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Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld um 1954-55.

Suhrkamp-Archiv

Der Geist aus der Kiste

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Pathosstätte und Wundertüte zugleich: Das Marbacher Literaturarchiv eröffnet Wege zu Geschichte und Mythos des Suhrkamp Verlags. Kalkül und Großzügigkeit, Kleinmut und intellektuelle Weite finden sich zuhauf in den Ordnern, die hier auf ihre Entdeckung warten.

Papier mag geduldig sein, aber es bedarf auch trockener Kälte. Wer sich längere Zeit in den Kellern des Marbacher Literaturarchivs aufhält, sollte mit Schal und Strickjacke kommen. „Das Meiste befindet sich noch in den Umzugskisten“, sagt Jan Bürger fröstelnd bei einer Führung durch den Suhrkamp-Trakt auf der Marbacher Schillerhöhe. Die tonnenschweren Regale, die bereits eingeräumt sind, können nur durch hoch empfindliche Elektromotoren bewegt werden. Moderne Archivtechnologie trifft auf schnöde Umzugslogistik, mit deren Hilfe vor gut einem Jahr über 9000 Kartons eingelagert wurden.

Jan Bürger ist Leiter des Siegfried Unseld Archivs, das vom Literaturarchiv für acht Millionen Euro erworben wurde. Was er und seine Mitarbeiter zu bergen noch vor sich haben, ist ein bemerkenswertes Stück bundesrepublikanischer Kultur- und Geistesgeschichte. Die Kartons stammen aus dem Frankfurter Verlagshaus in der Lindenstraße, der Villa der Unselds in der Klettenbergstraße sowie der Frankfurter Uni. Verlegerkorrespondenzen, Notizen von Lektoren, Informationen zur Geschäfts- und Auflagenentwicklung, aber auch kilometerlange Ablehnungsschreiben als Reaktion auf unverlangt eingesandte Manuskripte. Der Verlag ist samt seiner Vorgeschichte in Marbach ab sofort auch als Institution der Verschriftlichung zu studieren.

Eine Netzwerkgeschichte

Die Suhrkamp-Geschichte reicht weit über das Gründungsjahr 1946 hinaus. Zum Materialienbestand gehören auch die Dokumente des 1899 gründeten Insel-Verlags. Unscheinbar liegt auf einem Dokumentenwagen eine Erstausgabe des „Doktor Faustus“ aus dem S. Fischer Verlag, die Thomas Mann mit einer Widmung für Peter Suhrkamp versehen hatte. Literaturgeschichte ist in Marbach als Netzwerkgeschichte aus Ökonomie und Freundschaftsverhältnissen zu untersuchen. Kalkül und Großzügigkeit, Kleinmut und intellektuelle Weite finden sich hier zuhauf in Ordnern, die sorgsam verschnürt oder, scheinbar achtlos, übereinandergestapelt sind. Darunter befindet sich auch die erste Ausgabe der geplanten Zeitschrift Gulliver, für die Roland Barthes, Maurice Blanchot und Jean Starobinski Texte geliefert hatten. Sie war für 1962 geplant, ist aber nie erschienen. Wird man im Archiv auch erfahren warum?

„Die Suhrkamp-Ära“ lautete der keineswegs unbescheidene Titel einer Tagung, auf der nun Perspektiven für eine künftige Archiv-Nutzung entwickelt werden sollten. Was Suhrkamp ist, was es war und was es bleiben wird, wurde in verschiedenen Anläufen von Germanisten, Geisteswissenschaftlern und Historikern unter der Fragestellung diskutiert, welche Antworten und Hilfestellungen das Archiv dabei geben kann.

Es war nicht zuletzt eine Art Operation am offenen Herzen, bei der Historisierungstendenzen und gegenwartsgesättigte Diagnosen aufeinanderprallten. Aktuelle und ehemalige Suhrkamp-Mitarbeiter kamen zu Wort, und so lag es nahe, dass um Suhrkamp-Mythos und Suhrkamp-Realität mitunter kontrovers, aber auch anekdotenreich gerungen wurde. Als etwa Gottfried Bermann Fischer mit Peter Suhrkamp über die Produktion von Taschenbüchern sprechen wollte, lehnte dieser schroff ab. „Bücher gehören nicht in die Masse“, schrieb er in einem Brief. „Sie gehören in die Hände der Auserlesenen.“ Dass Suhrkamps Nachfolger Siegfried Unseld für solchen Elitismus wenig übrig hatte, zeigen schon die Massenerfolge, die er als Verleger auch in ungewohnten Literaturfeldern feierte.

Die wachsende internationale Bedeutung des Verlags ließe sich allein schon durch die erstaunliche Markteroberung des deutschsprachigen Raums durch lateinamerikanische Schriftsteller von 1976 an belegen. Sie verlief zu großen Teilen über Suhrkamp und mündete in Isabel Allendes Bestseller „Geisterhaus“. Octavio Paz, Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa wurden Suhrkamp-Autoren und trugen dazu bei, dass die Kanonisierung der lateinamerikanischen Literatur zu nicht geringen Teilen über Deutschland verlief. Umso erstaunlicher ist das weitgehende Scheitern des Verlages im Bereich der nordamerikanischen Literatur, obwohl Unseld als Amerika-Freund galt. Vielleicht kann das Archiv, so die wiederholt geäußerte Hoffnung, über solche Brüche Auskunft geben.

Korrespondenz mit Michel Foulcault

Man dürfe allerdings nicht zu viel erwarten, versuchte Bernd Stiegler, früherer Suhrkamp-Programmleiter Wissenschaft, die Entdeckereuphorie zu bremsen. Der Schriftverkehr eines Verlages bestehe nun einmal auch aus Verwaltungsnotizen. Stiegler war es dann aber auch, der geheimnisvoll auf eine von den Archivaren noch nicht entdeckte Korrespondenz zwischen Verlag und Michel Foucault verwies.

Die unzweifelhaft größte Strahlkraft hat Suhrkamp bis heute als Theorie-Verlag, der in den 60er Jahren zum bundesrepublikanischen Kraftzentrum eines undogmatischen Linksintellektualismus wurde. Doch auch bei diesem Programmpunkt hielten die Wissenschaftler dazu an, den Blick für Diskontinuitäten zu schärfen. So könne gar nicht die Rede davon sein, stellte Nikolaus Wegmann (Princeton) klar, dass Niklas Luhmann ein ausdrücklicher Suhrkamp-Autor war. Die großen Werke des Bielefelder Soziologen erschienen ab den 80er Jahren zwar in Frankfurt, aber immer wieder veröffentlichte Luhmann wichtige Texte auch in anderen, oft kleinen Verlagen. So nahe Luhmann Unseld gestanden haben mag, verfügte er doch sehr autonom über die Architektur seines Theoriegebäudes.

Dass Siegfried Unseld, dem man nicht gerade eine besondere Affinität zu Philosophie und Geisteswissenschaft nachsagen konnte, den Verlag zum führenden Theorieverlag ausbaute, ist eng verknüpft mit seinem Geschick, die passende Marktform für schwierige Autoren und Stoffe zu finden. Der legendäre, von George Steiner geprägte Begriff der „Suhrkamp-Culture“ war nicht zuletzt ein beachtlicher Effekt der Label-Produktion. Schon das bloße Erscheinen eines Titels in der Edition Suhrkamp verhieß vorübergehend eine besondere Aura des Dazugehörens.

Dechiffrierung des Mythos

Unseld wusste die kreativen Impulse einer Kulturindustrie zu nutzen, die in den bei ihm erscheinenden Büchern analysiert und kritisiert wurden. Doch bei genauerer Betrachtung ist selbst die theoretische Dominanz des Verlages von Versäumnissen durchzogen. Eine kritische Bilanz der theoretischen Bedeutung und Wirkung der bei Suhrkamp erschienenen Titel dürfte denn auch sehr viel ernüchternder ausfallen als der anhaltende Ruf.

Ulrich Raulff, der Direktor des Marbacher Literaturarchivs, ist sich der paradoxen Wirkung der Öffnung des Unseld-Archivs in Marbach durchaus bewusst. Indem er zur Dechiffrierung des Mythos Suhrkamp einlädt, trägt er zugleich auch zur Vergrößerung desselben bei. Mit großer Geste wird hier ein Verlag in die Geschichte entlassen und zugleich als Pathosstätte und Wundertüte lebendig gehalten.

Die Tagung war so gesehen eine handfeste Werbung für Marbach und sein neues Archiv, in dem zahlreiche Betriebsgeheimnisse des bundesrepublikanischen Geisteslebens aufgehoben sind. Es darf erforscht werden, was Suhrkamp im Besonderen war und was die Kulturtechnik Archiv uns im Allgemeinen sagen kann.

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