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Wahrzeichen und Allegorie: der schiefe Turm von Pisa.

Volker Reinhardt

Geliebte Rivalität, gelebte Konkurrenz

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Um die Kultur Italiens besser zu verstehen, kann ab sofort auch auf den Reinhardt zurückgegriffen werden.

Ein Mahnmal, ein Schandmal, allen potentiellen Potentaten zur Warnung und Abschreckung, so stellt sich das schwarze Tuch in der Galerie des Dogenpalastes dar. Wegen seines Putsches gegen die Regierung starb der Doge Marin Falier 1355 auf dem Schafott. Wegen seiner Verschwörung gegen die Republik wurde ein Porträt des Staatsoberhaupts mit dem schwarzen Tuch so abschreckend wie makaber markiert.

Venedig war seit dem 13. Jahrhundert eine besonders wehrhafte Republik, wie Volker Reinhardt in seiner (fulminanten) Kulturgeschichte Italiens anschaulich macht. Dazu gehörte ein „rigoroses Regelsystem“, und, um der „tiefen Abneigung“ gegen die Tyrannis Ausdruck zu verleihen, eine „misstrauische Staatsklugheit“. Denn Freiheit, so Reinhardt, setzte „Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit“ voraus.

Das Modell Venedig verkörperte den „Triumph der gesunden Skepsis in der Politik“, vorbildlich für eine Politik der checks and balances anstelle der vor den Kopf stoßenden Provokation oder geharnischten Konfrontation. Damit ist der zentrale, Italien beherrschende Konflikt genannt – zugleich ist der Leser damit (erst) im 14. Jahrhundert angelangt in einer Kulturgeschichte, die bis in die unmittelbare Gegenwart ausgreift, bis hin zu Modebewusstsein und Fußballverrücktheit. Allerdings hat Reinhardt schon mit dem Gang durch das 13. Jahrhundert vertraut gemacht mit seiner Lesart der „Italianità“.

Konkurrenz ist das Lebensprinzip der „Italianità“, Wettbewerb deren Geschäftsmodell, ein Besserseinwollen, eine sich gegenseitig anspornende Rivalität sucht die Repräsentation. Ob man sich mit den besten Malern am eigenen Hofe umgab, ob man ein geblümtes Kleid, ein Armanitäschchen zur Schau trägt, seinen Ferrari ausfährt oder sich die beste Fußballmannschaft zusammenkauft, in Turin die Agnellis, in Mailand ein Berlusconi.

Reinhardt beginnt sein Buch über die Kulturgeschichte Italiens in Palermo, in Sizilien ließ sich Roger II. im Jahr 1130 zum Herrscher krönen. Zum Beweis seiner exquisiten Herrlichkeit ließ er im königlichen Palast von Palermo ein Mosaik anfertigen, auf dem ihn Christus Pantokrator, der alles beherrschende Gottesssohn, selbst die Insignien der Macht verleiht – ein ungeheurer Affront, denn die Krönung findet ohne und unter Umgehung des Pontifex Maximus statt. „Selbstbewusster, ja aggressiver konnte sich ein Herrscher kaum präsentieren“, so Reinhardt, noch dazu ein Parvenü, eine immer wieder die Geschichte Italiens beherrschende Figur - man denke nur an einen Mussolini.

Der Parvenü beherrscht mit seinem Hohn für die Tradition die Geschichte

Reinhardts Lesart der exzeptionellen Kunstgeschichte Italiens, ihrer erstklassigen Reichtümer und Schätze, ihrer zwielichtigen Helden und strahlenden Heroen, ist eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte in Episoden. Er greift dafür zurück auf einen eigenen, gewaltigen Fundus, auf seine seit über 20 Jahren veröffentlichten fast 20 Italien-Bücher.

Das Drama der Tyrannei durchzieht die politische Geschichte Italiens als Tragödie oder, unabwendbar, als Farce, zwangsläufig auch die Kulturgeschichte. Als Drama jedenfalls auf den Fresken in den öffentlichen Gebäuden oder auf den Bühnen, in beiden Fällen bereits zur Zeit der Renaissance.

So wenig wie Rom wurde auch der Petersdom nicht an einem Tag erbaut – wobei das Prinzip „der produktiven Zerstörung“ (Horst Bredekamp) über viele Bauten verhängt wurde, gerade vom Barock. Auffallend, dass Reinhardt diesen heute flott zitierten Begriff nicht übernimmt, zu entschieden seine Einwände gegenüber dem „frevelhaften Neubau“ von Sankt Peter. Die Architekturavantgarde ging in Italien besonders rigoros vor, der Modernismus des Faschismus ist dafür ein Beispiel. Modernität als ein Element italienischer Mentalität. Mit vielerlei war man in Italien eher dran als im übrigen Europa – auch mit dem Populismus, heute.

Volker Reinhardt:Die Macht der Schönheit. Kulturgeschichte Italiens. C.H.Beck. 650 Seiten, 120 Abb., 38 Euro.

Was dieser radikal leugnet: Italianità ist ein Vermischungsprodukt, das sich vor allem während Krisen bewährt habe – ein auch aktueller Hoffnungsschimmer für den Autor. Seine unübersehbaren wie unermesslichen Reichtümer „verdankte es seiner extremen Vielgliedrigkeit, denn diese erzeugte eine fruchtbare Konkurrenz auf vielen Gebieten“. Die Konkurrenz ist ein Grund für den bis heute „ausgeprägten Lokalpatriotismus“ und die „Bereitschaft, sich für das ,bonum comune‘ zu engagieren“. Allerdings war diese „fruchtbare Rivalität“ zwischen den Metropolen, selbst kleineren Städten, sogar zwischen Dörfern erkauft durch Gewalt. Um Mord und Gemetzel zu übermalen, um selbst Gewaltorgien mythisch zu überhöhen, gaben sich die Besten der Besten her.

Reinhardts Erzählung über Luca Signorellis Antichrist im Dom von Ovieto, Campanellas „Sonnenstaat“, Manzonis „Brautleute“ oder die Opern Verdis, von Fellinis Rom oder der kühlen Eleganz und raffinierten Schlichtheit der Mailänder Mode: Mit jedem Porträt von plastischer Anschaulichkeit erweitert der Autor ein gewaltiges Panorama. Was Reinhardt, erwiesenermaßen ein Leonardokenner, an einer Stelle in seiner Leonardoskizze schreibt, gilt auch für dieses Buch, das nicht eine Systematik darstellt, sondern interessiert ist an „Studien des Lebens und Lebendigen in allen seinen Erscheinungsformen“.

Bereits im Italien der Renaissance wurde ein effizientes Staatsmodell reflektiert, luzide von einem Machiavelli, dessen moralferne Staatsräson auf einem abgründig-pessimistischen Menschenbild basierte, anders als das Alternativmodell eines Guicciardini oder Vettori, deren Ansicht vom Menschen eher zum Guten neigte – was immer das für seine Verführbarkeit durch Neid, Missgunst, Habgier, Eitelkeit und Ich-Bezogenheit bedeutet. Machiavelli hatte für politische Tugenden wie Gerechtigkeit und Zuverlässigkeit, Mäßigung und Beständigkeit nur Hohn übrig. Dieser Hohn hält im Italien des gegenwärtigen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus dröhnend an.

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