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Georges Perros (1923–1978).

Französische Literatur

Georges Perros „Klebebilder“: Das Leben in seiner bestürzenden Endlichkeit

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Die bedeutenden, die überwältigenden Aufzeichnungen des französischen Schriftstellers Georges Perros.

Wie beginnt man eine Rezension, wenn die Lektion so stark ist wie in diesem Fall? Liest man nämlich den voluminösen, jetzt auf Deutsch vorliegenden Band mit Aufzeichnungen von Georges Perros, macht man unweigerlich die Erfahrung, dass hier ein bedeutendes Werk sich etwas scheinbar Schwachem verdankt.

Was ist dieses scheinbar Schwache? Wir wollen es, vielleicht unbeholfen, das je eigene Lebensgefühl der Künstler nennen. Für ein erhabenes Lebensgefühl spricht bei diesem Mann, der 1923 in einem Pariser Arbeiterviertel geboren wurde, zunächst einmal gar nichts. Seine Liebe zur Literatur musste der Junge selber entwickeln, denn Eltern und Verwandte hielten ihn nicht zum Lesen an. Er wurde zunächst Schauspieler, trat bei der Comédie Française auf, reiste mit 31 Jahren immer häufiger an die bretonische Küste, wo er sich bald im kleinen Douarnenez niederließ, um sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen.

Das Leben in seiner bestürzenden Endlichkeit war wohl sein größtes, beständigstes Thema. 1978 starb er an Kehlkopfkrebs, nur 54 Jahre alt.

Perros gibt Auskunft über sein Lebensgefühl und darüber, dass es den Dichtern vorbehalten sei, das Ihre zum Ausdruck zu bringen. Er spricht von frühen euphorischen Erfahrungen, die in Kindheit und Jugend zurückreichen und den Poeten zum eigentlichen Beweggrund ihres Schaffens werden: „Es gibt keine Hierarchie auf ihrem Weg, liegt doch das Ziel am Anfang und nicht am Ende. Sie schreiben, um ein großes und schönes Wissen zu bewahren, nicht, um es zu erlangen.“ Auch noch ganz spät gedenkt er der zentralen Rolle, die Wahrnehmungen, Eindrücke und Gefühle aus Kindertagen für Schriftsteller wie ihn spielen – „von dieser Zeit aus schreibt man, ohne es zu wollen“.

Vor diesem Hintergrund formuliert er dann auch, dass diese frühe Empfindsamkeit es ist, die den künstlerischen Menschen in seinem späteren Leben alles daransetzen lässt, hellwache Intelligenz zu entfalten: „Es ist die gewaltigste Empfindsamkeit, oder die zarteste, die den Menschen zwingt, seine höchste Intelligenz zu erlangen.“

Perros gräbt nach etwas Verlorenem. Er kennt noch den alten Begriff des Heiligen und wendet ihn auf das große Glück der Liebe an, bekennt andererseits aber seine „Gewissheit, wie immer auch meine Arbeit aussieht, nicht fündig zu werden“. Überzeugt davon, dass man in der Moderne eigentlich nicht mehr erzählen kann, treibt es ihn so von Notiz zu Notiz, wobei er sich gerne paradoxer Formulierungen bedient.

Das Buch:

Georges Perros: Klebebilder. A. d. Franz. u. mit Anmerkungen v. Anne Weber. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 900 S., 58 Euro.

Einzelne Gedichtversuche, die der Band auch enthält, interessieren uns nicht, aber wir stellen fest, dass Perros neben den Notaten über seine eigenen Befindlichkeiten und Anschauungen ein blendender Kritiker ist. Sein bestes Porträt gilt wohl Sören Kierkegaard, dem er sich so sehr verwandt fühlt. Aber auch seine Auseinandersetzungen mit Stéphane Mallarmé und Jean-Paul Sartre sind lesenswert, und dass Georg Christoph Lichtenberg ebenfalls zu den vielen Porträtierten zählt, verwundert nicht. Perros konstatiert dessen Witz, aber auch dass er die Leserschaft ratlos mache. Da hatte er sich gleichfalls selbst wiedererkannt.

In seiner schier grenzenlosen Offenheit schreibt Perros auch über Malerei. „Was macht der Dichter beim Maler? Er frischt seine Ideen auf.“ Die Künste gewinnen ja überhaupt, wenn der Künstler über den Tellerrand schaut und nach dem Ort seines Tuns in größeren Zusammenhängen fragt. „Gerade in dem Moment, in dem man merkt, dass die Literatur nicht alles ist, droht das Phänomen des Schreibens doch noch Feuer zu fangen.“

Jürgen Habermas hat einmal bemerkt, es gelte trotz des unwiderruflich eingeläuteten Endes der traditionellen Metaphysik gleichwohl an semantischen Gehalten der christlichen Überlieferung festzuhalten. Perros äußert sich deutlicher, wie einer, der Erfahrung damit gemacht hätte: „An Gott glauben und diesen Glauben der Sprache zugutekommen lassen, ist ein Energie-Modus.“ Aber andererseits hat er keine Lust mehr, auf den Spuren etwa von Paul Claudel und dessen unerschütterlichem Katholizismus zu wandeln, und überhaupt – die Schöpfung scheint ihm ja wohl eher misslungen.

Georges Perros: Klebebilder.

Der Autor bleibt hin- und hergerissen. Er öffnet beständig neue Baustellen, schüttet Freigelegtes aber auch wieder zu, weil er sich nicht festlegen und weiter ein großer Zweifelnder bleiben will, lässt bei dieser Arbeit aber auf dem aufgewühlten Grund immer wieder Einsichten wie Edelsteine blinken, völlig unerwartet und wer weiß woher gewonnen.

„Mir liegt nicht im Mindesten daran, ein menschliches Wesen zu sein, zumal ich noch nie Tieren begegnet bin, die Tier sein wollten.“ An solchen Stellen kommt Perros dem sehr nah, was die Surrealisten dépaysement, Tapetenwechsel, genannt haben, jenen Akt, in dem es gelingt, sich aus der gewohnten Vernunft hinauszukatapultieren und den Bereichen des Traums zu öffnen. In seiner Bereitschaft, sich dem Ungedachten, Unabsehbaren zu stellen, sich Verunsicherung bis hin zu tiefer Verzweiflung zu gestatten, geht er zweifellos noch über André Breton hinaus. In solchen Augenblicken landet er seine Treffer aus dem fernen Douarnenez.

Der Autor ist in jedem einzelnen seiner Sätze: „Diese Momente, in denen alle Menschen, alle Bücher der Welt unzureichend werden. In denen man in der gesamten Bibliothek nicht ein einziges Rettungsbuch findet, wie der schiffbrüchige Seemann keine hilfreiche Hand. Genau diese Momente sind es, die eine Vorstellung vom Tod vermitteln.“ Da meldet sich noch einmal die Sehnsucht, Schrift könnte sich in sich selber sammeln, wie es einst in der Heiligen verbürgt war.

Perros hatte eine literarische Form gewählt, die als Abbreviatur wohl noch von dieser Sinnhoffnung zehrt, aber er wusste längst, dass der Tod am Ende recht behalten würde, und es einzig und allein galt, die verbleibende Zeit bewusst und aufmerksam zu durchleben. Gleich wird der Arzt kommen, eine Sonde durch die Nase legen, weil der Patient nach der Operation künstlich ernährt werden muss. Was soll’s: Die Schneise ist geschlagen. Unabsehbar, welchen künftigen Autoren Perros noch zur Anregung dient.

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