Gemeinsame Kasse

Ehlers wirbt für Sozialmodelle

Von REINALD LUKAS

Globalisierung und sinkende Geburtenraten lassen Gesellschaft und Politik neue Wege gehen. Die allseits gepriesene Verschlankung des Staats und die neoliberal ausgerichtete Sozialpolitik regen eine breite Debatte an, die sich zunehmend neuen sozialpolitischen Modellen widmet. Eines der zur Zeit am heftigsten diskutierten ist das Modell des Grundeinkommens. Das Spektrum der Befürworter reicht dabei von FDP-Positionen in Form von Bürgergeld über DM-Chef Götz W. Werner, der ein einheitliches Grundeinkommen von 1400 Euro vorschlägt, bis zu Attac. Wie der Journalist Kai Ehlers in seinem Buch nachweist, ist das Thema jedoch keineswegs neu, sondern reicht bis in das 19. Jahrhundert und davor zurück.

Die wichtigsten Merkmale des Grundeinkommens sind, dass es unabhängig vom Erwerbseinkommen bezahlt werden soll und auch Formen der Naturalwirtschaft um-fasst. Ein frühes Beispiel hierfür findet Ehlers bereits in den Dorfgemeinschaften Russlands ("Mir") des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, welche sich in modernem Gewand auch im Russland von Präsident Wladimir Putin, in Form der Datschen und neu formierten Kolchosen, großer Beliebtheit erfreuen.

Vorstufen des Grundeinkommens haben sich auch in Deutschland bereits herausgebildet. So ist zum Beispiel das Regionalgeld, das inzwischen in vielen Landkreisen und einigen Städten Deutschlands existiert, aus dem Bedürfnis heraus entstanden, Geld möglichst in der Region zu halten. Ehlers führt als Beispiel den "Chiemgauer" an, eine Regionalwährung aus Chiemgau, dessen Nutzen inzwischen sogar von Großbanken anerkannt wird. Als weitere konkrete Beispiele werden die Internetplattform des Verbraucherschutzforums und vor allem alternative landwirtschaftliche Organisationen wie der Buschberghof und der Kettendorfer Hof, beide im Raum Hamburg, skizziert.

Als komplexeres Modell analysiert Ehlers die Kommune Niederkaufungen, ein Dorf bei Kassel von 75 Personen. Sie beherbergt so unterschiedliche Einrichtungen wie einen Dorfladen, eine Schlosserei, eine Sattlerei, eine Schreinerei, eine Altentagesstätte, einen Kindergarten, ein Tagungshaus und zwei Beratungsbüros für Konfliktbewältigung und gemeinschaftsbezogenes Wirtschaften. Der Kommunarde Uli schildert den Alltag der Dorfgemeinschaft, die über eine gemeinsame Kasse verfügt, und macht deutlich, dass es offenbar seit über zwanzig Jahren möglich ist, erfolgreich Gemeinschaft auch auf mittlerer Ebene zu leben.

Die im Buch noch genannte Pflichteinlage in die Kommune, die 20 000 Mark pro Bewohner betrug, wird nach deren Auskunft inzwischen nicht mehr erhoben. Ein wichtiger Grund hierfür ist sicherlich die Überlegung, dass Langzeitarbeitslosen und anderen sozial Schwachen sonst die Aufnahme praktisch versperrt wäre. Diese verfügen in der Regel nicht über ausreichende finanzielle Mittel und erhalten kaum Kredite.

Es überrascht nicht, dass Hartz IV vom Autor keine positive Bewertung erfährt und von ihm als "Verfolgungsbetreuung" deklariert wird. Folgerichtig setzt Ehlers für die Einführung eines Grundeinkommens eine andere Gesellschaft voraus, deren Grundzüge er im letzten Drittel des Buchs beschreibt. Als konkreten Zwischenschritt dahin plädiert der Autor vor allem für die Bildung von Netzwerken mit ökologischer Ausrichtung.

Hier hätte Ehlers jedoch noch ausführlicher werden müssen. Zum einen, um die Ausführungen Götz W. Werners um ein zweites Konzept zu ergänzen. Zum anderen, weil dessen Forderung nach einem einheitlichen Grundeinkommen vom 1400 Euro die Frage nach der Bezahlung medizinischer Leistung sowie die Problematik der mit 50 Prozent Mehrwertsteuer belasteten Verbraucherpreise offen lässt. Gerade die weitere Entwicklung von konkreten Zwischenschritten ist jedoch notwendig, wenn das Konzept Grundeinkommen zu einem ernsthaften Gegenmodell zu neoliberaler Wirtschaftspolitik entwickelt werden soll.

Die Stärken des guten Einstiegs in die Thematik liegen vor allem in der Darstellung einer Verknüpfung des Grundeinkommensvorschlags mit alternativen, zumeist anthroposophischen Ansätzen und in der Darstellung alternativer Lebensformen.

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