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Buchmesse - Veranstaltung

Der Geist ist schwach und Werbung macht willig

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Wir wissen viel über Essen und Ernährung, über Tierhaltung und Ökologie. Im Supermarkt greifen viele trotzdem zu billigsten Lebensmitteln. Ein Panel auf der Buchmesse fragt: Warum ist das so?

Die Schlangen in den Restaurants auf der Frankfurter Buchmesse sind lang, die Leute schon leicht genervt, und beim Blick auf die Preise im Menü schmerzt der Gedanke an den eigenen Geldbeutel. Eine Buchmesse ist keine Veranstaltung für Menschen, die beim Essen gerne sparen. Doch ein häufig zu beobachtenes Phänomenen gibt es auch hier: Eine Mahlzeit mit Fleisch ist billiger als vegetarisches Essen. Da fällt die Entscheidung schnell mal auf Spaghetti bolognese, wenn die Portion im Gegensatz zu den Nudeln mit vegetarischer Pilzsoße nur knapp zehn statt dreizehn Euro kostet. Isst das schlechte Gewissen dann mit?

„Essen zwischen Trieb und Wissen – Warum das Schnitzel oft über die Möhre siegt“ – zu dieser Themendiskussion hat das Bio-Magazin „Schrot & Korn“ am Samstag die Ernährungspsychologin Nanette Ströbele-Benschop von der Universität Hohenheim und die Diplom-Ökotrophologin Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen in den Gourmet-Salon der Frankfurter Buchmesse eingeladen.

Doch zunächst fragt Moderatorin und Schrot & Korn-Redakteurin Stephanie Silber das Publikum: Wer isst hier gerne mal eine Tiefkühlpizza? Viele Hände gehen hoch, auch Silber meldet sich: „Gibt’s ja inzwischen auch in Bio.“ Doch wer weiß, dass so eine Pizza ungefähr 1000 Kalorien hat? Und damit schon die Hälfte der Kalorien, die eine erwachsene Frau täglich zu sich nehmen sollte, wenn sie nicht übergewichtig werden möchte.

Übergewicht, Tierquälerei, fortschreitender Klimawandel. Die Probleme, die unsere Art zu essen mit sich bringen, sind vielfältig. Der Fleischkonsum ist einer der Hauptmotoren des Klimawandels, über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll. Die unschönen Fakten haben die meisten Menschen in Medienberichten oder Studien wahrscheinlich schon öfter gelesen.

Doch wann entscheidet beim Essen die Vernunft, wann die Lust, wann gar der Trieb? Der Fleisch- und Wurstkonsum von Männern ist etwa doppelt so hoch wie der von Frauen. Der Grund dafür sei, so zitiert Moderatorin Silber, ein archaisches Geschlechterrollenmuster. „Wir essen nicht nur Nährstoffe, sondern auch Symbole, und Fleisch steht wie kaum etwas anderes für das männliche Geschlecht.“ Wenn das Fleischessen unterbewusst triebgesteuert ist, gibt es dann überhaupt Grund zu hoffen, dass der Konsum in Zukunft geringer wird? „Mein Hoffnungsschimmer ist, dass ethische und umweltfreundliche Gründe irgendwann eine größere Rolle spielen als dass man sich stark als Mann fühlt“, sagt Ernährungspsychologin Nanette Ströbele-Benschop.

Bequemlichkeit wiegt schwerer als Wissen

Zumindestens Studien und Befragungen lassen auf ein gesellschaftliches Umdenken in Ernährungsfragen schließen. Etwa 75 Prozent der Deutschen, die Fleisch konsumieren, geben an, dass sie für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung mehr Geld zahlen würden. Doch im Supermarkt zeigt sich ein anderes Kaufverhalten. Ein Grund dafür könne auch die Bequemlichkeit sein, sagt Ströbele-Benschop. Nur wenige Menschen sind bereit, nochmal extra in einen anderen Laden zu fahren, sollte es im Discounter kein Bio-Huhn geben. Das eigene Essverhalten aktiv zu verändern, beinhaltet eine Anstrengung, die viele Menschen nicht leisten wollten. Häufig essen wir, was gerade am leichtesten zu bekommen ist. Aus demselben Grund überprüften nur wenige Leute regelmäßig die Inhaltsangaben von Produkten, so Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen. Sie ist überzeugt, dass wir so oft gegen unseren Verstand essen, weil die Lebensmittelhersteller mit appetitanregenden Bildern und vorgetäuschten Zutaten mehr versprechen, als die Lebensmittel eigentlich halten. Zur Veranschaulichung hat sie einige Produkte mitgebracht, die auf der Verpackung einen anderen Inhalt suggerieren als das Produkt enthält. Ein Erdbeer-Minze-Erfrischungsgetränk? Getrocknete Erdbeeren sind da nur zu einem minimalen Prozentsatz drin. Doch Beschwerden wegen irreführender Werbung erhalten Firmen von Verbraucher*innen fast nie.

Weihnachtszeit ist Lebkuchenzeit

Denn ein weiterer Grund für das Kaufverhalten gegen das Wissen und oft auch gegen das Gewissen ist die Gewohnheit. Wir sind es gewohnt, dass die Werbung uns etwas vorgaukelt und wir nehmen es kritiklos hin. Untersuchungen zeigen außerdem, dass Kinder von Eltern, die häufig in Discountern eingekauft haben, ebenfalls dazu neigen, günstiger einzukaufen. Der Ort, wo wir sozialisiert worden sind, hat einen entscheidenden Einfluss auf unser Essverhalten. Man isst anders, wenn man in Deutschland oder in Amerika aufgewachsen ist, man isst auch anders, wenn es in der Schulcafeteria gesundes Essen gab. Meist, so erklärt es Ströbele-Benschop, essen wir ohnehin aus einem anderen Grund als Hunger. In der Weihnachtszeit haben viele Menschen Lust auf Lebkuchen und kaufen sie, weil es für sie zum Fest dazugehört.

Eine Lösung, da sind sich die Expertinnen einig, könnten deutlich höhere Steuern auf ungesunde Lebensmittel, besonders auf Softdrinks, sein. Diese sind ein Hauptgrund für Übergewicht im Jugendalter. Auch hätte die Obst- und Gemüseindustrie erst spät bemerkt, dass man gesundes Essen ebenfalls attraktiv bewerben kann. Bereits geschältes, in Plastik verpacktes Obst sei zwar ökologisch fraglich, steigert aber nachweislich das Kaufverhalten, da Obst für die Mittagspause nicht mehr mit aufwändigem Schälen verbunden ist. Verlässlichere Kennzeichnungen von fair produzierten oder veganen und vegetarischen Lebensmitteln hält Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale ebenfalls für wichtig. Es sei ein Unding, dass man beim einzelnen Ei prüfen könne, ob es aus Massentierhaltung oder von einem Biohof komme, bei den verarbeiteten Produkten im Supermarkt aber nicht mehr nachvollziehen könne, welche Art von Eiern, etwa in Keksen, verarbeitet wurde. Hier bräuchte es Widerspruch von Konsument*innen oder Bürger*inneninitiativen, die bessere Kennzeichnungen fordern. Doch Veranstaltungen wie diese von Schrot & Korn haben ein Problem: Das Publikum setzt sich hauptsächlich aus bereits gut informierten Menschen zusammen, die ihre Überzeugungen im Kaufverhalten umsetzen. Wer sich weniger mit dem Thema Essen und kritisches Konsumverhalten beschäftigt, geht eher selten zu solchen Diskussionen.

Bei aller Kritik an dem Essverhalten sprechen sich Franz und Ströbele-Benschop trotzdem dafür aus, dass man Genuss beim Essen nicht verwehren sollte. Er tue dem Menschen gut, und würde man jedes Nutella-Glas verbieten, führte das bei vielen Leuten nur zu Frust. Der Verstand dürfe ruhig auch beim Essen mal ausgeschaltet werden. Nur, so Franz, „eben zwischen Weihnachten und Neujahr und nicht andersherum“.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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