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Bis heute ist gendergerechte Sprache ein Thema, dabei gibt es bereits 300 Jahre alte Beispiele. (Symbolbild)
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Bis heute ist gendergerechte Sprache ein Thema, dabei gibt es bereits fast 400 Jahre alte Beispiele. (Symbolbild)

Barocklyrik

Sibylla Schwarz: Ein feministisches Manifest aus dem 17. Jahrhundert

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Der Philologe Dirk Uwe Hansen über die Barocklyrikerin Sibylla Schwarz, deren 400. Geburtstag am Sonntag gefeiert wird. Zeit für eine Wiederentdeckung.

Herr Hansen, wie muss man sich eine Frau vorstellen, die im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts Sonette, Kirchenlieder, Widmungen, aber auch Aphorismen geschrieben hat?

Also in einem kaum noch fassbaren Maße hochbegabt, würde ich denken. Ich glaube, dass da sehr viel zusammengekommen sein muss. Sie ist wirklich eine Ausnahme, gerade darin, dass sie so früh offensichtlich alles schon konnte.

Was wissen wir über die Biografie von Sibylla Schwarz, die schon mit 17 Jahren an der Ruhr starb und in ihrem kurzen Leben mehr als 200 Gedichte verfasste?

Nur wenig über ihre Texte hinaus. Wir wissen, dass sie die Tochter des Bürgermeisters von Greifswald war, dass sie aus einer sehr angesehenen Familie der Stadt stammt. Den Rang sieht man deutlich an der Grabstätte der Familie im Dom. Anders wäre dieses hohe Maß an Bildung für ein Mädchen dieser Zeit gar nicht möglich gewesen, wenn sie nicht einer Familie angehört hätte, für die der Umgang mit Bildungsgütern selbstverständlich ist. Anders hätte sie sicherlich keine Chance gehabt. Sie muss irgendwie am Unterricht ihrer Brüder partizipiert haben, zumindest hat man sie nicht daran gehindert, – das ist ja auch schon eine Art von Förderung.

Sibylla Schwarz.

„Das ist es, was große Autorinnen ausmacht“

Es gibt in den Gedichten unzählige Bezüge zu Martin Opitz und sie scheint dessen Gedichte und die „Deutsche Poeterey“ sehr gut gekannt zu haben.

Sie empfindet sich, glaube ich, tatsächlich als eine Dichterin, die Opitz folgt. In gewisser Weise saugt sie Opitz geradezu gierig auf. Ich sehe sie aber nicht als Epigonin. Sie beschäftigt sich sehr intensiv damit. Das hindert sie aber nicht daran, trotzdem ihre eigene Poetik zu verfolgen. Es gibt ein schönes Beispiel. Einmal beschäftigt sie sich mit der Odenform, die auch Opitz stark umgetrieben hat. Sie setzt sich hin und probiert das auch – das hat zunächst ein bisschen etwas Schülerinnenhaftes. Doch das ist, was große Autorinnen ausmacht. Sie kann durchdringen, was jemand anders vorgibt, aber sie gibt dann etwas Eigenes dazu und schafft etwas Neues daraus.

Aus heutiger Perspektive kann man nicht überschätzen, was für eine Revolution die „deutsche Poeterey“ darstellte. Sah sie sich als Teil dieser modernen Bewegung?

Das kann man sagen. Sie nimmt Opitz, aber sie sieht auch die Chance, die sich für sie ergibt. Da schlägt jemand diese Bresche zu einer deutschsprachigen Poetik und das nutzt sie dann voll aus, benutzt alle Freiheiten aus, die ihr das bringt.

Gendergerechtigkeit im 17. Jahrhundert: Ein feministisches Manifest in der Literaturgeschichte

Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Frauen in der Lyrik des 17. Jahrhunderts kaum eine Rolle gespielt haben.

Genau das ist das Großartige an ihr. Sie lässt sich nicht auf irgendein Thema reduzieren. Wir beobachten seit der Antike, dass ein Ausweg für schreibende Frauen ist, sich Themen vorgeben zu lassen, die die Umwelt ihnen zugesteht. Genau das macht Schwarz in einer geradezu offensiven Art nicht. Nehmen Sie den „Gesang wider den Neidt“ – deutlicher kann man nicht machen, welchen Anspruch man an sich selbst hat. Ich weiß nicht, wo sie dieses Selbstvertrauen hernimmt, dass sie als 16-jähriges Mädchen sagt: Nichts da! Also, ich mach jetzt keine Mädchenthemen! Ich benutze diese Position, die Opitz geschaffen hat für deutschsprachige Dichtung und dann lass ich es aber so richtig krachen. Das sind diese Momente, wo ich denke, da hätte ich sie in der Vergangenheit gerne einfach mal beobachtet, das hätte ich gerne gesehen.

Der „Gesang wider den Neidt“ gehört zu den spektakulärsten Werken der Jubiläumsausgabe.

Definitiv! Manche gehen so weit zu sagen, das sei das erste offene feministische Manifest der Literaturgeschichte deutscher Sprache. Es ist in jedem Fall emanzipatorisch, sowohl was das Geschlecht angeht, als dass sie selber entscheiden darf, was sie sinndichtet. Sie macht sich nicht nur frei von Geschlechterzwängen, sondern auch von allen anderen Zwängen.

Es gibt eine Stelle, wo sie sich gegen Anfeindungen wehrt.

Ganz offensichtlich kennt sie die „alten weißen Männer“, die wissen, was sie als Mädchen tun sollte und was nicht. Es gibt Andeutungen, aber nicht mehr. Wir haben, und das ist das das Ärgerliche bei einer Dichterin dieses Rangs, wenig Quellen. Es gibt nur ihre Texte und ihre Briefe zwischen ihr und ihrem Förderer und Lehrer Gerlach. So sehen wir die Abwehr, aber wir können ihre Kritiker nicht dingfest machen.

Auf der anderen Seite finden sich sehr viele Gedichte zu Hochzeiten und Begräbnissen, die man als Auftragsarbeiten sehen kann.

Das ist das Faszinierende. Es gibt in ihrem Werk viele Arbeiten, die daraufhin deuten, dass sie gezielt gebeten wurde. Es muss einen Kreis von Leuten gegeben haben, die Gedichte von ihr gewollt haben und das zu schätzen gewusst haben. Das Anagramm über den Namen einer Hochzeiterin etwa. Da fällt man ja tot vom Stuhl vor lauter Staunen. Für ihr Alter ist das schon sehr frivol. Vielleicht ist das das Geheimnis ihres Erfolgs. Sie hat sich manche Sachen einfach getraut. Und weil sie es auch wirklich konnte, hat es dann auch funktioniert.

Zur Person:

Dirk Uwe Hansen, 1963 in Eckernförde geboren, hat Klassische Philologie in Hamburg und Köln studiert. Er unterrichtet als Experte für antike Lyrik an der Universität Greifswald.

Eine Lyrik-Anthologie zu Ehren des 400. Geburtstags von Sibylla Schwarz gibt er im Mai mit der Schriftstellerin Berit Glanz im Verlag Reinecke & Voss heraus. Darin veröffentlicht werden unter anderem Texte von Alexandra Bernardt, Julia Dathe, Karin Fellner, Birgit Kreipe, Georg Leß, Lara Rüter, Slata Roschal, Alke Stachler, Achim Wagner, Nora Zapf.

Bereits erschienen ist der von Michael Gratz herausgegebene erste Band einer Kritischen Ausgabe: Sibylla Schwarz. Werke, Briefe, Dokumente. Reinecke & Voß, Leipzig 2021, 192 S., 20 Euro.

Weitere Informationen zum Jubiläum unter www.sibylla-schwarz.de

Verleger Samuel Gerlach gab 1650 postum einen Teil der Gedichte von Sibylla Schwarz unter ihrem Namen heraus. Wie schätzen Sie seine Leistung ein?

Zunächst fragt er ganz vorsichtig an, ob sie diese Gedichte wirklich selber geschrieben hat. Dann aber gibt es kein Indiz dafür, dass er ihr Werk irgendwie für sich selbst in Anspruch nimmt oder behauptet, selbst daran mitgearbeitet zu haben. Man muss ihm das hoch anrechnen, denn das ist ein Phänomen, das wir gut kennen gerade im Rahmen von „Frauenförderung“. Er hat sich sehr verdient gemacht, weil er die Qualität erkannt und gefördert hat. Das ist umso erstaunlicher, weil er, wie ich finde, selbst nur ein mäßiger Dichter war.

Schwarz hat angeboten, die Gedichte anonym oder geschlechtsneutral zu veröffentlichen.

Das ist bei ihr sicherlich nicht reine Bescheidenheit, sondern dass sie sich bessere Chancen ausgerechnet hat, wenn man nicht drauf schreibt, dass die Gedichte von einem jungen Mädchen aus Greifswald stammen.

Beispiele der Notwendigkeit für gendergerechte Sprache

An einer Stelle des Vorworts der Ausgabe von 1650 bemerkt Samuel Gerlach „dass das Werk den Meister oder die Meisterin am besten lobe“.

Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Das ist ein schönes frühes Beispiel für die Notwendigkeit von gendergerechter Sprache und ihre Nützlichkeit.

Wie wurde Sibylla Schwarz in der Literaturgeschichte rezipiert?

Das, was Gerlach vorgelegt hat – „schaut mal hier, die Meisterin, das muss man lesen“, das hat eine Zeitlang funktioniert. Daraufhin wurde sie sehr positiv wahrgenommen. Und dann gibt es das faszinierende Phänomen, dass sie aus der Literaturgeschichte so langsam herauströpfelt, weil sie in das Bild, das die Germanistik von Barockdichtung haben wollte, nicht mehr so richtig reingepasst hat. So verschwindet der Name Sibylla Schwarz aus den Literaturlexika. Es gibt aber bis heute Menschen, die immer wieder zufällig auf sie stießen und sich dann ihren Gedichten nicht entziehen konnten.

Das wollen unter anderem Sie jetzt zum 400. Geburtstag ändern.

Ich hoffe sehr, dass sich durch die fantastische Arbeit von Herausgeber Michael Graz die Wahrnehmung ändert. Sibylla Schwarz ist danach keine Fußnote, kein Kuriosum mehr. Die kritische Gesamtausgabe, die nicht nur leicht zu lesen ist und dazu eine Reihe gelehrter Fußnoten setzt, wird hoffentlich dazu führen, dass sie als wichtige Stimme in der Barockliteratur wahrgenommen wird. Und als Stimme, die auch formal innovativ war.

Wie feiert die Stadt Greifswald ihre berühmte Tochter?

Sie wurde am 14. Februar geboren, wenn man die Kalenderreform berücksichtigt, war das der 24. Das Schöne ist, wir können zweimal feiern. In einer Vortragsreihe, die auch online zugänglich ist, werden ab da sehr unterschiedliche Aspekte ihres Werks beleuchtet. Das Theater Vorpommern wird Lesungen und Vertonungen unters Volk bringen. Im Mai erscheint eine Anthologie von Berit Glanz und mir, in der sich Dichterinnen und Dichter mit ihrem Werk auseinandersetzen.

Fast symbolisch ist, dass das Haus der Familie Schwarz in einem desolaten Zustand ist.

Das ist ganz furchtbar. Das Haus in der Innenstadt ist eines der letzten Speicherhäuser und wird systematisch dem Verfall preisgegeben. Vielleicht ändert sich das ja jetzt. (Interview: Thomas Kaspar)

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