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In der Landschaft der Färöer verschwinden.
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In der Landschaft der Färöer verschwinden.

Klaus Böldl

Geräusche, eingelassen in Stille

  • VonChristoph Schröder
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„Der Atem der Vögel“: Klaus Böldl schreibt seine Chronik der Auflösungen radikal weiter.

M ehr als noch die vorangegangenen Bücher von Klaus Böldl ist „Der Atem der Vögel“ ein Literatur gewordenes Paradoxon: Hier schreibt einer mit Versessenheit, ungeheurer Detailfreudigkeit und Präzision an der eigenen Auflösung, am eigenen Verschwinden. Die Protagonisten von Böldls jeweils schmalen, aber in der Lektüre ungemein intensiven Romanen heißen Harald (wie in „Südlich von Abisko“), Johannes („Studie in Kristallbildung“), Lennart („Der nächtliche Lehrer“) oder eben, wie im neuen Roman „Der Atem der Vögel“ Philipp, und sie sind doch allesamt Fortschreibungen eines einzigen Charakters, eines Menschen, der sich in den hohen Norden verzogen hat, um dort, ja was: vor der Welt zu fliehen? In der Natur aufzugehen, um von sich selbst erlöst zu sein?

In Philipps Fall klingt das so: „Irgendwann, dachte ich damals auf meinem Stein, würde ich eine Wanderung zu diesem Leuchtturm Bordan machen. Dort oben zu stehen, an nichts zu denken, den eigenen Namen nicht mehr zu wissen, ohne Gestalt, über sich die nichts bedeutenden Kreise und Spiralen der Möwen, um sich das leuchtende Gras, im darüberstreichenden Wind aufschimmernd.“ Das sind Sätze, und von ihnen gibt es viele, die getragen werden von einem langsamen, untergründigen Rhythmus, dem Gespür für Klang und einem Anklang von Grundmelancholie. Doch worum geht es? Ist das beschreibbar? Zunehmend vergeblich ist mit dem Lauf der Tage der Versuch, eine äußere Handlung, einen Plot aufrechtzuerhalten.

Philipp, Böldls Ich-Erzähler, ist vor rund zwei Jahren auf die Färöer-Inseln gekommen. Seinerzeit hatte das Nationalmuseum ihm einen über drei Monate laufenden Werkvertrag für die Mitarbeit an der Restaurierung eines mittelalterlichen Chorgestühls angeboten. Eine religiöse Motivebene zieht sich subtil durch das gesamte Buch. Philipp ist geblieben, hat Johanna kennen gelernt, die als Ärztin am Krankenhaus arbeitet, und lebt nun mit ihr und ihrer Tochter Rannvá in einem kleinen Haus zusammen. Viel scheint Philipp in Deutschland nicht zurückgelassen zu haben. Und die Beziehung zu Johanna scheint schon wieder an einem Endpunkt angekommen zu sein. Man duldet sich, ohne viel miteinander zu sprechen, stört sich an Kleinigkeiten. Offenbar fehlt beiden der Mut, die Sache zu beenden.

Irgendwann brechen Johanna und Rannvá auf nach Dänemark, um die Großmutter zu besuchen. Philipp streift alleine umher, mit scharf gestelltem Wahrnehmungsapparat und bruchstückhaften Erinnerungen. Es geht um die Erfahrung unbegrenzter Weite und geistiger Reinheit. Das hat nichts, aber auch gar nichts Esoterisches an sich. Philipps seismographische Welt- und Selbstbeobachtung misst geringste Erschütterungen. Es dürfte kaum einen deutschsprachigen Autor geben, der so raffiniert und pathosfrei psychische Minimalstverschiebungen ins Gefüge des Daseins einbettet. So würde Peter Handke gerne schreiben können.

Es geschieht scheinbar gar nichts, in Wahrheit aber hat Böldl seinem Roman einen Subtext aus Todes- und Verschwindensmotiven eingearbeitet. Das Mädchen, das Philipp nach Johannas Abflug im Flughafenhotel bedient, wird kurz darauf ertrunken aus dem Hafenbecken gezogen. Philipps bester Freund aus Jugendzeiten taucht von einem auf den anderen Tag spurlos ab. Die Fälle werden nicht aufgeklärt; sie bleiben so stehen, eingebettet in ein großes Gesamtpanorama der sehnsuchtsvollen Ereignislosigkeit.

Manchmal sitzt Philipp da und wartet auf nichts: „Es kommt vor, dass die in die Stille eingelassenen Geräusche, durch die ich mich bis zu einem gewissen Grad an die Welt angeschlossen fühle, über Stunden ausbleiben, dass die Welt, als habe sie es endlich aufgegeben, keinen Laut mehr von sich gibt. Dann überfällt mich im Haus oft eine große Müdigkeit.“ Das ist dann das genaue Gegenteil einer Lebensmüdigkeit.

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