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In Savoyen in Frankreich – hier Schlittschuhläufer direkt nach dem Krieg – finden die Brüder Goldschmidt vorübergehend Zuflucht in einem Internat.
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In Savoyen in Frankreich – hier Schlittschuhläufer direkt nach dem Krieg – finden die Brüder Goldschmidt vorübergehend Zuflucht in einem Internat.

Flucht vor den Nazis

Georges-Arthur Goldschmidt: „Der versperrte Weg“ – Um die Zukunft betrogen

  • VonCornelia Geißler
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„Der versperrte Weg“: Georges-Arthur Goldschmidts Requiem für seinen Bruder

Geschwister sind ihr Leben lang aneinander gebunden. Ihr Verhältnis entscheidet sich meist in der Kindheit. Für Erich beginnt es am 2. Mai 1928 mit einer Kränkung: „Die Stimmen der Eltern klangen anders, oft besorgt oder angespannt. Sie waren nicht mehr ganz für ihn da. Er hörte immer öfter den Vornamen des kleinen Bruders und immer seltener seinen eigenen.“ Der das schreibt, ist jener Konkurrent um die Elternliebe. Er blieb der Kleine, der schon mit seiner bloßen Anwesenheit auch die Wahrnehmung des älteren Bruders beeinflusste. Mit mehr als 90 Jahren hat Georges-Arthur Goldschmidt ein Buch von erschütternder emotionaler Wirkung geschrieben: „Der versperrte Weg“.

Warum erzielt der Roman diese Wirkung? Das liegt zuerst am biografischen Hintergrund, an der bürokratisch verfügten Zugehörigkeit der Jungen zum Judentum, was in den Jahren ihrer Kindheit in Europa verhängnisvoll war. Obwohl die Familie bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zum Protestantismus konvertiert war, verlor der Vater im Oktober 1934 seine Stelle als Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Er hatte es „vermieden, den Grund seiner Entlassung irgendwie zu erklären. Von der ,Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums‘ konnte der Junge nichts wissen“, schreibt Goldschmidt. Erich war damals zehn, Jürgen-Arthur, wie sein Geburtsname lautete, sechs Jahre alt.

Als Deutscher sah Erich sich, „was hatte er denn mit ,Juden‘ zu tun?“, die Beschimpfungen auf dem Gymnasium schienen ihm unwirklich. Wie fremd ihm selbst lange die Vorstellung war, ein Jude zu sein, hat Georges-Arthur Goldschmidt bereits in früheren Büchern beschrieben, in der Autobiografie „Über die Flüsse“ oder im Roman „Ein Wiederkommen“. Erich erlebt die Fremdbestimmung zuerst daran, wie sein Radius immer kleiner wird, er nicht mehr auf der Bank im Stadtwald sitzen, nicht bei den anderen baden und schon gar nicht Mitglied der HJ werden darf.

Obwohl der Autor den Ablauf der Ereignisse bereits erzählt hat, erscheint alles durch den Perspektivwechsel neu und auf eigene Weise. Als die Jungen nach Florenz geschickt werden sollen, trifft es beide hart. Dass der kleine Bruder wutschnaubend den Eltern vorwirft, sie hätten die Kinder verkauft, macht es aber für Erich nur noch schlimmer. „Der Ekel, den er vor diesem Theater empfand, war größer als der Kummer. Vom kleinen Bruder war jede nur mögliche Komödie zu erwarten, in zehn Minuten wird er wieder anfangen zu spielen, als sei nichts gewesen ... .“ Im Abstand von mehr als 80 Jahren blickt der Jüngere durch die Augen des Älteren auf die Szene und stellt sich selbst bloß. Es war die freundliche Frage in einem Geburtstagsbrief, was denn aus seinem Bruder geworden sei, die Georges-Arthur Goldschmidt dieses Buch schreiben ließ. „Sie erfassen den Hauptschatten meines langen Lebens: Mein Bruder war vier, als ich zur Welt kam und durch meine Erscheinung auf dieser Welt habe ich sein Leben zerstört“, schrieb er an seinen Verleger.

In Florenz können die Kinder nicht bleiben, weil Italien mit Deutschland kollaboriert. In Frankreich gibt es eine wohlhabende Cousine, die sich bereitfindet, für die Jungen aufzukommen, doch das bedeutet zu ihrem Schrecken nicht, bei ihr zu wohnen, sondern von ihr das Internat finanziert zu bekommen.

Das Buch

Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg. Roman des Bruders. Wallstein, Göttingen 2021. 112 S., 20 Euro.

Mit dem Blick von heute ist völlig klar, welch riesiges Glück die beiden Jungen hatten, dass in Frankreich ihre Jugend neu begann und sie auch später, während der deutschen Besatzung, geschützt wurden. Erich war bereits in einem Alter, da man nicht mehr nur im Moment lebt, sondern Pläne macht und überlegt, warum was wie gekommen ist. „Hatte er die falschen Eltern gehabt?“, das ist eine Frage, die das Grundvertrauen auflöst. „All die Zukunft, die er in sich hatte, entwickelte sich ohne ihn, jede Sekunde davon blieb ungeschehen.“

Es waren nicht die Eltern, die ihm die Zukunft versagten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges befällt Erich die Ahnung, sie nie wiedersehen zu können. Oft wird etwas „unsagbar“ genannt. Georges-Arthur Goldschmidt findet jedoch Worte dafür, wie sich sein Bruder damals gefühlt haben mag: „Ein Gewicht lag wieder auf ihm, es lastete überall, er fühlte es bis in den Bauch.“ Goldschmidt bringt in Sprache, was die welthistorischen Zeitläufte in den einzelnen Seelen anrichteten.

Die Beziehung zwischen den Brüdern, wie sie Goldschmidt hier erfasst, ist auch ein Lehrstück darüber, was Flucht und Migration mit Kindern und Jugendlichen anstellen. Offenheit und eine gewisse Dankbarkeit werden von ihnen erwartet. Im Roman haben sie noch einen Koffer von zu Hause und jeweils den Bruder. Einen „Heimwehschutz“ will Erich sich aufbauen, der Jüngere aber „drängte ihn ständig ins Heimweh zurück“.

Goldschmidt, der nach 1945 Gymnasiallehrer wurde, hat aus dem Deutschen ins Französische übersetzt und in den Achtzigern erste Bücher auf Französisch veröffentlicht. Erst mit der Erzählung „Die Absonderung“ 1991 wechselte er in die Sprache, die er von seinen Eltern gelernt hat. Er ist heute einer der großen Vertreter der Holocaustliteratur. Und das ist er auch mit diesem Buch, zumal er erzählt, wie der ältere Bruder, der in den Widerstand gegangen war, Zeuge der Befreiung des KZ Natzweiler-Struthof wurde.

Goldschmidt stellt die Frage nach Verantwortung auch für die Jungen selbst. Er zeigt, wie sie als Juden aus Deutschland und als Deutsche in Frankreich auf vielfache Weise verstrickt sind. Er legt Erich, der immer ein Faible für Technik und Uniformen hatte, solche Gedanken in den Kopf: „Was wäre aus ihm geworden, wenn er ,Arier‘ gewesen wäre? Seiner Emigration verdankte er, nicht den falschen Weg eingeschlagen zu haben.“ Und doch ist auch der „richtige“ mit Tragik verbunden. Der Bruder „wurde sein Leben lang von den Ereignissen fortgetragen, in fast absichtlicher Passivität“.

In der Kückallee 43 in Reinbek bei Hamburg sind zwei Stolpersteine für Katharina und Dr. Arthur Goldschmidt in den Boden eingelassen, gestorben 1942 und 1947. Erich starb 2011, dieses Buch ist ein Gedenkstein für ihn.

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