Georg Schrimpf (1889-1983) porträtierte 1927 seinen Freund Oskar Maria Graf, heute im Münchner Lenbachhaus zu sehen.
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Georg Schrimpf (1889-1983) porträtierte 1927 seinen Freund Oskar Maria Graf, heute im Münchner Lenbachhaus zu sehen.

Georg Schrimpf und der Kommissar

In der FR veröffentlichte Oskar Maria Graf zu Lebzeiten einige Feuilletons. Die hier abgedruckte Geschichte erschien am Jahrestag der Novemberrevolution, am 9. November 1968, postum.

Immer schon hatte mein Freund, der Maler Georg Schrimpf, den Ausbruch einer Revolution prophezeit. Als sie im November 1918 kam, stürzte er sich in sie etwa wie ein kühner Taucher, der unbedingt vor allen anderen Konkurrenten auf den Grund kommen möchte. Mit erstaunlicher Schnelligkeit wusste er alle radikalen Schlagworte und Lenin-Zitate. Er verschlang alle Broschüren, stellte immer wieder neue politische Prognosen, und jeder „Bürger“ kam ihm verdächtig vor.

Jeden und jeden Tag wanderte ich mit ihm durch die bewegten Straßen der Stadt, in die vielen lauten Versammlungen. Er sollte eigentlich gemalt haben. Es ging ihm schon ganz gut, er hatte mit der „Galerie Goltz“ einen Vertrag, der ihm ein monatliches Fixum garantierte, und er sollte in einigen Wochen Bilder für eine Ausstellung liefern. Er malte nicht mehr, er rührte keinen Zeichenstift mehr an. Immer aber, wenn er in die Nähe der „Galerie Goltz“ kam, drückte er den Hut oder die Mütze etwas tiefer ins Gesicht, duckte sich förmlich und schlich schnell vorüber. Er glaubte ernsthaft, sein Kunsthändler stünde den ganzen Tag hinter einem Fenster oder in der offenen Türe und hielte nach ihm Ausschau.

Wenn er dann diese vermeintliche Gefahrenzone glücklich passiert zu haben schien, rieb er sich diebisch die Hände, und dann fing er an, sich über alle Kunst und Künstler lustig zu machen, die jetzt überhaupt keinen Zweck mehr hätten. Beim Januarstreik 1918 waren wir beide wegen Verbreitung illegaler Literatur verhaftet und vierzehn Tage in Polizeigewahrsam gehalten worden, jetzt, als die siegreiche provisorische Revolutionsregierung Eisner, den wir alle von den geheimen Versammlungen her kannten, ausgerufen war, kam Schrimpf zu mir und wollte den Polizeikommissar, der uns damals stets verhört hatte, aufsuchen.

„Verstehst du, wir gehn hin … Wir klopfen gar nicht an die Tür“, erhitzte er seine Phantasie dabei: „Wir gehn einfach in sein Zimmer … Pass auf, der wird ja nicht schlecht erschrecken … So, und dann sagen wir, ah, guten Tag Herr Fuchs, gehn S’ amal weg, wir möchten uns hinsetzen! So, dann hocken wir uns recht breit hin und sagen, wenn er recht verdattert ist, marsch, holen Sie uns eine Maß Bier, aber sofort, marsch! Und wenn er kommt, sagen wir, das ist ja viel zu schlecht eingeschenkt, da haben Sie ja schon was rausgesoffen, Sie – Sie – Dreckschlawiner, Sie windiger! Ja, haha, das sagen wir, und dann muss er noch mal ums Bier laufen … Grad schwitzen muss er dabei, der Spitzel, der ekelhafte … Geh weiter, gleich gehn wir hin … Hahaha, das gibt eine Gaudi.“

Und auf dem ganzen Weg fielen ihm immer phantastischere, unsagbar komische Dinge ein, unter anderem wollte er den Fuchs, der einen roten Spitzbart hatte, ein ganz klein wenig daran zupfen. „Gar nicht grob, bloß so … Und dann sagen wir zu ihm, lassen Sie sich Ihren blöden Bart wegnehmen, Sie lächerlicher Kerl, Sie … In der Revolution ist so ein Bart verboten … Da pass auf, wie klein der wird, wie der lauft …“

Wir trafen aber auf der Polizei keinen einzigen Beamten mehr, nur Eisnerleute. Das freute Schrimpf zwar, aber er bedauerte sehr, dass er um seinen Spaß gekommen war.

In der Frühe endlich fiel ihm etwas ein.

Um auch etwas ernsthaft Revolutionäres zu tun, beteiligte er sich sehr eifrig an dem damals ins Leben gerufenen „Rat geistiger Arbeiter“, der im Landtag seine Sitzung abhielt. Da wurden, um die Künstler zu unterstützen und zu gewinnen, fortwährend Sozialisierungsmaßnahmen irgendwelcher Akademien diskutiert. Man kam aber nie zu einem Resultat, weil meistens alle durch- und gegeneinander redeten. Einmal führte ein junger, energischer Mensch mit blonden Haaren den Vorsitz und sagte sehr bestimmt: „So kommen wir überhaupt nicht weiter … Ich schlage vor, bis morgen bringt jeder einen schriftlich fixierten Vorschlag.“ Schrimpf ging heim und zermarterte sich die ganze Nacht das Hirn. Jeher war er außerstande, etwas schriftlich zu formulieren. In der Frühe endlich fiel ihm etwas ein.

„Nymphenburger Schloss“, schrieb er auf einen winzigen Zettel, mehr nicht. Dieses Schloss war ehemals königlich bayrischer Besitz, es sollte nach Schrimpfs Meinung den Malern für Atelierzwecke zur Verfügung gestellt werden, aber aufschreiben konnte er diese Gedanken nicht, er schrieb, wie gesagt, nur schlicht hin: „Nymphenburger Schloss.“ Dieser harmlose Zettel wurde ihm später, als die gegenrevolutionäre „weiße Garde“ die Münchner Räterepublik niederschlug, zum Verhängnis. Als er von wildgewordenen Bürgerwehrlern und Polizisten als Roter verhaftet wurde, fand man diesen Zettel. Schrimpf hatte schon fast darauf vergessen, um was es sich bei dieser Notiz handelte, aber der Polizeikommissar, der ihn verhörte, ließ nicht locker.

„Sie wollten also das Nymphenburger Schloss für sich, was? … Ja, so sind diese Herren Roten … Professor spielen und gleich das nächstbeste königliche Schloss her, was?“ höhnte er und hob triumphierend den winzigen Zettel. „Ich hab überhaupt nichts wollen!“ bestritt Schrimpf, aber die Polizei konstruierte aus diesem Titel die schrecklichsten Dinge, einmal, dass es in die Luft gesprengt werden sollte, einmal, dass es den Malern für Heime zur Verfügung gestellt werden sollte. Wochen und Wochen blieb Schrimpf in einer sehr gefährlichen, äußerst üblen Haft, und es drohte ihm obendrein noch als vermeintlichem Mitglied der Sozialisierungskommission für kulturelle Angelegenheiten eine Verurteilung zu mehreren Jahren Gefängnis oder Festung. Doch er blieb ungebeugt, im Gegenteil, von Verhör zu Verhör wurde er kecker. „Also das Nymphenburger Schloss! Das hat Ihnen in die Augen gestochen, was?“ stichelte der Kommissar wieder einmal und maß ihn scharf: „Sie brauchen sich gar nicht so dumm stellen! Solche Brüder kennen wir … Da steht schwarz auf weiß – Nymphenburger Schloss!“

„Nymphenburger Schloss?“ erwiderte Schrimpf ungeschickt. „Das sagt doch gar nichts! Ich hätt ja genauso gut hinschreiben können ‚Starnberger See‘ oder ‚Stiller Ozean‘ … Und wenn Sie schon immer behaupten, ich hätt gern Professor werden wollen – bei einer Revolution gibt’s doch überhaupt keine Titel mehr! Da verstehn Sie eben nichts von der Revolution!

„Aber Sie! Sie ganz bestimmt, ja –“ fuhr ihn der Kommissar an.

„Ich hab mich eben informiert darüber“, antwortete Schrimpf frech und war sicher erstaunt über seine Schlagfertigkeit.

„Soso, informiert heißt man das, soso! … Sie geben also zu.“ Er bezichtigte Schrimpf wiederholt der Verschwörung gegen die Staatsgewalt, der gewaltsamen Amtsanmaßung und der übelsten Bereicherungsabsichten unter dem Schutz der Revolutionsregierung.

„Regierung gibt’s doch bei einer Revolution gar nicht, bloß Volksbeauftragte!“ erklärte Schrimpf.

„Erlauben Sie sich keine solchen Frechheiten, Sie! Volksbeauftragter, jaja, wir wissen schon, das haben Sie werden wollen!“ keifte der Kommissar.

„Gar nicht! Ich bin ja Kunstmaler! Das ist doch ein Privatberuf!“ meinte Schrimpf. Es war nichts mit ihm anzufangen. Kein Verhör führte zu irgendeinem belastenden Ergebnis. Er wurde schließlich ohne Prozessierung entlassen.

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