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Rainald Goetz schreibt seit mehr als 30 Jahren Romane.
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Rainald Goetz schreibt seit mehr als 30 Jahren Romane.

Büchner-Preis

Georg-Büchner-Preis für Rainald Goetz

Der Autor Rainald Goetz gilt als Beobachter und Chronist der Gegenwart. Er hat schon zahlreiche Auszeichnungen bekommen. Der renommierte Büchner-Preis ist die Krönung. Der Preis soll am 31. Oktober in Darmstadt verliehen werden.

Von Christian Bos

Es beginnt mit einer Hassempfindung“, eröffnete Rainald Goetz seine Vorlesung zur Heiner-Müller-Gastprofessur an der Berliner FU. Das war vor drei Jahren. 30 Jahre zuvor, als sich der zweifach promovierte Punk beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit der Rasierklinge in die Literaturgeschichte ritzte, war es nicht anders: Hass, heiße Verachtung, geile Intensität, grellwache Beobachtung, kalte Anamnese.

„Einzigartige Intensität“, lobt auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die Rainald Goetz in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis verleiht. Mit 50 000 Euro dotiert, gilt er als Deutschlands wichtigste Literatur-Auszeichnung. Der Suhrkamp-Autor, so die Jury, habe die deutsche Gegenwart gefeiert, verdammt und mit Mitteln der Theorie analysiert, als „teilnehmender, denkender und moralisch urteilender Beobachter“.

In dieser Gegenwartsbeobachtung, diesem Flash des Jetzt, knallen bei Goetz Hass und Empathie aufeinander – und entladen sich in klärenden Wortgewittern. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. „Notwendig ist das einfache Abschreiben der Welt“, forderte der junge Autor 1983 im Klagenfurt Wettbewerb, sein Manifest „Subito“ vortragend.

Subito: plötzlich. „Ich schneide in die Haut“ las Goetz, die blondierten Struwelhaare erinnern in der Nachbetrachtung ein wenig an den damaligen Teenie-Star Limahl, „Blut quillt hervor, und es macht: Fließ Rinn Zisch Lösch. In mir brennt es nämlich von innen, es brennt vor so viel Lebenbrennen, und außen ist die glatte Haut.“ Ernst Jünger – für den das Abschreiben der Welt wie für Goetz eine Radikalisierung des Blickes bedeutete – war bekanntlich die „Desinvolture“ die Voraussetzung des Beobachtens. Rainald Goetz aber warf und wirft sich noch stets mitten ins Geschehen. Beobachtung heißt Wachsein, Wachsein aber bedeutet: Lebenbrennen.

In der biografischen Notiz am Ende seiner medizinischen Dissertation zum „Reaktionszeit-Paradigma als diagnostisches Instrument in der Kinderpsychiatrie“ schreibt der Noch-nicht-Autor unter anderem „1980 sehr viel Bier und Blut“, kurz darauf vereinte er beide Welten im Romandebüt „Irre“, die Erfahrungen als Assistenzarzt in der Psychiatrie, die Sauf- und Tanzgelage in den Münchner Punkclubs „Damage“, „Lipstick“ und „Größenwahn“. Ob draußen, ob drinnen, Medizin- oder Kulturbetrieb, Körperexzess oder Hirnarbeit: alles irre.

Kampfansage an die Gesellschaft

„Irre“, das war damals, 1983, ein unerhörter Sound. Der die Feuilletonisten erst verblüffte, dann in Lager spaltete. Manche mögen an Rolf Dieter Brinkmanns schimpfend die Stadt durchwanderndes Erzähler-Ich gedacht haben. Aber Goetz war so viel bohrender, aggressiver, seine Kampfansage galt nicht nur der ganzen Gesellschaft, sie hatte auch Geschichtsbewusstsein (promovierter Historiker ist Goetz zudem).

Wahnsinn und Gesellschaft fielen, wie beim französischen Poststrukturalisten Michel Foucault, für Goetz in eins. Später erkor er sich einen anderen „Suhrkamp Wissenschaft“-Autor zum „einzigen maßgeblichen Philosophen“, Niklas Luhmann, dessen Systemtheorie er zum „ultimativen Kunstwerk“ verklärte.

Da hatte zwischenzeitlich Euphorie den Hass abgelöst, mit Anbruch der 90er stürzte sich der Urmünchner ins Nachtleben des jüngst vereinten Berlin, feierte die totale Gegenwart der Gegenwart auf endlosen Techno-Partys. „Später stand ich im Getümmel, und mein Füller huschte blau über das gewackelte Papier vor mir“, heißt es in einer oft zitierten Stelle aus „Rave“ (1998).

Thomas Meinecke, sein gleichalter Suhrkamp-Kollege, zeigte sich nicht minder fasziniert von der damaligen DJ-Kultur, verharrte aber aufmerksam am Rand der Tanzfläche, wo sich Goetz mit Notizblock ins schweißnasse Körpergewühl stürzte, auf der Jagd nach der geringstmöglichen Distanz zwischen Augenblick und Niederschrift: „Verweile doch! du bist so schön!“ Dass Goetz dann mit seinen täglichen Internet-Notizen „Abfall für Alle“ zum ersten literarischen Blogger des Landes wurde, war da nur konsequent.

Irgendwann entdeckte Goetz auch wieder die Macht des Tages für sich, und während alle auf ein schriftliches Lebenszeichen warteten, lief man beim Spaziergang durch Berlins Mitte stets Gefahr, von der radelnden Wahrnehmungsmaschine Goetz umgefahren zu werden. Zwischen Bundespressekonferenz, Galerieeröffnung und „Esra“-Prozess seines einstigen Kollegen beim Zeitgeist-Magazin „Tempo“, Maxim Biller, sprintete Goetz auf unermüdlicher Gegenwartssuche. Angeblich arbeitete er in dieser Zeit, den sieben veröffentlichungslosen Jahren an einem großen Familienroman, und scheiterte an einer Form, die einfach nicht die seine ist.

Also wieder Tagebücher, „Klage“, „Loslabern“, extrem säurehaltige Beobachtungen der Berliner Republik, stets vor Ort, in unmittelbarer Konfrontation mit den handelnden Personen, verfasst. Der gute Hass war wieder da. Und dann – endlich – der erste Roman seit der RAF-Auseinandersetzung „Kontrolliert“ (1988).

In „Johann Holtrop“, mit dem eindeutig zweideutigen Untertitel „Abriss der Gesellschaft“ versuchte sich Goetz an einer Innensicht der ausgehöhlten Protagonisten des Spätkapitalismus, am Beispiel des Falles Thomas Middelhoff. Manche Kritiker warfen ihm holzschnittartige Figuren vor, als stünde das nicht in vollster Absicht des Autors – drei Jahre später will plötzlich jeder „Johann Holtrop“ gut gefunden haben. Hass, Haltung und Hirneinsatz – sie führen bei Rainald Goetz zu einer sturzartigen Klarsicht auf die Gesellschaft, die höchstens noch ein paar Punksongs erreichen.

Goetz ist jetzt 61 Jahre alt, aber die unablässige nervöse Anspannung mit der er seiner Umwelt begegnet, sein Haareraufen mit dem eigenen Denkstüberl, machen ihm zum jüngsten Büchner-Preisträger seit langer Zeit.

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