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Franz Hessel.
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Franz Hessel.

Literatur

Gelebte Nonchalance

Zum 80. Todestag des Autors, Übersetzers und einzigartigen Feuilletonisten Franz Hessel. Von Gerd Rüdiger Erdmann.

Es war ein Gedanke Walter Benjamins, dass „auch die Toten vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein werden“. Der Feind, das waren für den nach Frankreich geflüchteten und auch im Exil verfolgten Benjamin die Nazis. An die Befürchtung erinnert man sich heute, am 6. Januar, an dem sich zum achtzigsten Mal der Todestag Franz Hessels jährt. Ein Tag, um auf den im gegenwärtigen Deutschland wenig bekannten Schriftsteller, Übersetzer und Feuilletonisten aufmerksam zu machen.

Franz Hessel wird am 21. November 1880 in Stettin, als drittes von vier Kindern, in eine wohlhabende assimilierte jüdische Familie geboren und protestantisch getauft. Sein Vater Heinrich ist Teilhaber einer Getreidehandelsfirma. 1888 zieht die Familie nach Berlin, wo Franz Hessel 1899 das Abitur erlangt, um danach, mit einem kurzen Aufenthalt in Freiburg, zum Studium, das er nur halbherzig betreibt, nach München zu gehen.

In München gehört Hessel zum Kreis um Stefan George und Karl Wolfskehl. Zusammen mit Franziska von Reventlow, deren sogenannte „Begleitdogge“ er ist und deren Lebensunterhalt er finanziert, gibt er den „Schwabinger Beobachter“ heraus. Schon in dieser Zeit unterhält Hessel eine erste Dreiecksbeziehung, wie sie späterhin für ihn typisch sein sollten.

In der bayrischen Metropole, die sich in ihrer Liberalität wohltuend vom preußisch-starren Berlin abhebt, lernt er auch den hessischen Schriftsteller Oskar Adolf Hermann (O. A. H.) Schmitz kennen, der ihn einlädt, nach Paris zu kommen. Von 1906 bis 1913 lebt Hessel dort. Längere Aufenthalte in der französischen Hauptstadt waren für Kinder aus wohlhabenden Familien nicht unüblich, sollten sie dort doch den „letzten Schliff“ vor dem Eintritt ins Erwerbsleben erhalten.

In der Zeit in Paris freundet sich Hessel mit dem Kunsthändler Henri-Pierre Roché an, was dazu führt, dass er Zugang zur „deutschen Kolonie“ im Café du Dôme bekommt. Über die Dômiers lernt er u. a. Gertrude Stein und Pablo Picasso kennen, wobei er die Begegnung mit Picasso in seinem Stück „Von den Irrtümern der Liebenden“ beschreibt. 1912 begegnet er im Café du Dôme seiner aus Berlin stammenden späteren Ehefrau Helen Grund, die er mit den Worten anspricht, „Sie haben ja Augen wie Goethe in mittleren Jahren“.

Sie heiraten 1913, wobei die Ehe 1921 ein erstes Mal und nach einer erneuten Verehelichung ein zweites Mal geschieden wird. Im Jahr des Kriegsbeginns wird der Sohn Ulrich geboren. 1917 kommt der zweite Sohn Stefan (Stéphane) zur Welt, der später in der Resistance aktiv sein wird. Er wird verraten und in einem Konzentrationslager interniert. Er überlebt, weil er die Identität eines Toten annimmt. Jorge Semprun verarbeitet dieses Vorgehen literarisch in „Der Tote mit meinem Namen“. Nach dem Krieg wird Stéphane Hessel Diplomat in Diensten Frankreichs. 2011 veröffentlicht er das Buch „Empört Euch“.

Die ersten Jahre nach dem Krieg verbringen die Hessels in Hohenschäftlarn bei München, wohin auf Bitten von Helen auch Roché hinzukommt, um seinem depressiven Freund beizustehen. In dieser Zeit entwickelt sich eine Ménage à trois, der Roché 1953 mit dem Roman „Jules und Jim“ literarisch ein Denkmal setzt. Verfilmt wird der Roman einige Jahre später von François Truffaut mit Oskar Werner als Jules aka Franz Hessel in der Hauptrolle.

Anfang der zwanziger Jahre gehen die Hessels schließlich nach Berlin zurück, wo sie, wie aus Hessels Tagebuchaufzeichnungen hervorgeht, gut in die Kunstszene integriert waren. So sind sie u. a. befreundet mit der Bildhauerin Renée Sintenis und dem Graphiker E. R. Weiß. Aufgrund des inflationsbedingten Verlustes des Vermögens beginnt Hessel in dieser Zeit als Lektor beim Rowohlt-Verlag zu arbeiten. 1923 überredet er Ernst Rowohlt zur Herausgabe einer Balzac-Ausgabe, die ein großer wirtschaftlicher Erfolg wird. Neben seiner Tätigkeit als Lektor arbeitet er auch als Herausgeber (Vers und Prosa) und Übersetzer.

Er übersetzt Werke von Balzac, Stendhal, Cohen, Jules Romains, Giono und zusammen mit Walter Benjamin zwei Bände von Prousts „À la recherche du temps perdu“. Später wird Hessel Benjamin Paris näherbringen und ihm bei der Arbeit am Passagen-Werk helfen. Neben der eigenen literarischen Arbeit fördert Hessel junge Talente wie Mascha Kaléko, zu der er Kontakt aufnimmt, nachdem er in Zeitungen auf ihre Gedichte aufmerksam geworden war. Aus der Bekanntschaft resultiert „Das lyrische Stenogrammheft“. Kaléko beschreibt ihn später als seltsamen, weisen Heiligen. Hessel schreibt Rezensionen u. a. über Bücher von Antoine de Saint-Exupéry, André Gide oder John Dos Passos oder Porträts, so z. B. von Marlene Dietrich oder Elisabeth Bergner oder von Städten, wie z. B. von Wien.

Anrührend in diesem ist die Beschreibung seines täglichen Kaufs einer einzelnen Zigarre, um darüber möglichst oft Gelegenheit zu haben, die tiefe wienerische Stimme der Trafikantin zu hören. 1929 erscheint bei Epstein in Leipzig „Spazieren in Berlin“, sein wohl bekanntestes Werk, in dem er seine Passion für Flanerie beschreibt und versucht, das Vergangene im Gegenwärtigen aufzuzeigen. „Genieße froh, was du nicht hast“, ist das Credo Hessels, der sich nicht viel vom Leben verspricht, für sich immer das kleinste Zimmer aussucht.

Benjamin hielt ihn aufgrund seiner Anziehungskraft für einen „gefährlichen Zauberer“ und Alfred Polgar sieht in ihm einen „bedingungslosen Menschenfreund“, dem das „Giftgrün in der Seele fehlt“. Hessel kann bis 1938 weitgehend unbehelligt in Berlin bleiben, vermutlich weil die Nationalsozialisten ihn, den Frankophilen, für ihren Propaganda-Feldzug gegen das Land brauchten und deshalb duldeten. Erst auf Drängen seiner Frau, die seit 1925 in Paris lebt und von dort z. B. für die „Frankfurter Zeitung“ über Mode schreibt, verlässt er Deutschland in Richtung der französischen Hauptstadt, die für ihn „Schicksal, eine Notwendigkeit“ ist.

1940 übersiedelt die Familie nach Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur, der Hauptstadt der deutschen Exil-Literatur. Wenig später wird Franz Hessel, der Frankreich liebte, als feindlicher Ausländer im berüchtigten Lager Les Milles in der Nähe von Avignon, in dem u. a. auch Alfred Kantorowicz und Lion Feuchtwanger untergebracht waren, zusammen mit seinem ältesten Sohn, der sich um ihn kümmert, interniert. Die Haftzeit übersteht er mit der ihm eigenen Nonchalance, wobei er jedoch an Ruhr, einer Infektionskrankheit des Darms, erkrankt, und gesundheitlich sehr geschwächt wird.

Gleichwohl versorgt er nach seiner Entlassung am 27. Juli 1940 weiter seine Familie, macht mit seinem Einkaufsnetz, das er „Rosemarie“ nennt, die „tour du persil“ (Einkaufsrunde). Hessel, der Meister der leisen Töne, verstirbt am 6. Januar 1941 an den Folgen der jahrelangen Belastungen in Deutschland Jude und in Frankreich Deutscher gewesen zu sein. Die Totenrede hält der „Weltbühne“-Autor, Filmkritiker und Freund Hessels Hans Siemsen. Das Grab ist nicht mehr erhalten.

Wie für viele andere Schriftsteller stellt die Nazi-Zeit auch für Hessel eine massive Zäsur dar, wenngleich er sich kaum politisch äußerte, sieht man von wenigen Bemerkungen wie „Wir sind die nichtarischen Christen. Sind wir nicht auch ganz nett?“ ab.

Tod oder dauerhafte Emigration führen dazu, dass diese Schriftsteller ein literarisches Schattendasein führen oder für viele Jahre vergessen werden. Selbst der Rowohlt-Verlag, der Hessel so viel verdankt, legt seine Schriften nicht wieder auf, da sie, so die Begründung, „welk“ geworden seien. Erst 1999 erscheinen im Oldenburger Igel-Verlag Sämtliche Werke, die inzwischen mehrere Auflagen erlebten. Auch andere Verlage haben sich um das Werk Hessels bemüht, darunter Das Arsenal und Lilienfeld. Seit 2010 wird jährlich der Franz-Hessel-Literaturpreis von der Stiftung Genshagen und der Villa Gillet vergeben, der an Hessels Vermittlertätigkeit zwischen Deutschland und Frankreich erinnern soll. 2014 erschien die erste Hessel-Biografie von Magali Laure Nieradka ebenfalls im Igel-Verlag.

In der Stadt, in der er so viel Zeit seines Lebens verbrachte und in der letztlich seine Vertreibung beschlossen wurde, in Berlin, erinnert lediglich eine Tafel am Haus Lindauer Straße 8, seinem letzten Wohnort, an Franz Hessel. Walter Benjamins Aufsatz „Begriff der Geschichte“ endet mit der Zeile „und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört“, weshalb es aktuell auch von Bedeutung ist, das Werk Hessels und anderer „vergessener“ Schriftsteller wiederzuentdecken.

Der Autor veröffentlichte 2019 „Zwei Flaneure in Berlin. Auf den Spuren von Franz Hessel und Walter Benjamin“ im Verlag für Berlin-Brandenburg.

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