Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Gemeinsam Geist sein

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Keine Zukunft ohne Herkunft: Aleida und Jan Assmanns großer und eindringlicher Auftritt als Forscher- und Ehepaar in der Paulskirche.

Vortreten, zurücktreten, dem Auftritt eine Form geben, der Gemeinsamkeit eine Gestalt. Abwechselnd sprechen vom Rednerpult aus, hinterm felsenfesten Stein. Vortreten vor die Öffentlichkeit als Forscherpaar; als Ehepaar zurücktreten hinter den Partner. Und der Stein, das Rednerpult, wirkte nicht, wie gelegentlich, als grauer Langschild aus grauer Vorzeit, vielmehr wie ein ägyptisches Monument, während Jan und Aleida Assmann von der Gegenwart als einer Kampfzone sprachen, in der sich die Wahrheit gegen die Unwahrheit zu behaupten habe. Im Paulskirchenrund die Erkenntnis, dass das Gedächtnis aus keiner Gegenwart, die Zukunft haben will, wegzudenken ist.

Vor der Paulskirchengemeinde standen jedoch alles andere als ein Streiter und eine Streiterin. Ein leises, ein beinahe tastendes Reden. Ihr Part ein Gedanke über die oft so salopp eingeforderte Streitkultur. Denn „Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument.“ Sein Part eine Passage zur Entsolidarisierung durch einen „transnationalen Kollektivegoismus“, wie ihn Trump und Europas Populisten betreiben.

Dass die Friedenspreisverleihung eine Tradition hat, die sich nicht auf eingespielte Bräuche beruft, hatte Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller deutlich gemacht. Wo doch die beiden Geehrten als „Wegbereiter einer klugen und aufgeklärten Erinnerungskultur“ nur zu genau um die leerlaufenden Ritualisierungen einer solchen Erinnerung wüssten. Wenn Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann das Votum für die beiden Preisträger als eine „klare Entscheidung gegen die Geschichtsvergessenheit“ würdigte, warnte Riethmüller vor dem „Glauben an historische Zwangsläufigkeit als einem „gefährlichen Irrtum“.

Weil vom deutschen Fernsehen live übertragen, konnten Bürger und Bürgerin auch in den eigenen vier Wänden gut ein öffentliches Anliegen verfolgen. Die Paulskirche als besonders prominenter Denkraum, als ein Resonanzraum der „Res publica litteraria“. Gestern wurde die Gelehrtenrepublik von zwei Köpfen repräsentiert, beide zeigten sich beschwingt, dass sie das „Geister-Gespräch“ an diesem Ort fortsetzten durften. Wer dem zuhörte, sah zugleich einen performativen Auftritt ohne persönliche Eitelkeit oder intellektuellen Effekt. In Gegenwart der Paulskirche eine Feierstunde der Bescheidenheit.

Doch eine Spur nachdrücklicher der Auftritt Hans Ulrich Gumbrechts. Der Laudator beschrieb die Anstrengungen der Assmanns um eine Weiterentwicklung der Theorie des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses mit dem Wort „Andenken“. Unter dem „Bleigewicht“ der jüngeren deutschen Geschichte, er Jahrgang 1938, sie Jahrgang 1947, „in Reichweite eines Rufs aus der Vergangenheit“, hätten sie dem „Wort ‚Andenken‘ eine neue Bedeutung gegeben“. Munter würdigte Gumbrecht seine eigene (persönliche) Freundschaft zu den Assmanns, beeindruckend deren „Andenken“-Anliegen. Ihr, Aleida Assmanns bewusstes „Verstehen-Wollen“ der jüngeren Vergangenheit und des Zivilisationsbruchs. Sein, des Ägyptologen Verständnis der Kultur als Vergegenständlichung von Erinnerungsstrategien - nicht zuletzt als ein Verstehen-Wollen des Todes.

Erinnerung als eine Stimme von weither – unüberhörbar auch als hochaktueller Appell. Die Geehrte hat soeben in ihrem Buch über „Menschenrechte und Menschenpflichten“ Schlüsselbegriffe einer humanen Gesellschaft durchdekliniert. Natürlich leichter gesagt als getan, angefangen mit der Höflichkeit. Von Zivilität und Respekt gar nicht zu reden. Jan Assmann hat in diesen Tagen ein Buch über die „Achsenzeit“ veröffentlicht, worauf beide auch in der Rede zu sprechen kommen, mit Karl Jaspers, der für die Zeit um 500 v. Chr. den Auftritt von Geistesgrößen in Europa und in Asien ausmachte, Homer und Platon in Griechenland, den Propheten in Israel, Zarathustra in Persien sowie Laotse und Konfuzius in China, deren Ideen bis heute nachhallen und nachwirken, wie zum Beweis, dass es keine Zukunft gibt ohne Herkunft, keinen Ausblick ohne Rückschau.

Jaspers, auch daran erinnert das Paar, trat 1958 in der Paulskirche zusammen mit Hannah Arendt auf, seiner Laudatorin. Ein weiteres Paar bildeten Alva und Gunnar Myrdal, die den Hass auf Schwache und Fremde schon 1970 als „Milieuvergiftung“ beklagten. Ausgeprägt aber vor allem die Rückführung der Assmanns auf die Erkenntnisse von Jaspers, auch wenn ihre Theorie auf einer entscheidenden Differenz beruht. Anstelle seiner weltumspannend gedachten „Humanitas“ als einer „Sphäre grenzenloser Kommunikation“ beharren sie auf der „Anerkennung von Grenzen und Unterschieden im Reich der Humanitas“. Was aber die Kulturen angehe, so müsse man wohlweislich festhalten: „Die Grenzen von Kulturen sind durchlässig.“ Sie lassen sich weder „stillstellen noch in nationale Grenzen einsperren.“ Schließlich sagen sie auch: „Wir sind noch nicht ganz am Ende“ – so leiten sie über, unprätentiös. Das Charakteristikum des menschenfreundlichen, weltzugewandten Forscherehepaars, von dem Gumbrecht sprach, erweist sich als eine Charakterfrage. Und so spenden sie das Preisgeld an drei bedürftige Flüchtlingsorganisationen.

Wie immer, wenn die Sonne durch die Paulskirchenfenster im Uhrzeigersinn einwandert, jedes Fenster ein schmales Zifferblatt, rückt die Welt weiter vor. Dazu machte das Paar vor, was es mit Jaspers heißt: „Wahr ist, was uns verbindet.“ Mal den Vortritt lassen, mal zurücktreten. Doch dabei, aus dem Hintergrund, dem Partner offensichtlich den Rücken stärkend.

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