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Hagebutten machen durchaus Mühe, wenn man sie zu Marmelade verarbeiten will.

Dörte Hansen "Altes Land"

Gelee von alten Sorten

Dörte Hansens Debütroman „Altes Land“ spottet vergnüglich über die „ausgemusterten Akademiker und Kreativen der Güteklasse B“, die sich in ein putzig verfallenes Reetdachhaus verlieben.

Von Sabine Vogel

Nie mehr werde ich von „erden“ reden, wenn ich übers Gärtnern erzähle. Und nie mehr traue ich mich, Freundinnen in der Stadt mein selbst gemachtes Quittengelee oder meine Hagebuttenmarmelade im Kaviargläschen mitzubringen. Abgesehen davon macht man sich bei der Herstellung voll zum Horst.

Das hat Dörte Hansen in ihrem Roman „Altes Land“ aufs Unterhaltsamste deutlich gemacht. Eingebettet in eine generationenübergreifenden Frauengeschichte von Flucht, Vertreibung und unerledigtem Erinnerungsgerümpel auf dem seelischen Dachboden nimmt sie den massenhaften Trend der Landlust-Leser zum „wunderbar Authentischen“ aufs Korn. Die gebürtige Husumerin und ehemalige NDR-Redakteurin lebt selbst dort und macht sich in ihrem Debütroman über die Hamburger Schickeria lustig, die es plötzlich ins „Alte Land“ in eine mit dem Einhaarpinsel restaurierte Kate nebst Bauerngarten zieht.

Kein Wunder, dass das Buch auf der Bestsellerliste eines Hamburger Wochenmagazins steht. Hansen spottet vergnüglich über die „ausgemusterten Akademiker und Kreativen der Güteklasse B“, die sich in das putzig verfallene Reetdachhaus verlieben, und deren verspannte Großstadt-Elsen für teuer Geld schorfige „Alte Apfelsorten“ erstehen, die jeder vernünftige Obstbauer von seinem Acker verbannt hat. „Gesellschaftliche Ladenhüter, die auf dem Bauernmarkt noch einmal durchstarten möchten.“ Und natürlich auch da glamourös scheitern.

Ein Hof am Elbdeich

Der Hamburger Ex-Textchef Burkhard trägt Manufactum-Cordhosen und Marken-Gummistiefel, von der Abfindung hat er sich einen Resthof am Elbdeich gekauft. Jetzt schreibt er Bücher über das Landleben, die knorrigen Ureinwohner und Kolumnen für ein Slow-Food-Magazin. Um den Kollegen vom Baumwall mal zu zeigen, was kerniges Landleben ist, posiert er für ein „Fotoshooting wie in Cannes“ auf dem Trecker des Nachbarn. Zur Anbiederung an die ach so „urigen, wortkargen, dickschädeligen und herrlich unverkopften“ Eingeborenentrampel lässt er gerne mal paar plattdeutsche Brocken wie „dat segg man“ einfließen.

Dirk zum Felde, der „kantige Landwirt“, ist genervt von diesem Angeber, er braucht jetzt auch mal den Trecker, um seine hochgezüchteten Obstbäume mit Funguran zu spritzen – oje oje, was für ein Öko-Frevel! Der diplomierte Agrarwissenschaftler, der seinen Altländer Obsthof mit moderner Technik bewirtschaftet und alte Bäume gnadenlos entsorgt, „ist wie eine vierspurige Autobahn in einem Heimatfilm“.

Und dann kommt diese Trantüte, Kapuzenpulli, klobige Schuhe, ein Neuzugang im Bauerntheater-Ensemble. Dirk gibt ihr drei Wochen. Der Neuzugang heißt Anne, hat einen kleinen Sohn dabei und ist ein Flüchtling. Vera erkennt das auf den ersten Blick. Sie weiß, wie sich das anfühlt, unbehaust zu sein. Stand sie selbst doch einmal an dieser Tür und wurde als unwillkommenes „Polackenblag“ beschimpft. Anne hatte als Flötenlehrerin verwöhnte Kinder von „Vollwert-Müttern“ in Hamburg-Ottensen unterrichtet. Nun hat die neue Geliebte ihres Manns sie mit ihrem verlogenen Schwesterngetue aus der Wohnung vertrieben. Ihre Tante Vera hat jenen Hof geerbt, an dessen Tor sie 1945 als Flüchtlingskind an der Hand ihrer ostpreußischen Mutter anklopfte. Nun ist die Zahnärztin Vera eine verschrobene Einsiedlerin mit wilden Pferden auf der Wiese geworden. Im Dorf eher gefürchtet als geliebt, geht sie mit der Flinte auf die Jagd und zersägt die erlegte Beute, damit sie in die Gefriertruhe passt.

Veras Vergangenheit, die Nachkriegsgeschichte der Heimatvertriebenen, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der im Leben nicht mehr froh werden wird, das ist der schwere Teil dieses Romans. Darin fast ein westdeutsches Pendant zu Regina Scheers Frauengeschichtsmosaik „Machandel“ von 2014. Damit „erdet“ Hansen ihre metaphernscharfe Satire über die verpeilten Sinnsucher aus der Stadt dann doch noch historisch. Je verheulter die Felder im Februar aussehen, je gequälter die verstummten Erinnerungen auf dem morschen Dachboden rumoren, umso idiotischer kommen einem die „Öko-Nazis“ in ihren „schnuckelig“ aufgeputzten Butzen vor, die beim Elbdeich neue „Kraftorte“ finden oder „mit sich ins Reine“ kommen wollen. Ein starkes Buch, und ein Happy End zum Wohlfühlen gibt’s auch noch.

Dörte Hansen: Altes Land. Roman. Knaus 2015. 286 S., 19,99 Euro.

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