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Geliebter Verrat, verhasster Verräter

Markus Mohr und Klaus Viehmann präsentieren eine "kleine Sozialgeschichte" des Spitzelwesens

Von GOTTFRIED OY

Der Spitzel: "Aus der Perspektive aller Beteiligter einfach das allerletzte." Markus Mohr und Klaus Viehmann, Herausgeber dieser "kleinen Sozialgeschichte" des Spitzelwesens, sorgen schon im Vorwort für klare Verhältnisse. Ausgangspunkt ihrer bewusst parteiischen Auseinandersetzung mit staatlicher Überwachung am Rande der Legalität ist die große Diskrepanz zwischen der Vehemenz, mit der Fälle von Bespitzelung immer wieder in politischen Gruppen diskutiert werden und einer faktisch nicht vorhandenen systematischen Aufarbeitung. Das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass Spitzel als "Unpersonen" aus der Geschichte sozialer Bewegungen, aber auch der offiziellen Geschichtsschreibung gerne wegretuschiert werden. Schließlich passen sie weder zum heroischen Selbstbild politisch Aktiver, noch in das Selbstverständnis demokratischer Staatsorgane.

Mohr und Viehmann wagen mit der Bandbreite der versammelten Beiträge den Spagat zwischen kulturwissenschaftlicher Annäherung und politischer Bewertung. Es mag einen disparaten Eindruck hinterlassen, wenn man sich zwischen Bibelexegese, Shakespeare-Interpretationen und Kriminalromananalysen auf der einen und der Darstellung und Analyse von Spitzelfällen in der Arbeiterbewegung, der Studentenbewegung, bei den Black Panther und den Autonomen auf der anderen Seite auf die Suche nach einem roten Faden macht. So ist denn der Band auch eher als Lesebuch ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu verstehen, in dem sich bekannte und unbekannte, lehrreiche und haarsträubende Geschichten zum Spitzel-Mythos finden.

Judas als "Urspitzel" und "Opferer"

Kulturwissenschaftlich ist sicherlich Judas, der "Urspitzel", eine der zentralen Figuren. Die Figur des Verräters in den eigenen Reihen regte das Christentum immer wieder zu neuen Variationen dieses Mythos an - je nachdem, wie es gerade historisch um die Christenheit selbst bestellt war. Aus einem Verräter ohne Motiv wird der habgierig und lustvoll Verratende. Insgesamt wurden mindestens drei Versionen der Judasgeschichte verbreitet, so Brigitte Lenel: der "Opferer", dessen Rolle es ist, Jesus' Opferung überhaupt erst zu ermöglichen, der schurkische Jude als eine der antisemitischen Grundfiguren und Judas als einer von "uns", der das Verräterische, die Sünde in jedem Menschen verkörpert.

Unter zeithistorischen Aspekten wiederum ist die Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung als einem der Hauptziele staatlicher Spitzelei - nicht nur im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik - unerlässlich. Ein extra eingerichteter Nachrichtendienst der KPD etwa machte es sich zur Aufgabe, mittels "Spitzel-Almanach", einer Aufklärungsbroschüre für Funktionäre, regelmäßig "Parteischädlinge" zu enttarnen. "Brutal wurde die noch junge Partei in der Frühphase der Weimarer Republik auf die Notwendigkeit eines illegalen Apparates gestoßen", merkt Matthias Grzegorczyk an. Mit der Zeit jedoch verselbstständigte sich das Bedrohungsszenario und wie selbstverständlich sprachen KPD-Funktionäre in stalinistischer Manier von "Parteischädlingen", "unterirdischen Feinden" und "dunklen Elementen", die zu vernichten seien.

Der berühmteste Spitzel deutscher Behörden war hingegen anderer politischer Coleur: Um sich der Demobilisierung nach dem ersten Weltkrieg zu entziehen, verpflichtete sich Adolf Hitler als V-Mann im Dienste der Reichswehr. Sein erster Einsatz führte ihn in ein Münchner Regiment, in dem noch "spartakistischer Geist" vermutet wurde, so Gideon Botsch. Später war sein Wirkungsfeld dann die Deutsche Arbeiterpartei, die er offiziell im Dienst der Reichswehr ausspionierte, deren beliebtester Redner er zugleich aber auch wurde. Dieser DAP verpasste er in Zusammenarbeit mit Gottfried Feder, einem seiner Ausbilder, zugleich ein neues Grundsatzprogramm und bewirkte die Umbenennung in NSDAP - die Geschichte nahm ihren Lauf.

Auch Wolfgang Frenz, V-Mann, NPD-Gründer und führender Funktionär, berief sich auf das berühmte Vorbild, so Mariella Schwertmüller. Mit dem Scheitern des NPD-Verbotsverfahrens kam 2002 die mehr als unglaubliche Geschichte der staatlichen Bespitzelung und zugleich Alimentierung der extremen Rechten in der BRD seit Ende der 1950er Jahre ans Licht. Absurd ist die Geschichte bis in die Details: Alle Einnahmen aus den Spitzeldiensten spendete Frenz nach korrekter Versteuerung in die Parteikasse, alle Informationen an die Staatsschützer wurden zuerst mit den Kollegen im Parteivorstand abgeklärt.

Unterwandern und Aushorchen

Fehlen dürfen natürlich auch nicht die Spitzel der Studentenbewegung wie Peter Urbach und Ulrich Schmücker, sowie das Counterintelligence Programm des FBI, auch wenn deren Geschichte allgemein bekannt sein sollte. Intelligent ist hier die Darstellung Peter Urbachs mittels Textcollage aus zeithistorischen Quellen und aktuellen Stellungnahmen von "68ern". Markus Mohr gelingt es so, den Spitzel als Projektionsfläche zu präsentieren: Ein jeder schreibt einfach das, was ihn persönlich an 68 schon immer gestört hat, dem negativen Einfluss Urbachs zu, der den zutiefst pazifistischen Akteuren die "Mollis" förmlich in die Hand drücken musste.

Ob nun die aktuellen Fallbeispiele, grafisch in Anlehnung an Steckbriefe gestaltet, einen gewissen Voyeurismus bedienen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall zeigen sich auch hier wahnwitzige Geschichten der Unterwanderung und Aushorchung von Gruppen und Grüppchen der autonomen Linken. Mohr und Viehmann verschweigen nicht, wie sehr sie "das Ausmaß der zu Tage tretenden Niederträchtigkeit, Berechnung und Unverschämtheit" der aufgedeckten Spitzeleien deprimiert - auch wenn ihnen bewusst ist, dass Moral hier fehl am Platz ist. Mit ihrer "kleinen Sozialgeschichte" haben sie auf jeden Fall ein Basiswerk für die weitere politische Auseinandersetzung mit dem Spitzelwesen jenseits bloßer Empörung, aber auch jenseits gängiger Verschwörungstheorien vorgelegt.

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