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Gerard Donovan „In die Arme der Flut“: Also darum geht es hier

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Von: Sylvia Staude

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Er will jedenfalls nicht im Nebel sterben.
Er will jedenfalls nicht im Nebel sterben. © AFP

In Gerard Donovans Roman „In die Arme der Flut“ ist der Tod eine Verlockung.

Luke Roy, nächsten Monat würde er 37, ist auf eine Brücke gegangen, mit der das Städtchen Ross Point groß werden wollte, über die aber noch nie jemand gefahren ist. Eine Bauruine. Dort oben steht er nun, beobachtet das Wogen des Moss Rivers in der engen Schlucht fünfunddreißig Meter unter ihm, beobachtet, wie die Felsen umspült werden, immer wieder verschwinden, wie das Meer drückt, das Wasser strömt und schäumt. Es scheint Luke Roy wichtig, den genau richtigen Moment zu erwischen, den Moment, in dem das Wasser seinen Körper in die kraftvolle Strömung, dann ins Meer ziehen und er zügig ertrinken wird, sollte er da noch nicht tot sein. Denn er weiß von einem Fall, in dem ein Mann sich das Leben nehmen wollte, tagelang schwer verletzt unten lag. Keiner sah ihn, keiner fand ihn rechtzeitig.

Gerard Donovan, geborener Ire, inzwischen im Staat New York lebend, beschäftigte sich schon in seinem international erfolgreichen Roman „Winter in Maine“ mit einem Mann, der den Tod billigend in Kauf nimmt – allerdings den anderer, von denen er annimmt, dass sie seinen Hund getötet haben könnten. Er ist sich seiner Sache einigermaßen sicher, das muss genügen.

Luke Roy, Fabrikarbeiter, weiß von seinem Todesdrang, er ist überzeugt, dieser lauerte bereits in seinem Blut, als er ein Kleinkind war und oben an einer Treppe stand. Das Erdrosseln hat er als Teenager ausprobiert, geprobt. Jetzt will er sich „In die Arme der Flut“ fallen lassen, endgültig. Perfekt soll es sein. Doch das wandelbare Wetter spielt nicht mit, Nebel zieht auf: „Er will nicht im Nebel sterben.“ (Nun könnte man fragen: Ist das nicht egal?)

Der Nebel ist Lukes Glück. Und sein Unglück. Dann wieder sein Glück. Dann wieder sein Unglück.

Luke verlässt die Brücke, geht nun doch zur Arbeit in die Fabrik, wird auf dem Pfad Zeuge des Kenterns eines Boots, sieht einen Jungen den Fluss hinuntertreiben, rennt zurück auf die Brücke, springt hinunter – und das Unglaubliche geschieht, er kann den Jungen retten, auf einen Felsen schubsen, dann selbst verletzt auf einen Felsen klettern.

Das Buch:

Gerard Donovan: In die Arme der Flut. Roman. A. d. Engl. von Thomas Gunkel. Luchterhand, München 2021. 318 S., 20 Euro.

In Luke hineinzusehen, hineinzuhören, das ist durch Donovans behutsame, andeutungs- und bilderreiche Sprachkunst (und die des Übersetzers Thomas Gunkel) auch ein wenig, wie in einen feinen Nebel zu starren – in dem aber allemal genug aufscheint, um das Interesse an diesem Todessehnsüchtigen nicht nur zu wecken, sondern auch zu halten.

Während dieser nun Erfahrungen macht mit den angeblichen sozialen Medien, die ihm fremd sind (Luke ist ein „Relikt aus dem verlorenen Zeitalter der Privatsphäre“), die ihn längst überrollt haben, ehe er etwas merkt. Luke Roy wurde fotografiert und gefilmt bei seinem Sprung und seiner Rettung, so wird er zum Helden, erhält die Ross Point Tapferkeitsmedaille, Politiker ziehen ihn in den Wahlkampf hinein. Aber er wurde, weitere Schicksalswendung, auch schon vor der spektakulären Aktion gefilmt und es ist bei diesem Video offensichtlich, zu welchem Zweck er auf der Brücke war. So wird er zum Schurken. Ihm wird vorgeworfen, ein Betrüger zu sein. Der Trawler, auf dem er wohnt, wird abgefackelt vom Mob der Ex-Bewunderer.

Und nochmal wird einer Zeitung ein Stück Film zugespielt: Es belegt, dass Luke die Brücke verlassen hatte, zurückgelaufen ist für seine Rettungsaktion. Und schon ist er wieder ein Held. Aber für seinen Trawler fühlt sich keiner verantwortlich. Überhaupt ist es, als sei er an allem schuld, als habe er sich die Tapferkeitsmedaille erschlichen. „Man bittet Luke, für etwas, was er gar nicht wollte, Dankbarkeit zu zeigen.“

„In die Arme der Flut“ ist die Geschichte eines Außenseiters, der manchmal kurz davor ist, aus dem Leben zu gehen, der aber eigentlich nichts anderes will, als in Ruhe auf seinem Trawler zu hausen. Der so naiv ist zu glauben, dass es genügt, Nein danke zu sagen zu Ehrungen, die Webseite, um die er ja nicht gebeten hat, löschen zu lassen. Aber Luke hat die Dinge nicht mehr in der Hand, seit all die Filmaufnahmen online gegangen sind.

Es ist ein Roman voll Zartheit in der Schilderung von Seelenzuständen und Zweifeln, aber auch voll bitterer Ironie. Denn der gerettete 15-Jährige, Paul, ist wie Luke ein Mensch, der nicht sicher zu sein scheint, ob er leben oder doch lieber sterben will. Er kann schwimmen, aber er hat sich im Moss River treiben lassen. Luke fällt auf, dass er, nass auf dem Felsen sitzend, unbeteiligt wirkt. Sind sie Gemütsverwandte?

Luke ist eher ein Todes-Forscher als suizidal, ein Sammler von Fast-Todes-Erfahrungen und Todes-Informationen aller Art. Er erinnert sich an einen Zeitungsartikel, wonach eine Frau in New York auf einen Kanaldeckel trat, der unter Strom stand. Die Person hinter ihr glaubte zu hören, dass sie sagte (ehe sie tot umkippte): „Also darum geht es hier.“

Luke hofft, einmal wie diese Frau zu sein, „aber da ist er sich nicht so sicher“.

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