Literatur

Als der Vater aller Kommissare geboren wurde

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Freude für die Fans von Georges Simenon:  Der wohl tatsächlich erste Maigret-Roman ist aufgetaucht. 

Die Geschichte, wann und wo Kommissar Maigret gewissermaßen geboren wurde, ist vertrackt nicht zuletzt, weil sein Schöpfer Georges Simenon (1903-1989) darüber immer wieder neue und andere Versionen erzählte. Mal soll es im niederländischen Delfzijl gewesen sein, als der junge Simenon dort mit seinem beschädigten Boot, der Ostrogoth, lag und während dieses repariert wurde. Mal nannte der Schriftsteller Lyon, mal sogar Norwegen, wohin er mit seinem Boot gefahren sei, „um ein wenig Ruhe zu finden“. In Delfzijl enthüllte er immerhin 1966 höchstpersönlich und tief gerührt eine Maigret-Statue.

Daniel Kampa, Chef des Zürcher Kampa-Verlags, bemühte sich im Rahmen des Verlagsprojekts „Der ganze Simenon“ um eine Klärung der damit zusammenhängenden Frage, welches denn nun der erste Maigret-Roman gewesen sei. Und präsentiert nun, erstmals in deutscher Übersetzung, „Maigret im Haus der Unruhe“ und begründet dies auch in einem Nachwort ausführlich.

„La maison de l’inquiétude“ erschien ab dem 1. März 1930 als Vorabdruck in einer Zeitung. Kampa erklärt, warum Simenons Verlag Fayard das Manuskript vermutlich ablehnte: Es war der erste Kriminalroman des Schriftstellers und Fayard hatte damals keine Krimis im Programm. 1932 erschien das „Haus der Unruhe“ dann doch auch in Buchform, bereits 1931 aber „Maigret und Pietr der Lette“, der bisher als erster veritabler Maigret-Roman galt, und in dem Simenon das Doppelgänger-Motiv aus dem „Haus der Unruhe“ gleich nochmal verwendet.

Man braucht in diesem nur ein paar Seiten zu lesen, um Daniel Kampas Argumentation zu folgen: „Das Ereignis selbst überraschte Kommissar Maigret kaum“, lautet der erste Satz, bald folgen auch die Informationen, dass er massig ist, „riesige Hände“ hat, Pfeife raucht. „Wie so viele Dicke gab er sich gern mürrisch“, heißt es auch. Ungewiss, ob der Belgier Simenon einen Gegenentwurf zur damals – auch in Frankreich durchaus schon gelesenen – britischen Konkurrenz schaffen wollte, insbesondere zu Sherlock Holmes. Jedenfalls ist Maigret ein Mann aus der Arbeiterklasse, bodenständig, biertrinkend, weit eher die Fäuste als seine Waffe zu Hilfe nehmend.

Der Name Maigret fiel bereits vorher, er war Nebenfigur in einigen Groschenromanen, die Simenon mit unglaublicher Geschwindigkeit produziert haben muss (ohnehin war er ein Vielschreiber). Übrigens zählte der Schriftsteller selbst auch das „Haus der Unruhe“ noch zu seinen Fortsetzungs-Schmonzetten – ein Urteil, dem man sich nicht anschließen mag.

Grob, aber auch sensibel

Grob zwar ist Maigret, auch grobschlächtig, aber schon bei seinem ersten großen Auftritt doch auch sensibel für Stimmungen, Ängste, Gefühle der Verdächtigen, Angehörigen, anderer Zeugen. Er sieht die Dinge genau, nimmt sie in die Hand, dreht und wendet sie – irritiert dadurch die Menschen –, versucht aber nie, irgendwelche besonderen Verfahren oder forensischen Untersuchungen ins Spiel zu bringen. Es sind die Seelen und ihre Abwege, Abgründe, die ihn interessieren. Durchaus bleibt er, bei aller bärenhaften Ruhe, mitfühlend. „Beide waren sie niedergeschlagen“, heißt es an einer Stelle über Maigret und einen verliebten jungen Mann, der im „Haus der Unruhe“ eine Hauptrolle spielt. Auch die Tränen eines Verdächtigen lassen ihn nicht kalt. Allerdings kann er darauf schon mal was Stärkeres brauchen als Bier.

Ein Ex-Schiffskapitän wurde im titelgebenden Haus ermordet, er könnte der einzige Bewohner gewesen sein, der nicht nervlich angespannt bis seltsam war. Das gilt vor allem für die Familie Gastambide, die vermögend war, aber nun geht der alte Gastambide mit einem Lexikon hausieren. Das er gleich an Maigret verkaufen will. Seine blass-zappelige Tochter taucht nachts am Quai Orfèvres auf, um den Mord zu gestehen.

Maigret, wo auch immer und wie schnell er erfunden wurde – Kampa sieht ein Ausprobieren und Hinarbeiten auf die Figur, Simenon tut eher so, als wäre es ein Geistesblitz gewesen – hat schon von diesem ersten Roman an, in dem er eine große Rolle spielt, das Genre geprägt und eine Tradition begründet. Hat sicher viele Polizistenfiguren inspiriert, zum Beispiel jemanden wie Inspector Columbo. Auch Maigret tritt im immergleichen Mantel an, auch bei Maigret kann man sich gut vorstellen, wie er sich im letzten Augenblick noch umdreht, als ob ihm just etwas einfiele, und sagt: Eine Frage noch ...

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