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Berlin 2019: Clemens J. Setz, damals einer der vielen neuen Vollbartträger, erhält den Berliner Literaturpreis.
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Berlin 2019: Clemens J. Setz, damals einer der vielen neuen Vollbartträger, erhält den Berliner Literaturpreis.

Auszeichnung

Georg-Büchner-Preis für Clemens J. Setz: Ein Befreiungszauber

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der Österreicher Clemens J. Setz Georg-Büchner-Preis

Clemens J. Setz ist ein so merkwürdiger Schriftsteller, dass sich die Frage, ob man mit 38 Jahren notwendigerweise bereits den Georg-Büchner-Preis erhalten muss, in seinem Fall nicht stellt. Hans-Magnus Enzensberger war 34. Georg Büchner starb mit 23. Man vergisst immer, wie jung die Alten und die Toten früher waren; ein dummer Irrtum, der Clemens J. Setz gewiss nicht unterlaufen würde. „Wie alle Menschen“, heißt es über einen ängstlichen Mann in dem Erzählungsband „Der Trost runder Dinge“ (2019), „begegnete Zweigl jedes Jahr seinem zukünftigen Todesdatum, ohne es zu wissen. Er glitt darüber hinweg wie der klappernde Haken über die Felder eines Glücksrads.“

Setz mag für sein hohes und ausgiebig ausgeführtes, gelegentlich zelebriertes, gelegentlich auch penetrantes Sprachbewusstsein berühmt sein, aber er hat dazu noch eine gute Übersicht über menschliche Dinge, eine geheimnisvoll günstige (für uns, vielleicht nicht für ihn selbst) Position, von der aus er direkt hinein in die Abgründe des Lebens schaut. Auch darum ist sein dickster Roman, ein echter Schmöker, das Opus magnum eines Anfangdreißigers, ein solches Wunderwerk, dem man mit Begriffen wie „postmodern“ und „popkulturell“ beizukommen versuchte, aber vergeblich. „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (2015) erzählt in vielen ausufernden Details von verzweifeltem Sex, rasanter Einsamkeit, dem Anquasseln gegen Angst und Tod und dem brutal auf Selbstschutz ausgerichteten Umgang mit der verstörenden Arbeit in einem Pflegeheim. Das ist Setzisch grell und auch flott. Aber Natalie, die extrem gestörte Hauptfigur, die in „aurige“ Zustände gerät (und, wie hier zu sehen ist, Worte dafür hat), gehört in die Reihe der unvergessen menschlichsten Romanfiguren der vergangenen, inzwischen immerhin sechs Jahre. Sie demonstriert nicht nur (erinnert daran), dass ein Mensch sich jeden anderen Menschen vorstellen kann und nicht unbedingt die Identitätspolitik, aber doch die Literatur der ideale Weg dahin ist. Die unglückliche, lebendige Natalie nimmt dem Roman auch alles Gemachte und alle Manier, unter denen Setz’ effektvolle Erzählungen manchmal leiden.

Setz wurde 1982 in Graz geboren, alle vorauseilende Bewunderung für den glänzend am Vorbild geschulten Sprachsinn in der österreichischen Literatur erfüllte er von Anbeginn an – Ernst Jandl war es, der ihn nach eigenem Bekunden zur Literatur brachte, nachdem er zunächst Mathematik und Germanistik auf Lehramt studierte. Durch Computerspielen, berichtet er, habe er solche Migräne bekommen, dass er mit dem Bücherlesen angefangen habe. Wer zum divers Exzessiven neigt, wird sich auch in den Büchern von Setz wiederfinden, zuletzt in seiner intensiven Befassung mit sogenannten Plansprachen, Kunstsprachen wie Esperanto, in „Die Bienen und das Unsichtbare“ (2020). Warum dies? Das Kommunikationsbedürfnis, so Setz dazu im Interview mit dem „Standard“, sei stark, „zu kommunizieren für viele aber wegen körperlicher, psychischer, gesellschaftlicher Behinderungen sehr schwer“. Eine Plansprache könne „wie ein Befreiungszauber aus dieser Verwunschenheit“ sein. Das klingt wie eine Formel auch für die Setz-Sprache, zu der eine hinreißende, nonchalante Unverlogenheit gehört.

Clemens J. Setz auf Twitter

Der neue Büchnerpreisträger nutzt den Kurznachrichtendienst auf beispielhafte Weise für Information, Dichtung und Unsinn. 8674 Follower hatte Clemens J. Setz am Dienstag um die Mittagszeit. Merkwürdig an dieser Zahl ist vor allem ihre geringe Größe. Ihm zu folgen, ist ein Quell steter Freude.

Er zeigt gerne Fotos von Tieren und verbreitet anteilnehmend Meldungen über sie weiter. Etwa wenn ein heimatloser Border Collie Schafe hüten möchte, wozu er nicht gebeten wurde. Oder wenn die Feuerwehr einem aus dem Wasser geretteten Reh erst einmal die Augen verbindet.

Er lässt uns an seinem Alltag teilhaben: „sitze headbangend im Schaukelstuhl und mein Bart riecht nach Käse“, schreibt er und hängt als Antwort ran: „erst mithilfe ersterem fiel mir letzteres auf“.

Er tippt Gedichte wie dieses vierzeilige über den Hochsommer: „Am frühen Morgen gleicht mein Schatten/ noch einem Mann auf Stelzen/ Die große Hitze bräunt die Ratten/ Die Fahrradsättel schmelzen“. Auf die Notiz von jemandem über eine genervte Supermarkt-Kassiererin reagiert Setz so: „Maske runter, mich erbarmt/ Kunden klatschen, schnell umarmt/ Gemeinsam KenFM gelauscht/ und die Nummer ausgetauscht/ We didn’t start the fire“. Das ist Gebrauchslyrik in der Tradition Kästners und Tucholskys.

In Setz’ Kurzbiografie auf Literaturport.de steht als vorletzter Satz: „Jetzt ist es 2016 und Clemens Setz veröffentlicht hauptsächlich auf Twitter.“ Gut, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Mehrere Bücher folgten. Mit dem Preis wird die Zahl seiner Leser und seiner Follower steigen. cg

Aus Interviews wie aus den Büchern wird man auf eine empfindliche Persönlichkeit schließen, esoterische Konzepte und Phänomene sind oft in greifbarer Nähe, so in „Indigo“ (2012), und sie bilden immer einen fabelhaften Kontrast zum Antisubtilen, den offenherzigen Comic-und-Computerspiel-Brutalitäten und brachialen Vorstellungen von Sexualität. Zu den vielen Argumenten für die Bücher von Clemens J. Setz gehört es, dass das am Anfang impertinenter wirkt als ein paar Lektüren später.

Wer den Debütroman „Söhne und Planeten“ (2007) verpasst hat, verschlief bereits einiges, dem schon vielbeachteten zweiten (immerhin 700 Seiten langen) Roman „Frequenzen“ (2009) – ebenfalls noch im Residenzverlag – folgte dann ein Kritik- und hoffentlich auch Publikumserfolg nach dem anderen, angefangen mit dem Erzählungsband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (2011), mit dem der Wechsel zu Suhrkamp einherging und Setz den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Die starke Konkurrenz – unter anderem Herrndorfs „Tschick“ und Geigers „Der alte König in seinem Exil“ – trug damals zur Verdatterung bei. Seither war Gelegenheit sich daran zu gewöhnen, dass ein neues Setz-Buch es zumindest auf eine Longlist schafft. 2014 kam der Gedichtband „Die Vogelstraußtrompete“ heraus, denn es gibt keine Gattung, die Setz nicht erfolgreich ausprobiert hätte. In einer Corona-Lücke gelang es sogar, das Theaterstück „Flüstern in stehenden Zügen“ zur Uraufführung zu bringen.

Wie man sieht, sind Setz’ Titel auf die Art handverlesen, wie man sie gemeinsam über einem Bier austüftelt (ähnlich wie die Namen nie gegründeter Bands), der Unterschied ist aber, dass Setz dann auch etwas damit anfängt. Obwohl zum Beispiel die Frage der Sinnlosigkeit in seinen Geschichten eine fundamentale Rolle spielt, steht man einem hellwachen, tätigen Menschen gegenüber. So bei seiner „Klagenfurter Rede“ vor zwei Jahren, in der er zum Auftakt des Literaturwettbewerbs den Begriff des Kayfabe (der Kampfsimulations-Regularien beim Wrestling, eine von Setz’ „Partikularinteressen“) in die Hochkultur überführte. Die Rede: nicht nur dadurch ein rhetorisches Meisterstück, das hohe Erwartungen an seine Büchnerpreisrede weckt.

Folgendermaßen fasst die Jury des Büchnerpreises die Situation zusammen: „Seine bisweilen verstörende Drastik sticht ins Herz unserer Gegenwart, weil sie einem zutiefst humanistischen Impuls folgt. Diese Menschenfreundlichkeit verbindet Clemens J. Setz mit einem enzyklopädischen Wissen und einem Reichtum der poetischen und sprachschöpferischen Imagination. Mit staunenswerter Vielseitigkeit demonstriert er eine radikale Zeitgenossenschaft, welche Buch um Buch die Schönheit und den Eigensinn großer Literatur beglaubigt.“ Die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung wird durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am 6. November in Darmstadt überreicht.

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