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Der berühmteste Neurologe: Oliver Sacks, der jetzt eine Autobiographie vorlegt.

Oliver Sacks „On the Move“

Genug Zeit für Dummheiten

Eine Autobiografie, die glücksgefühlverursachende Haken schlägt: „On the Move“ von dem Neurologen und Schriftsteller Oliver Sacks.

Von Ulrich Seidler

Oliver Sacks ist fast hundert Jahre nach seinem Großvater geboren, hat ihn nicht kennengelernt, soll ihm aber – Verwandten zufolge – in Wesen und Aussehen aufs Haar gleichen. Der Großvater hieß Mordechai Fredkin. Geboren 1837 in einem russischen Dorf, entzog er sich 16-jährig mit dem Pass eines Toten dem Wehrdienst, floh nach Paris, nach Frankfurt, wo er heiratete, und 1855 nach England, wo die Ehe mit 18 Kindern gesegnet wurde.

Mordechai war Schuhmacher, Schächter, Lebensmittelhändler, hebräischer Gelehrter, Mystiker, Amateurmathematiker und Lampen-Erfinder. Sein sechzehntes Kind, eine Tochter, heiratete einen Arzt, wurde Chirurgin und bekam vier Söhne, von denen der jüngste, geboren 1933, nun, da er bald sterben muss, seine Autobiografie veröffentlicht: „On the Move. Mein Leben“ von Oliver Sacks, dem laut Klappentext berühmtesten Neurologen der Welt.

Im Februar schrieb er in der „New York Times“ von seiner tödlichen Krankheit. Seine Leber sei von Metastasen durchsetzt, er habe nur noch ein paar Monate zu leben. Er wolle die Zeit nutzen, um Freundschaften zu vertiefen, sich von denen, die er liebt, zu verabschieden, zu schreiben, zu reisen, wenn die Kraft reicht, neue Einsichten und Erkenntnisse zu gewinnen. Zeit für Spaß und für Dummheiten werde auch bleiben. Der Artikel endet dennoch mit einem Resümee in Vergangenheitsform: „Ich war ein fühlendes Wesen, ein denkendes Tier auf diesem schönen Planeten, und allein das war ein enormes Privileg und Abenteuer.“

Bereits 2005 erfuhr Sacks, dass er Krebs hat, einen Tumor im Auge. In einem Tagebuch, das er in „Das innere Auge“ (2010) veröffentlichte und in dem er sich einmal mehr selbst zum Gegenstand seiner einfühlsamen, humorvollen Fallgeschichten macht, erzählt er von den Gesichtsfeldveränderungen, der Unsicherheit, der Diagnose, der Angst, der Behandlung. Und von seiner Heilung, die, wie sich nun herausstellte, nur vorübergehend war. Auch in „Der Tag, an dem mein Bein fortging“ (1984) erzählt er von sich – einem Bergunfall, seiner Rettung, dem gefühlten Verlust seines Beines – und macht die Geschichte zu einem Musterbeispiel für unsere ausgeklügelten Wahrnehmungsstrategien und fragilen Identitätsillusionen. Wir wissen also schon einiges über Sacks, vor allem auch von dem Jungen Oliver, der nach einem kriegsbedingten Aufenthalt in einem schlimmen Heim mit Hilfe seines hochgiftigen und -explosiven Chemiebaukastens der kosmischen Ordnung der Welt dicht auf der Spur war („Onkel Wolfram“, 2001).

In diesem Buch findet sich auch ein Familienfoto mit besagtem Mordechai als jüdisch-orthodoxem Patriarchen in der Mitte. Weißer Bart, würdiger Blick, ein Lächeln täte gut, aber dafür war Familienfotografie seinerzeit eine zu ernste Sache. Aber auch wenn er sein positives Gemüt verbirgt: Er sieht aus wie sein Enkel.

In „On the Move“ sieht man den Weißbartträger Oliver Sacks mal mit Taucherbrille, mal mit der Queen (im Buch erzählt er, dass er in diesem feierlichen Augenblick Angst hatte zu furzen), mal mit seiner späten Liebe Billy Hayes. Das schönste Foto zeigt den ad-hoc-inspirierten Wissenschaftler und Literaten vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof: Aktenmappe, Schirm und Handschuhe hat er auf den nassen Gehsteig abgeworfen, um einen Gedanken im Notizbuch festzuhalten. Der Wind pustet ins Haar und ins Jackett. Hier, in Amsterdam, ist er übrigens entjungfert worden, da war er 22 Jahre alt und hat nichts davon mitbekommen, weil er sich vor Schüchternheit hat volllaufen lassen. Es soll schön gewesen sein, ließ er sich am nächsten Morgen sagen.

Dass Sacks homosexuell ist, spielte bis zu diesem Buch in seinem Werk keine Rolle, sein Lebensglück hat es natürlich maßgeblich beeinflusst. Zumal ihn seine sonst so fortschrittliche und liebende Mutter, als sie davon erfuhr, mit dem Satz: „Ich wünschte, du wärest nie geboren“ niederschmetterte. Sacks nimmt seine Mutter in Schutz. Als orthodox erzogene, Ende des 19. Jahrhunderts aufgewachsene Frau sei sie überfordert gewesen. „Aber ihre Worte verfolgten mich während des größten Teils meines Lebens und waren wesentlich dafür verantwortlich, dass der freie und freudige Ausdruck meiner Sexualität immer von Hemmungen und Schuldgefühlen beeinträchtigt wurde.“

Das Date am 40. Geburtstag

Später erzählt er von einem glücklichen, unverbindlichen Date am 40. Geburtstag, als gerade sein Durchbruchswerk „Awakenings. Zeit des Erwachens“ (1973) erschienen war, später verfilmt mit Robert De Niro und Robin Williams. Er schließt diese Episode mit dem denkwürdigen Bekenntnis: „Gut, dass ich die Zukunft nicht kannte, denn nach dieser zauberhaften Geburtstagsliebschaft hatte ich fünfunddreißig Jahre lang keinen Sex mehr.“

Das Leben von Oliver Sacks schlug viele Haken, und die leicht unsortierte anekdoten- und wissensreiche Lebenserzählung „On the Move“ bedient dieses Überraschungsprinzip. Nachdem seine chemische Leidenschaft erloschen war, studierte er Medizin in Oxford, entzog sich wie sein Großvater der Wehrpflicht, indem er nach Kanada abhaute, wo er allerdings bei der Airforce anfangen wollte. Man riet ihm dazu, es sich bei einem Urlaub noch einmal zu überlegen. Dieser führte Sacks nach San Francisco, wo er beim Anblick der Redwoods beschloss, hier den Rest seines Lebens zu verbringen. Er arbeitete als Assistenzarzt, raste am Wochenende bis zu 1500 Kilometer mit seinem Motorrad durch die amerikanische Weite, übte sich am Muscle Beach im Gewichtheben, stellte 1962 gar einen kalifornischen Rekord auf, indem er mit einer 270-Kilogramm-Hantel eine vollständige Kniebeuge absolvierte.

Weitere Leidenschaften, von denen er so schwärmt, dass man sich sofort selbst damit beschäftigen möchte, sind: niedere Pflanzen, vor allem Farne, die Spektroskopie, Weichtiere des Meeres, die Geschichte der Goldgräber, das Fotografieren.

In den 60ern gerät er in eine Drogenkrise, konsumiert Cannabis, Prunkwindensamen, LSD und Amphetamine, geht nach New York, wo seine Forscherkarriere scheitert. Er hatte bereits in Oxford versehentlich seine Versuchshühner vergiftet, nun richtete er einen „Genozid“ an Regenwürmern an, um Myelin (eine Substanz aus dem Nervensystem) zu gewinnen. Zuerst flog sein Heft, in dem er die Daten von Monaten gesammelt hatte, vom Motorrad und wurde im Verkehr zerfetzt, dann verunreinigte er seine Probe mit Hamburgerkrümeln, bevor er sie irgendwie verlor, wohl versehentlich in den Müll schmiss. Sein Vorgesetzter feuerte ihn mit den Worten: „Sie sind eine Gefahr für das Labor. Warum kümmern Sie sich nicht um Patienten – da werden Sie weniger Schaden anrichten.“ Das war der Beginn seiner klinischen Laufbahn.

Sacks’ eigentliches Talent, mit dem er sich von nun an den Patienten widmet, liegt in der unerschöpflichen Warmherzigkeit und Zugewandtheit. Sie lassen sich in den Büchern mit seinen Fallgeschichten nachspüren. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (1985) ist das bekannteste davon. Mit jedem wird er ein Stück mehr zum Freund des Lesers. So auch mit „On the Move“. Und er schreibt ja noch.

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