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Hedwig Pringsheims Tagebücher der Jahre 1905–1910.
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Hedwig Pringsheims Tagebücher der Jahre 1905–1910.

Hedwig Pringsheim Tagebücher 1905-1910

Das geliebte schwarze Schaf

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Hedwig Pringsheims Tagebücher: Im neuen Band zu den Jahren 1905 bis 1910 steht ihr ältester Sohn Erik im Vordergrund, ein Sorgenkind, dem die Eltern zu helfen versuchen. Besonnen, aber vergeblich.

Der neueste Band der Tagebücher von Hedwig Pringsheim dokumentiert die Jahre 1905 bis 1910. Hedwig Pringsheim (1855–1942) war die Tochter von Ernst Dohm, dem Herausgeber des „Kladderatsch“, und Hedwig Dohm, der Verfasserin eines der witzigsten Bücher der deutschen Frauenbewegung, „Die Antifeministen“. Tochter Hedwig hatte im Oktober 1878 den sehr reichen Alfred Pringsheim (1850–1941) geheiratet, der einen Lehrstuhl für Mathematik in München hatte. Die Kinder waren: Erik (1879–1909), Peter (1881–1963), Heinz (1882–1974), schließlich Klaus (1883–1972) und dessen Zwillingsschwester Katia (1883–1980).

Katia heiratete am 11. Februar 1905 Thomas Mann. Der vorangehende Tagebuch-Band ihrer Mutter hatte die Leser mit dem komplizierten Hin und Her von Manns Brautwerbung beschäftigt. Im Zentrum des jüngsten Bandes steht Erik, der älteste Sohn der Pringsheims. Ein Sorgenkind, ein Spieler und Scheckfälscher.

Darüber gleich mehr. Doch zuvor noch Hedwig Pringsheims Eintrag von Katias Hochzeitstag: „Schrecklicher Tag. Früh Katia zum Standesamt angezogen, dann ‚Frau Mann‘ hochzeitlich gekleidet – sah im Brautkleid und Myrtenkranz süß-poetisch aus. Zur Besichtigung Elsa mit Evchen, Rudi und Olly. Beim Diner 17 Personen: wir 7, 3 Manns, Löhrs, 2 Crodu’s, Asta, Grautoff und Dora. Ganz gemütvoll, nicht zu sentimental, mit einem liebenswürdigen Toast von Crodu auf das junge Paar. Um halb Fünf Schluss des Festes, Katia umgekleidet, ihre Sachen fertig gemacht, um drei Viertel Sechs Abfahrt nach Augsburg. Dann Zusammenbruch! Nach dem Nachtessen kam Eu zu uns traurigen alten Leuten – die Buben waren alle aus –. Viel freundliche Teilnahme von allen Seiten: über 40 Geschenke, 30 Blumenspenden, einige 40 Telegramme. – Mein armes, liebes, kleines Kind! –“

Der Leser sei getröstet, keiner dieser Namen bleibt unaufgeklärt. Die Herausgeberin Cristina Herbst informiert über jedes Detail. Sie führt uns souverän durch diesen Berg von Notizen. Sie weist zum Beispiel an dieser Stelle darauf hin, dass die Mutter ihre Tochter noch zu den Pringsheims zählt und nicht zu den Manns. Der „leberleidende Rittmeister“ so nannte sie ihren Schwiegersohn, wäre nicht ihre Wahl gewesen.

Eine erhebliche Summe

Cristina Herbst stellt den Tagebüchern sechzig Seiten Einleitung voran, auf denen sie die wichtigen Themen dieser Jahre vorstellt. Sie verschafft uns Überblick. Nicht mit großen Worten, sondern mit einer beneidenswerten Präzision. So hat sie sich zum Beispiel die Mühe gemacht, die von Hedwig Pringsheim im Tagebuch erwähnten Zuwendungen an ihren Sohn Erik zusammen zu zählen. Sie kommt auf eine Summe von umgerechnet insgesamt 1 495 167 Euro.

Das war selbst für Pringsheims eine erhebliche Summe. Auch die anderen Kinder wurden kräftig unterstützt. Thomas Manns Einnahmen zum Beispiel reichten damals noch nicht, um den Lebensstandard zu finanzieren, auf den seine ja auch schnell wachsende Familie eingestellt war.

Erik aber war das schwarze Schaf. Es waren nicht nur die Schulden, die er machte. Für die kamen Vater und Mutter immer wieder auf. Sie mussten es tun, weil der Sohn sonst wegen Scheckfälschung hätte ins Gefängnis gehen müssen. In den Tagebüchern verfolgt man das mit den Augen der liebenden Mutter. Hedwig Pringsheim war, trotz der sie auszeichnenden skeptischen Intelligenz, immer wieder bereit zu hoffen, dass Erik diesmal doch so am Boden war, dass er als ein neuer aufstehen würde.

Aber auch Erik Pringsheim kam aus eigener Kraft nicht los von seiner Spielsucht. Die Eltern retteten ihn immer wieder, was den Weg in den Untergang wohl nur beschleunigte. Therapien waren damals noch unbekannt. Einer der berühmtesten Psychiater der Zeit, Professor Emil Kraepelin, wird konsultiert. Der diagnostiziert unheilbare „psychopathische Minderwertigkeit“. Es ist eine erschütternde Lektüre. Diese hochintelligente, witzige, gütige Familie, die es – trotz aller Anstrengungen – nicht schafft, den ältesten Sohn aus seiner Wahnwelt zu befreien.

Sie kauft dem Sohn eine Ranch

Im Juli 1905 geht Erik nach Argentinien. Die Eltern wussten sich nicht mehr anders zu helfen. Alfred Pringsheim kauft dem Sohn eine Ranch, die der Vater sofort beleiht. Nur um zu verhindern, dass Erik das macht und so in kürzester Zeit auch sie verspielt. Die Eltern sind umsichtig. Hedwig Pringsheim besucht ihren Sohn in Argentinien, aber ihm ist nicht zu helfen. Am 22. Januar 1909 erreicht sie die Nachricht vom Tode Eriks.

Danach noch kommen Briefe Eriks, in denen er um Geld und Unterstützung bittet. Hedwig Pringsheim wird bis zu ihrem Tode der Überzeugung sein, Eriks Frau Mary habe ihn umgebracht – entweder tätig oder durch ihre Untätigkeit.

Hedwig Pringsheim: Tagebücher 1905–1910. Wallstein-Verlag, Göttingen 2015. 856 Seiten, 49,90 Euro.

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