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Für seinen besten Froind, Fuks 7, ging es nicht gut aus.

George Saunders

George Saunders „Fuchs 8“: Allerdings ohne Heppi Ent

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Cornelia Geißler schreibt einen Brief an George Saunders’ „Fuchs 8“.

Es sieht aus, als sei es für Kinder geschrieben, denn die Schrift ist größer gesetzt als für belletristische Werke üblich. Auch ziehen sich zarte Zeichnungen durch das Buch. Sogar ist von Kindern anfangs die Rede, denn der Erzähler sucht ihre Nähe und hört zu, wenn sie Gutenachtgeschichten vorgelesen bekommen. Es könnte auch im Regal für Geschenkbücher einsortiert werden, so hübsch wirkt der schmale Band äußerlich.

Doch George Saunders ist kein Autor, der seine Leser mit netten Geschichten einlullt. Seine Erzählbände und sein Roman zeigten ihn bisher als radikalen Erneuerer der Literatur, der den Blick ins Dunkle nicht scheut. Sein „Fuchs 8“ vermag auch kummergeprüfte Leser aufzustören. Saunders hat sich dafür in die Rolle eines anderen Wesens begeben, er schreibt als der Fuchs selbst. Ihm gilt die Antwort hier.

Lieber Fuchs 8,

ich nehme an, Du wartest schon eine Weile auf Antwort. Am Ende Deines Briefs an uns Menschen schreibst Du, die Antwort solle unter das „Fogelhoischen“ abgelegt werden. Ich habe es nicht gefunden.

Zugegeben, manchmal erschwert Deine Rechtschreibung das Verständnis, aber dass Du ein Vogelhäuschen meinst, habe ich schon verstanden.

Ich verwende die Zeitung, um Dich zu erreichen, so wie Du ja offensichtlich auch nicht einfach nur den Briefkasten benutzt hast. Dein Brief erreichte mich als Buch, angeblich von George Saunders, der ein amerikanischer Schriftsteller ist. Es heißt wie Du „Fuchs 8“. Bei der Übersetzung ins Deutsche hat sich Frank Heibert offensichtlich viel Mühe gegeben, Deine oft nach den Lauten orientierte Schreibweise und den füchsischen Sprachduktus beizubehalten.

Das Buch

George Saunders: Fuchs 8. A. d. Engl. v. Frank Heibert. Luchterhand, München 2019. 56 Seiten, 12 Euro.

Erst dachte ich ja, das sei ein genialer Trick von George Saunders, dessen Erzählsammlung „I Can Speak! TM“ hellsichtige Kunstwerke enthält, dessen Stories unter dem Titel „Zehnter Dezember“ den Menschen am Rand zeigen und der mit dem Buch „Lincoln im Bardo“ die Möglichkeiten des Romans um einen riesigen Totenchor erweitert hat. Er könnte nun einem Fuchs seine Stimme gegeben haben? Kann George Saunders empfinden, was Du durchgemacht hast?

Kann er sich hineinversetzen in einen Fuchs, dessen Gemeinschaft ihren Lebensraum durch eine Einkaufs-Mall verliert, der Augenzeuge einer brutalen Tat ohne Sinn wird, der aber dennoch die Menschen verstehen will?

Nature writing ist derzeit ein auffälliger Trend in der Literatur, doch gehen diese mal eher poetischen, mal mehr klassifizierenden Naturbeschreibungen immer vom Menschen aus. Hier aber lesen wir Beobachtungen konsequent aus der Perspektive eines Fuchses. Ich weiß, dass George Saunders in den Catskill Mountains im US-Staat New York lebt, einer Gegend, die zu der in Deinem Brief passen könnte: Dort gibt es Wälder, aber auch Straßen mit Siedlungen dran.

Aus meiner Stadt weiß ich, wie anpassungsfähig Füchse sein können, gerade sah ich wieder einen aus unserem Hinterhof kommen. Ich bewundere Dich, Fuchs 8, wie Du bei Menschen nicht nur Futter suchtest, sondern, angelockt vom Vorlesen für die Kinder, abends an den Fenstern dermaßen intensiv lauschtest, fasziniert von den „Musikwörtern“ der Gutenachtgeschichten, dass Du „Mänschisch“ sprechen und schreiben lerntest.

Durch Deinen Brief wissen wir, was in Deiner alten, bedrohten Gemeinschaft für ein rauer Ton herrschte. Der „Krose Fürer“ bestimmt, was die anderen denken sollen. So etwas haben wir Menschen leider auch schon durch. Manche Wesen ordnen sich offenbar gern einem Führer unter. Aber Du hast Dir die eigene Meinung gebildet, Dich selbst auf den Weg gemacht, was für Deinen besten Freund („Froind“) allerdings, Fuks 7, nicht gut ausging.

Deine Geschichte geht weiter, sie erreicht mein Herz. Dir muss ich sie nicht erzählen, und wer sie kennenlernen will, kann sie selbst lesen. Es stecken so viele lustige Wörter und leider zugleich so viele traurige Tatsachen darin. Sie hat allerdings kein, wie Du schreibst, „Heppi Ent“, weshalb sie für kleine Kinder nicht zum Vorlesen taugt. Ältere jedoch, also jene, die auf die Straße gehen, um die Wälder zu retten, die das Billigfleisch aus den Malls ablehnen, die könnten sich auf Deinen Brief einlassen.

Es liegt bei uns Menschen, dass nicht nur Märchen, sondern auch die realen Geschichten von heute über Natur und Tiere gut ausgehen. Auch an jedem einzelnen. Dein kurzer Brief, der für ein Werk aus Fuchs-Pfoten gewiss extrem lang ist, will uns nicht in Ruhe träumen lassen. Dafür bin ich Dir dankbar, lieber Fuchs. Mach’s gut, ich wünsche Dir Glück,

Deine Cornelia Geißler

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