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„Auch davon gibt es Fotos: ich offenen Mundes als Redner.“

Günter Grass

„Gekränkte Leberwurst spielen“

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In Reinform: Günter Grass erzählt Schnurren über die Gebrüder Grimm - und die großen Tage.

Ein gemütliches Buch. Seinen Autor hört man manchmal schnurren vor Wohlbehagen.

Erstens, wenn er sich in Wortbädern unter Betonung bestimmter Anfangsbuchstaben aalt. „Gerne sage ich Elritze, ergehe mich unter Eschen und Eichen, erinnere mich beim Entenessen an einst gegessene Enten, ecke Buchseiten Eselsohren, gieße eingelegten Heringen Essig nach, bin des Bernsteins Einschluß, entfliehe der Enge, hänge am Euter, erzeuge, erzähle, pfeife auf Ehre, verlache, was sich erhaben gibt ...“ .

Zweitens, wenn er sich Szenen ausdenkt, in denen zwei der Helden seines Buchs vorkommen. Zwei der Helden seines Buches sind Jacob und Wilhelm Grimm. Einmal schickt er Jacob Grimm und Charles Darwin spazieren und ruft ihnen das Stichwort „Wurm“ zu. Da stochert Darwin schon mit seinem Gehstock in der Erde und leitet Grimm bereits den Wurm vom gotischen Ulfilas her.

Drittens, wenn er vom dritten Helden des Buchs berichtet. Das ist er selbst. Bei einer Wahlkampfveranstaltung vor A wie Arbeiterfrauen in Gelsenkirchen gewinnt er mit Anekdoten die Herzen seiner Zuhörerinnen. „Das schien beklatschenswert zu sein, sogar zum Lachen. Die Frauen ließen vom Kuchen ab.“ Er lernt B wie Brandt kennen, indem er durchsetzt, dass er als „schnauzbärtiger Kaschube und Außenseiter“ nach einigem Hickhack doch dabei sein darf, als sich der SPD-Politiker mit Intellektuellen zusammensetzt, und Günter Grass gleich eine gute Figur macht. Eigentlich als einziger, wenn man es recht bedenkt.

„Grimms Wörter“ orientiert sich von A bis Z am Wörterbuch der Brüder Grimm. Der „Andrang der Wörter“, unter dem die vielbeschäftigten Grimms schier erdrückt wurden, ist für Grass aber keine Beunruhigung, sondern der behaglichste Spaß und willkommener Anlass zu altertümlichen Wendungen und autobiografischen Abschweifungen. Dafür genügen die kleinsten Wortbrücken. Schon geht es von der „Confession“ zu einer Rede zur deutsch-polnischen Freundschaft.

Von den Grimms erzählt Grass ausführlich und mit Zuneigung. Ganz sicher ist man sich aber nicht, ob ihm der Kontrast etwa zwischen seinem Beharren auf der alten Rechtschreibung und der generellen Freude der Grimms an Neuerungen auffällt. Die ß-Lösung hätte ihnen vermutlich gefallen. Dafür geht Grass auf die „biedermeierliche“ Zubereitung der Hausmärchen ein. Dass dabei von „Urformen“ dieser Märchen angesichts der gutbürgerlichen/aristokratischen Grimmschen Zuträger wenig Rede sein kann, spielt keine Rolle. Es ist auch nicht wichtig, stupst den Leser aber darauf, dass es modernere Blicke auf die Brüder gibt. Im Drumherum gibt es jedoch treffliche Sätze, wie diesen über Bettine von Arnim: „Sie war der Mund ihrer Zeit.“

Politisch, wie gesagt, hat Grass recht. Der Leser glaubt ihm auch seine Erfolge – denn Erfolgsgeschichten sind das, eindeutig. Daheim erzählt man solche Sachen, wenn man zufrieden mit sich war. Es gab Applaus von der richtigen Seite, es ist besser gelaufen, als erwartet, etc. Dass Grass aber nicht nur davon erzählt, sondern auch sein Recht-Haben belegt mit Zitaten aus alten Reden, hat etwas Rührendes. Ja, er hatte schon immer recht und belegt es, bei Themen wie DDR-Unrecht, RAF-Gewalt, Wiedervereinigung, Asylrecht, neue Armut.

Mit Kassandra (Cassandra, weil es unter C steht) vergleicht er sich nun, fühlt sich „abgestraft“ für „Die Rättin“. In solchen Momenten schnurrt er nicht mehr, sondern faucht und ist wirklich sauer. Dann tragen die pikierten Zuhörer in der Frankfurter Paulskirche „fette Klunker“. Oder: „Das Wegschauen hatte schon immer Methode, weshalb dem Ego der Ismus erhalten geblieben ist und ein Buch, das ich gemeinsam mit Daniela Dahn und Johano Strasser vor sieben Jahren unter dem Titel ,In einem reichen Land‘ herausgab, damit es von verbreiteter Kinderarmut in Deutschland und dem kümmerlichen Dasein alter Menschen berichte, kein Echo fand. Niemand wollte es so genau wissen. Eingeübt gab man sich cool oder hechelte von einem in den nächsten Event.“

Es ist natürlich wie immer lustig, wenn ausgerechnet Günter Grass beklagt, nicht ausreichend Gehör zu finden. Es ist auch keine Überraschung, aber in dieser Reinform berührend. Unter W wie Weh und Wüste darf es sich ausbreiten: „Ins Leere reden. Darin hatte ich mich geübt ... Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und mißachtet, wie vormals der biblische Sündenbock, der belastet mit der Menschenkinder schuldhaftem Tun in die Wüste geschickt wurde, wo gut predigen ist.“ Das stimmt überhaupt nicht, geht aber hier schlau als Weh-und-Ach-Rhetorik durch. Als mögliche Antwort nennt Grass selbst das „gekränkte Leberwurst spielen“. Okay.

Es gibt hier aber noch etwas völlig anderes, ein nicht oder nur vage ausgesprochenes „Zum letzten Mal“. „Grimms Wörter“ hat Züge eines Vermächtnisses, vielleicht darum steht das diebisch Vergnügte und das zornige Recht-Haben noch einmal so blank, keck und nervtötend vor uns. Günter Grass gönnt sich das noch einmal aus vollen Zügen.

Entwaffnend sind die Zeilen über den Tod: „Jetzt aber steht er mir bevor. Nach ihm wird nichts sein.“ Dann kommt Günter Grass auf das Leben zu sprechen, die Neugier auf die nächste Spargelzeit, die Verwandten, die letzten Fußballergebnisse, darauf, dass „das wahrscheinlich letzte Buch für den Druck fertig werden muß“. Da blitzen die Weisheit und Uneitelkeit durch, die man sich gemeinerweise so wünscht von einem 82-Jährigen, aber was gehen ihn unsere Wünsche an? Nicht allzuviel, stellt Günter Grass in diesem Buch, an dem er gewiss Freude hatte, fest. Recht hat er.

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