Auf das Geld ist immer Verlass

Louis Auchincloss erzählt dezent vom schreienden Unglück einer reichen Ostküsten-Familie

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Ein Mann läuft durch das New York der neunziger Jahre. "Er stellte sich die Fifth Avenue gern als den Höhepunkt der Zivilisation vor, als ein neues Rom, nur dass man hier freier und glücklicher lebte, in einem Rom, unbefleckt durch das Blut von Gladiatoren oder Christen, die in einer Arena voller begeistert brüllender Itaker übel zugerichtet wurden." Der Mann heißt Bruce Carnochan, ist der Enkel eines schottischen Auswanderers, dessen Familie es an der amerikanischen Ostküste schnell zu gesellschaftlichem Ansehen und dezentem Reichtum gebracht hat, und es sind die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts, von denen hier die Rede ist.

Neunzig Jahre alt ist Louis Auchincloss, der neben seiner Anwaltstätigkeit in New York rund 60 Bücher geschrieben hat. Im vergangenen Jahr erschien in Deutschland erstmals ein Werk von ihm, "Die Manhattan Monologe", ein faszinierendes Buch, in dem sich aus den unterschiedlichen Stimmen von Mitgliedern der Ostküsten-Upperclass eine ganze Welt zusammensetzte.

"East Side Story", im Original 2004 veröffentlicht, erzählt nun in Episoden eine Familiengeschichte über ein Jahrhundert - von David Carnochan, dem 1869 gestorbenen schottischen Auswanderer, dessen Biografie von seinem Sohn Peter rekonstruiert wird, bis hin zu Ronny, dem Sonderbeauftragten des Außenministers für Indochina, der im Sommer des Jahres 1970 einsam seinen Geburtstag feiert und sich eingestehen muss, dass der Vietnam-Krieg ein Irrtum und "sein ganzes bisheriges Leben eine Farce gewesen" war.

Dazwischen liegen Generationen, erfüllt mit Hoffnungen, Verlusten, Aufstiegen, Tragödien und persönlichen Triumphen. Da sind Lichtgestalten, die zumeist zu früh und tragisch sterben (im Krieg oder an unvorhersehbaren Krankheiten); schwarze Schafe, die die rigiden Maßgaben der Eliteuniversitäten nicht erfüllen können oder wollen (und sich stattdessen sexuellen Ausschweifungen hingeben); eiskalte Karrieristen, die letztendlich daran scheitern, dass ihnen immer noch ein kälterer, gewiefterer Karrierist im Wege steht.

Auchincloss erzählt davon, anders als in den "Manhattan Monologen", mit dem unbestechlichen Blick des distanzierten und hin und wieder kommentierenden Beobachters. Diese Perspektive ist es auch, die "East Side Story" zu einem derartig fesselnden und unterhaltsamen Lektüreerlebnis macht, denn durch diese kommen letztendlich weniger die Differenzen zwischen den einzelnen Charakteren als vielmehr die alle verbindenden Gemeinsamkeiten, die Leitsätze einer sozialen Klasse, zum Vorschein.

Mit geradezu zynischer Kälte heiratet man kalkuliert untereinander, um des eigenen Vorteils Willen, in protestantischer Pflichterfüllung und auf Kosten der Lust: "Er stellte sich vor, wie Ada ihr Nachtgewand ablegte, wie ihre kleinen Brüste, der gerundete Unterleib und das beeindruckende Hinterteil sichtbar würden; wie sie, eher passiv als schüchtern, träge seiner geschrumpften, kalten unteren Partie darböte, was sie darzubieten hatte, im Vertrauen darauf, seinen unbeholfenen Erguss in einen rosigen kleinen Benson verwandeln zu können. Auf das Geld jedoch wäre immer Verlass."

So geht sie durch die Jahrzehnte, die Familie Carnochan, die sich "keines Verbrechens schuldig gemacht, nie ein öffentliches Ärgernis erregt, nie zu Unruhen aufgerufen" hat. Und doch stellt Louis Auchincloss am Beispiel dieser Anwälte, Börsenmakler und Großhändler immer wieder die Frage, ob Existenzen dieser Art moralisch gerechtfertigt seien. Der Autor selbst ist zu dezent, um eine Antwort darauf zu geben, er erzählt exemplarische Lebensgeschichten als Ausdruck einer Mentalität; gestattet sich, eine Episode so unvermittelt abzubrechen, wie er sie auch begonnen hat. Man könnte mit Auchincloss dem Stammbaum der Familie Carnochan bis in dessen weiteste Verästelungen folgen - es wäre stets ein Gewinn.

Louis Auchincloss:

East Side Story.

Roman. Aus dem

Englischen von

Karl A. Klewer.

DuMont Verlag, Köln 2007, 288 Seiten,

19,90 Euro.

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