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Genosse Tabubruch

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Viktor Jerofejew, Sprössling der Sowjet-Nomenklatura, beschreibt den Ausbruch aus dem Goldkäfig

Anfang 1979 unternahmen rund zwei Dutzend sowjetrussische Schriftsteller den Versuch, die staatliche Literaturzensur erstmals frontal anzugreifen. Mehr als zwanzig Autoren aus vier Generationen waren an dem Almanach Metropol beteiligt, der in einer Auflage von zwölf Exemplaren als Manuskriptbuch angefertigt worden war. Eines lieferten die Herausgeber "zur Kenntnisnahme" beim Schriftstellerverband ab, je ein weiteres wurde sicherheitshalber nach Frankreich und Amerika ausgelagert. Ein viertes sollte auf einer Vernissage in einem Moskauer Café öffentlich vorgestellt werden; dreihundert Einladungen an Künstler und Kosmonauten, nationale und internationale Presse sowie westliche Diplomaten wurden verschickt. "Der KGB reagierte militärisch: Seine Mitarbeiter riegelten das Viertel ab und besetzten die Telefonzellen, das Café wurde mit Hilfe von Ärzten einer Station für epidemische Erkrankungen geschlossen und versiegelt." Für die beteiligten Autoren begannen die systemüblichen Repressalien.

Ein zusätzlicher Skandal war die Tatsache, dass einer der Initiatoren des Projekts "selbst ein Sohn der Staatsmacht" war, zu jener "goldenen Jugend" Moskaus gehörte, die aus den Kindern "von Politbüromitgliedern, Referenten Breshnews, Ministern, Botschaftern und hohen Militärs" bestand, jener privilegierten wie korrupten Clique, die mit der "Atmosphäre eines geheimnisvollen elitären Gefühls (?) ihren Dünkel, ihre Lüsternheit und Dumpfheit bemäntelte". Der Frage, warum er als Kind des sowjetischen Vizepräsidenten der UNESCO den vergoldeten Käfig der Nomenklatura mit 31 Jahren freiwillig verließ, geht Viktor Jerofejew - 25 Jahre nach den Ereignissen - in seinem Roman-Essay Der gute Stalin akribisch und phantasievoll nach.

Als Sohn eines hochrangigen sowjetischen Dolmetschers und Diplomaten verlebte der 1947 geborene Jerofejew "eine glückliche stalinistische Kindheit". Den Massenterror der dreißiger Jahre hatten die Eltern so gut es ging ignoriert, wenn es zu nahe Bekannte traf, tröstete man sich so ähnlich wie Stalin Molotow: "Wjatsch, für nichts wird man bei uns nicht verhaftet", sagte er ihm, nachdem die Ehefrau seines getreuesten Vasallen 1949 "wegen Zionismus" in ein Straflager geschickt worden war. Die Linientreue zahlte sich auch nach dem Tod des Diktators angenehm aus: "Zarte Wolken von Privilegien hüllten alle Seiten unseres Lebens ein." Zum Lohn gehörte auch der Aufstieg des Vaters, der diesen auf diverse Botschaftsposten im westlichen Ausland führte - und damit unmerklich in eine schleichende Entfremdung vom heimatlichen System und Milieu.

Die Wertschätzung Stalins allerdings blieb davon nahezu unberührt, ebenso vom "Prozess der Entstalinisierung, der niemals zu einem Prozess wurde", wie Jerofejew anmerkt. Seinen Vater begreift er als Prototypen des Nationalcharakters: "Der Russe findet nicht die Kraft, sich den Stalinschen Qualitäten zu widersetzen. Der russische Volkscharakter wirft sich vor Stalin zu Boden. Er vergöttert Stalins Humor. Er vergöttert Stalins Heimtücke. Er vergöttert Stalins Grausamkeit. Der russische Volkscharakter wartet auf die Strafe für seine Unordnung. Stalin wird kommen und ihn bestrafen." Und wenn nicht der verewigte Zuchtmeister selbst, dann einer seiner zahllosen Nachahmer: "Jeder Vorgesetzte in Rußland arbeitet à la Stalin. Er hat keine stalinschen Maßstäbe, aber er hat stalinsche Prinzipien." (Nach denen er - siehe Putin - auch bis heute noch verfährt.)

Jerofejew erkundet, wie er selbst diesen Mechanismen entkommen und doch auch geprägt geblieben ist. Seine Vorgehensweise beschreibt er so: "Das Gedächtnis aufschlagen wie ein Zelt, indem ich die Strippen der Erinnerung zwischen den Pflöcken spanne und warte, dass ich dort herausgekrochen komme". Die Leinwand dieses Zelts ist eine Art Patchwork aus Anekdoten, Berichten, Erinnerungen und Erzählungen (besonders schön: die der Großmutter), Gesprächen, Phantasien, Reflexionen und Tagträumen. Aus all diesen Bestandteilen setzt sich das Mosaik einer deformierten Gesellschaft zusammen - vergleichbar jenem Portrait, das der Metropol-Almanach seinerzeit skizziert hatte: "?ein enttabuisiertes Bild von Rußland, mit seiner religiösen Suche, seinen sexuellen Katastrophen, betrunkenen Prügeleien, nationalen Konflikten, seinem verrückten Humor, seinem heterogenen Potential, seiner wie ein Reifen qualmenden Mentalität, mit neuer art risque und traditioneller rigoroser Ästhetik."

Beate Rausch hat dieses vielstimmige Ensemble in ein lebendiges und bildkräftiges Deutsch übertragen - und diesmal wird die "West"-Ausgabe dem Autor nicht strafverschärfend angerechnet werden. Damals wurde er - zwei Tage vor Stalins hundertstem Geburtstag - aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen: am Ende jenes Jahres 1979, im dem der Lenin-Literaturpreis dem "besten, populärsten und einflussreichsten Schriftsteller" der Sowjetunion verliehen worden war - an Leonid Breshnew.

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