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Bloßes Blättern oder echtes Lesen?

Leseentscheidung

Das Gemetzel des Blätterers

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Vor dem Lesen kommt das Blättern. Gnadenlos werden Seiten gemordet, Entscheidungen gefällt. Unser Autor erklärt, wie 37 Seiten über 3200 Seiten entscheiden.

Vor dem Lesen kommt das Blättern. Gestern habe ich in acht Büchern geblättert, um zu entscheiden, welche ich lesen werde. Vom Blättern wird kaum geschrieben. Dabei entscheidet sich hier, womit der Rezensent sich beschäftigen wird. Der Zeitungsleser, der Autor gar, der eine Kritik ungerecht findet, macht sich selten eine Vorstellung davon, wie winzig diese Ungerechtigkeit ist, angesichts des Gemetzels, das vor jeder ernsthaften Lektüre schon beim Blättern stattgefunden hat. Ein Schlachten fern der Öffentlichkeit, ein Morden in aller Stille. Selten ein Abwägen, nie eine Begründung, aber immer ein Urteil. Ich lese in einer Stunde etwa dreißig Seiten. Ich habe gestern Morgen also etwa 37 Seiten gelesen. Die zehn Bücher haben zusammen etwas weniger als 3200 Seiten. Mein Urteil hat also fast nichts mit den Büchern zu tun. Es ist wie wenn man neben der Tür eines S-Bahnwagens steht und wartet, dass die Leute herauskommen. Man sieht kurz die Gesichter. Desinteressiert, dann stößt einen eines ab oder ein anderes gefällt. Wer von uns hat je darauf verzichtet, den S-Bahn-Wagen zu betreten und hat das Gesicht, das ihm gefiel, angesprochen?

Je länger man blättert, desto schneller möchte man aufhören damit. Desto schwieriger ist es für ein Buch, wahrgenommen, für interessant befunden zu werden. Manchmal kippt es aber auch und man kann nicht mehr nein sagen. Weil man spürt, wie ungerecht man wird. Vor allem aber weiß man ja auch, dass es nicht nur ungerecht, sondern auch dumm ist. Denn es gibt nichts, das nicht – unter diesem oder jenem Gesichtspunkt – interessant sein könnte. Was uns auf Anhieb gefällt, ist ja gerade nicht das Neue, sondern das, was uns entspricht.

Zum Beispiel Anne Hansen, „Fräulein Jensen und die Liebe“ (Eichborn). Eine Frau von 31 Jahren sucht Mann. Fräulein Jensen besichtigt zehn Berühmtheiten, also Herren wie Tim Lobinger, Thorsten Havener und Bernhard Hoecker. Unter dem Foto der blonden, blauäuigen Autorin steht: „Um die Glückssuche ihrer Romanfigur wirklichkeitstreu erzählen zu können, hat sie sich mit allen im Buch vorkommenden Männern getroffen.“ Das hätte ein nettes Interviewbuch zum Thema Liebe werden können. Jetzt ist es durch eine Rahmenhandlung ein Roman geworden, denkt der vorurteilsbeladene Blätterer. Dann ein paar Blicke ins Buch. Es ist ironisch, witzig, aber dem alten Mann zu sehr Sex and the City.

Also weiter: Elisabeth Plessen, „Ida“ (Berlin Verlag). Ein Architekt hält Vorlesungen an der Universität, verliebt sich in eine Studentin… Ich komme noch nicht einmal so weit. Dem Buch ist ein Motto vorangestellt von Vincent Scully, in dem es heißt, alles, was neu gebaut werde, sei hässlicher als das Alte, das ihm Platz machen soll. Dann folgen ein paar Seiten einer Vorlesung, in der exakt das noch einmal gesagt wird.

Weiter: Inger-Maria Mahlke, „Silberfischchen“ (Aufbau). Ein pensionierter Polizeibeamter und eine junge Streunerin. Ein merkwürdiger Ton, eine unbekannte Note. Vielleicht ist es nichts als affektiert. Aber dem will ich nachgehen. Ich werde das Buch lesen. Und Roberto Bolano? Sein bei Hanser erschienener kurzer „Lumpenroman“? Den werde ich auf jeden Fall lesen. Weil ich alles von Roberto Bolano lese. So ungerecht geht es hienieden zu.

Mario Fortunato, „Unschuldige Tage im Krieg“ (Schöffling & Co). Auf der Rückseite steht der Satz „Kann ein Kuss die Existenz eines Menschen zerstören?“ Aber ja! Der Kuss, den die Ehefrau ihrem Geliebten gibt, kann dem beobachtenden Ehemann den Verstand rauben. Aber ich werde das Buch lesen. Die paar Seiten, die ich darin las – Sie wissen, lesen kann man das nicht nennen – waren so austariert zwischen Ruhe und Erregung, dass ich gerne gleich weitergelesen hätte.

Philip Sington, „Das Einstein-Mädchen“ (dtv). Ein Thriller um eine Frau, die 1932 im Wald gefunden wird. Sie weiß nicht mehr, wer sie ist. Sie hat etwas mit Einstein zu tun. Was? Das erzählt das Buch. Ich kann keine Thriller lesen. Wahrscheinlich sind sie mir zu aufregend. Der einzelne Thriller ist daran ganz unschuldig.

Eleanor Catton, Die Anatomie des Erwachens (Arche). Eine Siebzehnjährige hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. „Die Explosion eines einzigartigen Talents“, schreibt die Sunday Times. Das scheint mir ganz richtig beobachtet. Nach der Explosion ist tatsächlich nichts mehr vom Talent übriggeblieben.

William Gay, Ruhe nirgends (Arche) dagegen werde ich lesen. Weil ich eine Schwäche für gothic novels habe und weil Gay es einfach kann.

Nun wissen Sie also, dass eine Zeitung nicht nur über Ungerechtigkeiten berichtet, sondern sie auch begeht. Nichts Neues? Das Rezensionswesen produziert seine Ungerechtigkeiten mit der gleichen Starrköpfigkeit, demselben Desinteresse am öffentlichen Wohl oder dem der Betroffenen wie zum Beispiel die Gesundheits- oder die Atomindustrie. Man darf nicht vergessen, wie viele Bücher auch gar nicht erst auf den Prüfstand des Blätterers gerieten. Aus so ganz und gar nicht zur Sache gehörenden Gründen wie falscher Verlag, falscher Autor, falscher Umschlag, falscher Titel. Wir wissen keinen Ausweg als den, ab und an darauf hinzuweisen, von welchen Zufällen unser Urteil abhängt. Vielleicht ja auch Ihres.

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