Deutscher Buchpreis

Gerade nicht aufhören, wenn es weh tut

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Fünf für den Deutschen Buchpreis Nominierte lesen im Literaturhaus: Franzobel, Sasha Marianna Salzmann, Marion Poschmann, Thomas Lehr und Robert Menasse.

Parallel zum Deutschen Buchpreis gibt es ein Ritual: die kompakte Lesung aller Shortlist-Autoren. Die Synergie dieses Moments wirkt. Das Literaturhaus ist ausverkauft, obwohl Thomas Lehr und Robert Menasse nur wenige Tage zuvor bereits in Frankfurt gelesen hatten.

Fünf der sechs Nominierten sind gekommen, nur Gerhard Falkner fehlt mit seinem Roman „Romeo oder Julia“. Die Gruppe wirkt wie ein kollegiales Team. Das ist beachtlich. Immerhin wird am 9. Oktober nur einer den dicken Hauptpreis heimtragen. Von Konkurrenz ist an diesem Abend jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil. Immer wieder gibt es auch Bezüge zwischen den Werken. Dezente Anspielungen fliegen hin und her. Im Lesesaal funktionieren solche Blickwechsel zwischen Podium und Publikum noch. Das Korsett der Großinszenierung sitzt hier noch locker.

Nicht ganz so ungetrübt war jedoch der Start. Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, wehrt sich in seiner Begrüßung gegen einen Medienbericht über die Sorgen der Buchbranche. Die FAZ-Journalistin Sandra Kegel, die an diesem Abend Gespräche mit Franzobel und Sasha Marianna Salzmann moderiert, hatte vom Umsatzeinbruch gedruckter Bücher geschrieben. Der Branche gehe es insgesamt gut, widerspricht Skipis, im zweitgrößten Buchmarkt der Welt gehe es nur Einzelnen schlecht.

Vielen ging es auf dem Floß der Medusa schlecht, über das Franzobel erzählt. Nur 15 von 147 Menschen überlebten, als ein Floß der havarierten Fregatte Medusa im Jahr 1816 zwei Wochen vor der westafrikanischen Küste trieb. Zwar saßen damals Europäer auf dem Floß, doch kann der Leser nicht umhin, so Sandra Kegel, das Buch als eine Parabel auf die Situation im Mittelmeer zu verstehen.

Von Afrika führt der literarische Blick nach Japan. Die Liebe zur Gartenkunst habe sie nach Kyoto geführt, erzählt Marion Poschmann im Gespräch mit Alf Mentzer. Als Gegenpol zum modernen Tokio dominiere hier die Tradition. „Nicht das Objekt steht im Zentrum des Interesses, sondern die Leere darum herum. Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Seins werden betont.“ Diese oft widersprüchlichen Lebenshaltungen hat die Autorin in ihrem Roman „Die Kieferninsel“ aufeinandertreffen lassen. Der westliche Wissenschaftler Gilbert Silvester wird darin mit einem Mann zusammentreffen, der den Spielzeugnamen Tamagotchi trägt und beabsichtigt, sich an einem im Selbstmord-Handbuch ausgewiesenen „Hotspot“ das Leben zu nehmen. Landschaftsliebhaber und Selbstmörder haben, so Poschmann, dasselbe Reiseziel.

Die Choreografie langer Shortlist-Abende sieht Publikumslieblinge und Favoriten oft erst gegen Ende vor. Robert Menasse tritt zwar zusammen mit Gert Scobel schon vor der Pause auf das Podium, doch ist er Star dieses Abends. Ohne sich lustig zu machen schafft er es, humorvoll über die Bürokratenwelt Europas zu schreiben. Sein Werk „Die Hauptstadt“ ist am Büchertisch schnell ausverkauft. Er liest aus dem Prolog, in dem schon alle zentralen Motive des Romans anklingen. Das gilt vor allem für sein Schwein. Gelassen spaziert es im Roman durch Brüsseler Straßen und wird dort zur Projektionsfläche widersprüchlichster Empfindungen. Vier Jahre hat Robert Manesse in Brüssel verbracht, um das Wesen der Hauptstadt Europas auf den Punkt bringen zu können. Im Schwein – einer bürokratischen Querschnittsmaterie – hat er eine Universalmetapher entdeckt, die – vom Glücksschwein bis zur Drecksau – menschliche Ambivalenzen und kafkaeske Szenen volksnah nachvollziehbar macht.

Nach der Pause kommen zwei extreme Positionen zu Wort. Thomas Lehr, der „8000er des Literaturbetriebs“ (Alf Mentzer), ist mit „Schlafende Sonne“ zum dritten Mal für ein Werk nominiert. Sasha Marianna Salzmann hat hingegen erstmals einen Roman verfasst. Die Regisseurin und Theaterautorin gelangte mit ihrem Debüttext, der in Istanbul entstand, sogleich auf die Shortlist. Das Bild vom Schwein kommt auch hier vor, doch nun als Teil einer gewaltsamen Realität. Eindringlich liest die Autorin die Passage, in der sie den Übergriff auf eine junge, zu Boden geschlagene Frau beschreibt. „Judensau“ steht anschließend an der Mauer. Mit einem Blick zu Robert Menasse liest Salzmann weiter. Beim Schreiben, sagt sie, darf man gerade dann nicht aufhören, wenn es weh tut.

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