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Der Ford-Mustang-Mustang, wie er auch zu Addi Schmucks Schlitten gehört. Erkennen Tiere ihr Abbild? Eine der Fragen, die Georg Klein in seinem Roman „Bruder aller Bilder“ natürlich nicht beantwortet.
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Der Ford-Mustang-Mustang, wie er auch zu Addi Schmucks Schlitten gehört. Erkennen Tiere ihr Abbild? Eine der Fragen, die Georg Klein in seinem Roman „Bruder aller Bilder“ natürlich nicht beantwortet.

Roman

Georg Klein: „Bruder aller Bilder“ – Die Seele der Hefe

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Georg Kleins raffinierter, trauriger Rätselroman „Bruder aller Bilder“.

Die geheimnisvolle Jungredakteurin Monika Gottlieb erschrickt einmal selbst über das, was sich hinter der Fassade der herkömmlich dafür gehaltenen Wirklichkeit auftut. Sie hat einen Blick dafür, aber das ist nicht angenehm, und sie nimmt sich vor: „alles sehen, was es am jeweiligen Ort zu sehen gibt, aber das Schauen sogleich mit Vergleichen einzäunen, die behaupten, dass da etwas nur so ähnlich wie etwas anderes scheint, weil es sonst nicht auszuhalten ist ... .“

Wenn man sich also fragt, wovon Georg Klein in seinem neuen Roman „Bruder aller Bilder“ eigentlich und hinter dem im Vordergrund Erzählten erzählt, so ist es wohl der Tod. Die Lebensgefahr, der das Leben stets ausgesetzt ist, das Sterben, die Trauer der noch Lebenden und der bereits Toten – trauernde Tote, das ist allerdings eine Überraschung. Dazu kommen die Unverschämtheit, mit der der Tod sich hineindrängt, und die Unverschämtheit, mit der das Leben weitergeht. Als Devise vorne im Band: „Die Bäume auf der Heimfahrt schamlos grün“, von Heiner Müller 1992 im Nachgang zu einem Termin beim Kardiologen notiert.

Dem gegenüber steht wiederum die Macht des Schriftstellers, hier korrigierend einzugreifen oder – wenn das nicht möglich ist – den Tod dem Leben doch anzugleichen. Eine Durchlässigkeit zu schaffen. Zwischen zwei offensichtlich Toten wird eine Liebesgeschichte beginnen, wie ist das bloß möglich?

„Bruder aller Bilder“ ist aber auch ein Augsburg-Roman, der nicht nur darum an den „Roman unserer Kindheit“ (2010) erinnert. Auch die merkwürdigen Gänge in den Augsburger Untergrund, den buchstäblichen Untergrund mit Wegen und Orten unter der Stadt, verbinden die beiden Bücher. Und ihre tieftraurige Grundierung. Denn hier stimmt etwas nicht. Monika Gottlieb, die sich übrigens selbst keineswegs geheimnisvoll vorkommt, hat ein feines Gespür dafür, kein so sehr journalistisches, eher ein körperlich sensorisches. Ihr Drang zur Wahrheitsfindung hält sich dabei im Rahmen. Moni ist abwartend und geduldig. Der Autor mag sie, die Figuren mögen sie. Soll sie, die tendenziell leichtsinnig mit einem schwarzen Roller durch die Stadt flitzt, womöglich vor etwas geschützt werden? Vor einer Ulme am Straßenrand, die schwarze Vehikel zählt und jedem Tausendsten ein Unglück, wenigstens Missgeschick wiederfahren lässt?

Georg Klein erzählt in seinem neuen Romanrätsel also Folgendes: Monika Gottlieb, mit einem befristeten Ein-Jahres-Vertrag zur Redaktion der „Allgemeinen“ gestoßen, wo sie kürzlich den ersten größeren Artikel geschrieben hat, „mit dem sie restlos zufrieden war“, wird für eine unklare Sonderaufgabe fünf Tage lang dem erfolgreichen Sportkolumnisten Addi Schmuck zugeteilt. Mit ihm und seinem alten orangefarbenen Ford Mustang geht es zu einem Sonderling, den Schmuck nur den „Auskenner“ nennt. Dass man den Auskenner mit einer Plastiktröte aufscheuchen muss, die wie die endzeitlichen Posaunen tönt – vielleicht sollte das misstrauisch stimmen.

Kleins Fährte, dass es um einen seltsamen Vorfall in der „Süd-Arena“ geht, Kleins weitere Fährte, dass es unter dem alten, stillgelegten Rosenau-Stadion Seltsamkeiten zu entdecken gibt, führen aber immer nur zu Monika Gottlieb selbst zurück. So markant die beiden alten Männer sind, so markant zunächst nur Monis Nase scheint, so unauffällig, mit Menschen fremdelnd, unter ihrem Vornamen leidend und in Alltagsfragen anspruchslos „MoGo“ (ihr Kürzel) durchs Leben gehen möchte, ist sie doch das Gravitationszentrum der mysteriösen Vorgänge. Ihr Vater, ein genialer Bäckermeister, ist lange tot, ihre Mutter ist kürzlich gestorben. Die Todesanzeige, eine Todesanzeige, wie sie womöglich doch nur in einem Roman von Georg Klein aufgegeben werden kann, hat Schmucks Aufmerksamkeit geweckt. „Ein verflixt schwieriges Genre“, so Schmuck.

Das Buch

Georg Klein: Bruder aller Bilder. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 269 Seiten, 22 Euro.

Der Roman muss, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, im September 2013 spielen, im fünften Jahr trägt der rot-grün-weiße Erstligist der nicht beim Namen genannten Stadt in der neuen „Süd-Arena“ seine Partien aus. Den spektakulären Heimsieg, von dem hier die Rede ist, konnten wir nicht ausfindig machen, verlassen uns aber auf den Sportexperten Schmuck. MoGo kann, das ist eine Beruhigung, „später, viel später“, wie Georg Klein mehrfach beiläufig erwähnt, von den Ereignissen berichten.

Ereignisse, die ihre Logik beziehungsweise Unlogik wie meist bei Klein aus den Motiven beziehen. Uhren – darunter das Ührchen der toten Mutter, Diminutive darf man beim Lesen eines Georg-Klein-Romans nicht hassen, man muss ihr schauriges Potenzial erkennen – spielen eine Rolle, Uhren und Durchgänge aller Art. Tiere sind allgegenwärtig, vor allem Vögel, lebende und tote, künstliche und gespenstische, Klein schießt ein Feuerwerk der Ideen dazu ab, bis hin zu einem dermaßen überzeugend gemusterten Kimono, dass der Witzbold Schmuck – Addi Schmuck im Kimono, auch unerwartet – in seinen Taschen abends Eier finden will. Moni hält sich Vögel möglichst vom Leib, wie wir erfahren.

Die kurzen Kapitel sind zunächst nach Pflanzen, nachher nach Tieren benannt – die Namen erschließen sich stets und abwechslungsreich –, Natur ist aber nicht traut, sondern aufgestört. Die Ulme ist nicht das einzige Wesen, dem nicht über den Weg zu trauen ist. Die Menschen, deutet sich an – etwa unter den Socken von Monis fabelhaft attraktivem Nachbarn Dr. Feinmiller –, haben Züge ins Chimärenhafte, vielleicht Zusammengeschraubte.

Die Lebendigkeit des Unbelebten zeigt sich im Gebäckteil Hefeseele oder im apodiktischen Wort des toten Vaters, Teig sei nicht tot. Beste Torten gibt es im Café Himmel, Addi Schmuck und der Auskenner sind tüchtige Schleckermäuler. Tot sind hingegen gewiss die einst lebendigen Tiere, die ebenfalls reichlich verzehrt werden. MoGo, seit früher Kindheit von finsteren Träumen geplagt, hat allerdings gelegentlich Schwierigkeiten, Realität und Alb zu unterscheiden.

Obwohl „Bruder aller Bilder“ fast im Hier und Heute spielt, zieht Klein viele Register, um ins vordigitale Zeitalter zurückzugelangen. Unter diversen Vorwänden tauchen Anrufbeantworterkassetten oder Telefonzellen auf. Umgekehrt werden Smartphones gemieden oder gehen verloren. Mit „diesem Internet“ befasst sich Schmuck nur im Notfall und dann über die karikatureske, aber nicht unrealistische Redaktionssekretärin Evi.

Denn „Bruder aller Bilder“ ist außerdem ein veritabler Redaktionsroman. Die „Allgemeine“ ist auf den ersten Blick eine Bilderbuchlokalzeitung, deren Eigentümerin die Verlegerin aus „Kir Royal“ ulkig variiert. Andererseits ist das Redigat des Kulturressortleiters, der sich MoGos Trachtenmodenmesse-Artikel vornimmt, eine vertraute Posse. „Verstehen Sie mich nicht falsch: Scherz, ja! Erotik, unbedingt! Sexy? Why not. Aber alles im Rahmen des Gutverständlichen.“ Das Ergebnis findet viel Lob, obwohl die dabei immer wieder zitierte Wendung „Wadenschwung“ gar nicht von MoGo ist. Der Kulturressortleiter soll vom kommenden Jahr an das neue Ressort „Sport, Kultur und Leben“ leiten. Längst lachen wir nicht mehr. Klein kennt sich in der Branche offensichtlich aus.

Aus einem gestrigen Lokaljournalismus bezieht der Autor auch Teile des betulich, heute nicht einmal mehr abgedroschen wirkenden Vokabulars, und wenn es der „Kriegsfuß“ ist, auf dem Moni mit ihren Nächten steht.

Fängt sich Klein in seinem motivischen Virtuosentum? Durchaus, aber er findet auch wieder heraus und zu einer enormen Schlusswendung. Es wird einem kaum etwas anderes übrigbleiben, als „Bruder aller Bilder“ noch einmal zu lesen.

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