird sein Laudator, der Schriftsteller Ingo Schulze, deutlicher. Zu Beginn stellt er Zitate von Goethe und Karahasan einander gegenüber. So spricht Goethe vom Beginn einer neuen Epoche, die 1792, im Anschluss an die Französischen Revolution, auf dem Schlachtfeld einsetzt. Karahasan hingegen beschreibt den Moment „wütender Zertrümmerung“, der im Frühjahr 1992 bei Sarajevo das Ende der für das 20. Jahrhundert charakteristischen bürgerlichen Demokratie einleitet.

Die zukunftskritische Sicht, die aus Karahasans Worten spricht und von einer durch Gegenaufklärung herbeigeführten Epochengrenze ausgeht, sollte man, so Ingo Schulze, nicht überhören. Grund für Karahasans Haltung sei nicht nur die eigene Kriegserfahrung, sondern auch das von ihm beobachtete Desinteresse, das damals wie heute die Mehrzahl der europäischen Staaten diesem Konflikt entgegengebrachten und noch entgegenbringen. „Als Teil Jugoslawiens einst von West wie Ost umworben, wurde Bosnien-Herzegowina zum Bittsteller degradiert, ohne Aussicht, in absehbarer Zeit Beitrittsverhandlungen mit der EU zu beginnen.“ Doch die EU brauche Bosnien-Herzegowina, betont Schulze, das zeige auch ein Autor wie Dževad Karahasan.

Die wichtige Brückenwirkung des Autors hat auch die Jury des Goethe-Preises in ihrer Würdigung betont. Als Mittler zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum gebe der Erzähler, Dramatiker und Essayist, der für den Essayband „Das Buch der Gärten“ 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde, einen aufklärerischen, vermittelnden Impetus.

Karahasan grenzt sich in seinem Denken, wie Ingo Schulze ausführt, explizit vom rationalistischen Denken René Descartes’ ab. Diesem sei es nicht möglich, die Welt als Ganzes wahrzunehmen. So beweise nicht das eigene Denken, dass der Denkende existiere. Den Beweis liefere vielmehr die Tatsache, dass jemand anderer an den Denkenden denkt. „Mein Bild im fremden Auge hängt von ihm u n d von mir ab; das, was mein Gesprächspartner zu mir sagt, bestimmen er u n d ich.“

Dževad Karahasans Sichtweise führt, so Ingo Schulze, mitten hinein in die Gegenwart. In ihm finden jene, die vor knapp zwei Monaten Standbilder von Christopher Kolumbus gestürzt und stellvertretend für ihn zurück ins Meer geworfen haben, einen geistigen Verbündeten. Die Proteste seien zwar nicht sehr differenzierend, dennoch aber berechtigt, weil sie sich gegen ein Denken und eine Praxis richteten, die sich selbst als gottgleich begreift, so, als habe erst die Entdeckung durch Kolumbus Amerika Existenz verliehen. Karahasan stelle jedoch stets jenes „starke Subjekt“ in Frage, das alles, was es erkennt, in ein Objekt verwandelt und glaubt, es beherrschen zu dürfen.

Ohne konkrete Ereignisse anzusprechen, kritisiert auch Karahasan selbst in seiner Dankesrede die Zustände in einer Welt, deren Schöpfung aus Unikaten bestehe und nicht aus Serienprodukten. Goethe habe den Seelenzustand eines Helden nicht definiert und analysiert, sondern ihn durch Vergleich in einen organischen Zusammenhang eingefügt. Diese Form des „organischen Erzählens“ ziehe den Leser in den Roman hinein und verbinde ihn mit eigenen Erfahrungen. Definieren setze Grenzen, Vergleiche hingegen isolieren nicht, sondern verbinden. Nur so könne lebendiges Erzählen gelingen.

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