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Wie gemalt: Das Matterhorn, gesehen von der Seilbahnstation Trockener Steg.
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Wie gemalt: Das Matterhorn, gesehen von der Seilbahnstation Trockener Steg.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Der Geist im Hochgebirge

Auch seine langsame Entwicklung zum Philosophen hatte System: Wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel erst Schritt für Schritt zum Überflieger wurde.

Von Otto A. Böhmer

Wir schreiben das Jahr 1796: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, angehender Philosoph und noch nicht berühmt, befindet sich auf einem Landgut bei Bern und ist dort als Hauslehrer tätig. Er hat die Söhne des wohlhabenden Berner Patriziers Carl Friedrich Steiger von Tschugg zu unterrichten und erledigt diese Aufgabe zur weitgehenden Zufriedenheit des Hausherrn, der seinen Hauslehrer ansonsten so behandelt, wie man die meisten Hauslehrer jener Zeit behandelt, nämlich herablassend und mäßig freundlich.

Hegels Arbeitgeber war möglicherweise sogar noch ein wenig herablassender als andere, denn er litt unter schlechter Laune, seitdem er bei dem Versuch, in den Rat der Stadt Bern gewählt zu werden, überraschenderweise gescheitert war. Die Stimmung auf dem idyllischen, im Schweizer Jura zwischen Neuenburger und Bieler See gelegenen Landgut Tschugg ist also eher kühl, und der Hauslehrer muss sich selbst bei Stimmung halten, was ihm einigermaßen schwer fällt.

Hegels Freund Hölderlin hält sich derweil in Frankfurt am Main auf, wo er sich ebenfalls als Hauslehrer betätigt – was, wie wir wissen, eine Übung ist, die viele Intellektuelle jener Zeit zu bewältigen haben, denn der Stand des Hauslehrers dient als eine Art Durchlauferhitzer für all jene Dichter und Denker, die sich, aus ökonomischen Gründen, noch nicht in der Lage sehen, von den Erträgen ihres Dichtens und Denkens zu leben.

Hölderlin ist anscheinend glücklicher

Hölderlin scheint allerdings glücklicher zu sein als Hegel, den er seinerzeit während des gemeinsamen Studiums im nachmals berühmten Tübinger Stift kennengelernt hat: Er, Hölderlin, ist bei der Frankfurter Kaufmannsfamilie Gontard untergebracht, von der ihm im besonderen Maße Susette Gontard, die Dame des Hauses, gefällt, die er dann, kurzentschlossen, zu seiner großen, lebenssprengenden Liebe erklärt, an der er später – das ist allerdings eine andere Geschichte – ebenso scheitert wie an den Anforderungen eines bewussten, realitätsverhafteten Lebens.

Hegel hat Heimweh nach Deutschland, das ihm weniger als Land etwas bedeutet, sondern als Heimstatt seiner Freunde. Hölderlin stellt ihm, zunächst allerdings eher vage, eine Hauslehrerstelle in Frankfurt in Aussicht; Einzelheiten müssten allerdings noch geklärt werden, und das letzte, hoffentlich positive Wort sei noch nicht gesprochen. Hegel muss also erst einmal alleine zurechtkommen, und er wird dadurch veranlasst, in sich hineinzuhorchen –, innezuhalten und das bisher Erreichte, das nicht viel ist, in einer Weise zu deuten, dass sich daraus neue, womöglich sogar richtungsweisende Schlüsse ziehen lassen.

In Bern drängt sich Hegel die Erkenntnis auf, dass er zum Typus des Spätberufenen gehört. Der Spätberufene lässt sich mit allem, was er tut, Zeit; seine Langsamkeit scheint System zu haben. Was ein solcher Mensch zustande bringt, ist, wie man glauben möchte, bestenfalls solide, selten jedoch genial. Für die Genialität ist ein anderer Typus zuständig, der des jungen Genies, eines Überfliegers im Geiste, dem ganz einfach zufällt, was anderen, den weniger Bemittelten, sichtlich schwerfällt.

Trotzdem sollte man den Spätberufenen, der von seinen Kritikern eher für einen Handwerker denn für einen Künstler gehalten wird, nicht unterschätzen; was er sich durch zähe Arbeit erwirbt, kann sehr wohl großartig sein und letztendlich als reife Leistung durchgehen, die für eine etwas andere Form der Genialität spricht. Während seines Studiums in Tübingen ist Hegel denn auch weniger durch großartige intellektuelle Leistungen aufgefallen, sondern durch Beharrlichkeit und eine gesellige Art, die bei seinen Kommilitonen gut ankam. Er galt als trinkfest, und wenn man etwas an ihm lobte, war es sein hintergründiger Humor.

„Das hätten wir, hieß es, vom Hegel nimmer gedacht!“

Einer von Hegels ersten Biographen, der Philosoph Karl Rosenkranz, schreibt 1844: „Man fand an ihm damals nichts besonders Geistreiches heraus. Seine Jugendbekannten in Schwaben waren erstaunt, als er sie später mit seinem Ruhm überraschte. Das hätten wir, hieß es, vom Hegel nimmer gedacht! – In den ritterlichen Künsten der Akademie blieb Hegel zurück. Er ritt zuweilen. Er trank ..., namentlich während des Sommers 1790, wacker mit. Er fing ... das Fechten an, gab es aber bald wieder auf. Zu manchen äußerlichen Hemmungen ... kam noch eine Vernachlässigung des Anzugs. So sehr er daher auch mit jungen Damen zu verkehren liebte und so gut er bei ihnen seiner Gesinnung und geistigen Munterkeit wegen gelitten war, so wenig glückte es ihm doch bei ihnen ... Wenn es anging, suchte Hegel mit den Damen ein Pfänderspiel zu arrangieren, wo ihm denn doch von holdem Munde auch ein Küsschen zu Teil werden musste. Alle diese Umstände vereinigten sich, ihm eine etwas grämliche, schwerfällige Außenseite zu geben, ihn älter erscheinen zu lassen, als er war. Er bekam daher im Stift den Spitznamen: der alte Mann oder auch schlichtweg: Alter.“

Für die Genialität in Tübingen sorgen Freunde Hegels, der bereits erwähnte Hölderlin etwa und, allen voran, der spätere Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, den man allgemein für ein kaum älter werdendes Wunderkind von nahezu unbegrenzten Talenten hielt. Während einige seiner Studienkollegen bereits auf den Höhen der zeitgenössischen Philosophie wandelten, übte sich Hegel noch in aufmerksamer Zurückhaltung; bei Diskussionen hörte er lieber zu, als selber das Wort zu ergreifen, und er bewunderte die Belesenheit der jeweiligen Meinungsführer. Nachdem Hegel ein zweijähriges Studium hinter sich gebracht hat, wird er 1790 zum Magister der Philosophie ernannt; drei Jahre später legt er sein theologisches Konsistorialexamen ab, das ihn dazu berechtigt, ein geistliches Amt anzustreben, wovon er jedoch Abstand nimmt. Das Abschlusszeugnis, das man Hegel ausstellt, entspricht zwar im großen und ganzen der listigen Unauffälligkeit, mit der er in Tübingen gewirkt hat, ist jedoch besser, als es Rudolf Haym, ein anderer Biograph Hegels, wahrhaben will, der zu dem Ergebnis kommt: „Seine Lehrer gaben ihm das Zeugnis mit auf den Weg, dass er ein Mensch mit guten Anlagen, aber mäßigem Fleiß und Wissen, ein schlechter Redner und ein Idiot in der Philosophie sei ...“

Im Herbst 1793 tritt Hegel die Hauslehrerstelle in Bern an. Er hat keine andere Wahl gehabt und muss nun das Beste aus seiner Situation machen. Hegel gibt sich Mühe: Er ist ein ordentlicher, nur schwer in Begeisterung zu versetzender Lehrer; die Umstände, unter denen er zu arbeiten hat, tun ein Übriges, um seinen inneren Enthusiasmus klein zu halten.

Was ihm stille Freude bereitet, sind nicht seine Schüler, die beiden braven Steiger-Söhne, sondern die üppig ausgestattete Bibliothek des Hausherrn, in der er, wenn es die Dienstzeiten gestatten, auch seinen privaten Studien nachgehen darf. So wird Hegel zu einem Leser, der sich, eher unsystematisch, ein Wissen anliest, aus dem er mehr machen will, als es das Hauslehrer-Dasein erlaubt.

Ende August 1795 schreibt Hegel an Schelling: „Ich bin nur ein Lehrling ... Von meinen Arbeiten ist nicht der Mühe wert zu reden; vielleicht schicke ich Dir in einiger Zeit den Plan von etwas zu, das ich auszuarbeiten gedenke ... Lebe wohl, antworte mir bald! Du kannst nicht glauben, wie wohl es mir tut, in meiner Einsamkeit von Dir und meinen andern Freunden von Zeit zu Zeit etwas zu hören.“

Die Einsamkeit des Lehrlings auf dem Wege zur Philosophie: Hegel hat seine Gründe, ein solches Bild für sich in Anspruch zu nehmen. Zum einen ist er ja, was sich auch gar nicht leugnen lässt, tatsächlich isoliert, abgeschnitten von den Diskussionszentren, die er kennt, und angewiesen auf einen regen brieflichen Gedankenaustausch; zum andern darf er sich, gemessen an den Fortschritten seiner ehemaligen Kommilitonen, über die man schöne Gerüchte in Umlauf hält, getrost wie ein Anfänger im Geiste vorkommen, dessen tastende Versuche zwar löblich sein mögen, zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht erwähnenswert sind.

In die Berner Ostalpen

Im Sommer 1796 unternimmt Hegel mit drei anderen, aus Sachsen stammenden Hauslehrern eine vierzehntägige Wanderung durch die Berner Ostalpen. Für seine Begleiter gilt dieser Marsch durch eine eindrucksvolle Landschaft als Urlaub; Hegel indes muss sich förmlich zwingen, an der Wanderung teilzunehmen. Er hat zur Natur keine Beziehung; der Naturschwärmerei, die in jenen Tagen immer mehr in Mode kommt, kann er nicht viel abgewinnen. Dennoch führt er ein Reisetagebuch, das seine Eindrücke festhält.

Hegel, der, würde er heute noch leben, sicher kein Mitglied der Grünen geworden wäre, gibt sich Mühe, in Begeisterung zu geraten, aber es will nicht recht gelingen. Er ahnt noch nicht, dass die widerstreitenden Überlegungen, die in ihm kreisen, bereits einen stillen Erkenntnisprozess in Gang gesetzt haben, aus dem ihm dann, eher beiläufig, eine Einsicht zufällt, die so zwingend wird, dass sie sich zur treibenden Kraft für sein Philosophieren aufwerfen kann.

Die Wanderung der vier jungen Männer führt zunächst vom Thuner See aus in Richtung Grindelwald. Hegel befindet sich nun im Gebirge; er notiert unter dem Datum des 25. Juli: „Von hier hat die Natur für einen Bewohner ebener Gegenden ein völlig verändertes Ansehen. Er befindet sich immer zwischen hohen, zum Teil grünen Bergen, und in der Ferne zeigen sich ihm die Spitzen von Schneebergen. Die Täler sind ganz eng, hier aus fetten Wiesen bestehend, die mit unzähligen Obst-, besonders Nuss- und Kirschbäumen besät sind und immer einen erfrischenden, anmutigen, ländlichen Anblick darbieten. Aber die Enge der Täler, wo ihm durch die Berge alle ferne Aussicht benommen wird, hat etwas Einengendes, Beängstigendes für ihn. Er sehnt sich immer nach Erweiterung, nach Ausdehnung, und sein Blick stößt immer an Felsen an.“

Auch die Gletscher vermögen Hegel nicht zu beeindrucken: „Wir sahen ... diese Gletscher nur in der Entfernung von einer halben Stunde, und ihr Anblick bietet weiter nichts Interessantes dar. Man kann es nur eine neue Art von Sehen nennen, die aber dem Geist schlechterdings keine weitere Beschäftigung gibt, als dass ihm etwa auffällt, sich in der stärksten Hitze des Sommers so nahe bei Eismassen zu befinden, die selbst in einer Tiefe, wo sie Kirschen, Nüsse und Korn zur Reife bringt, von ihr nur unbeträchtlich geschmelzt werden können. Nach unten ist das Eis sehr schmutzig und zum Teil ganz mit Kot überzogen, und wer eine breite, bergab gehende, kotige Straße, in der der Schnee angefangen hat, zu schmelzen, gesehen hat, kann sich von der Ansicht des unteren Teils der Gletscher ... einen ziemlichen Begriff machen und zugleich gestehen, dass dieser Anblick weder etwas Großes noch Liebliches hat ...“

Hegel hat, ohne dies zum jetzigen Zeitpunkt näher ausführen zu können, den Geist als seinen Schlüsselbegriff gewählt. Der Geist braucht Arbeit, er ist ständig in Bewegung, will diese Beweglichkeit am Anschauungsmaterial umsetzen, das sich ihm gegenüberstellt. Dafür aber taugt die Bergwelt ganz und gar nicht: Die Berge stehen da in ihrer steinernen Massigkeit, sie verdecken den Himmel, auch den Himmel des Geistes, der sich erst, wenn man ihm auf die Sprünge hilft, ins Unendliche ausspannt.

Dem Wanderer Hegel dämmert die Einsicht, dass er den Geist, will er ihm Lebendigkeit und Gestaltungskraft belassen, aus den Naturgegebenheiten heraushalten muss. Geist und Natur nämlich, als elementare Bestandteile der Schöpfung, passen im Menschen, der ja selbst eine Art Zwitterwesen ist, das seine Kreatürlichkeit mit dem ihm zugewachsenen Denkvermögen in Einklang zu bringen hat, nicht recht zusammen; er sieht sich veranlasst, in seiner Selbstbestimmung entweder das eine oder das andere Element stärker zu berücksichtigen.

Für den Geist, gegen die Natur

Hegel entscheidet sich für den Geist und gegen die Natur; diese Entscheidung fällt früh, und sie entspricht seinem persönlichen Naturell. Die Wirklichkeit sprengt die ihr zugemuteten Begriffe; sie lässt sich zwar verstehen, aber nicht bändigen.

Bei genauerem Hinsehen erweist sich jeder Begriff als zu klein für das, was er fassen soll – immer überwiegt das Wirkliche, das Objektive. Hegel jedoch ist nicht bereit, einen solchen Schluss zu ziehen. Er hat sich, und dies scheint unverrückbar zu sein, auf die Seite des Geistes geschlagen: Die Natur, so wird er später dekretieren, ist für den Geist nur ein Durchgangsstadium; in ihr ist er außer sich und muss zu sich selbst zurückfinden.

Als die Wanderung endet, ist Hegel froh. Die ausgedehnte Bergtour hat ihm neben vielen Blasen an den Füßen vor allem eine Erkenntnis gebracht: Er ist kein Naturfreund und für die Berge nicht geschaffen. Das wusste er allerdings schon vorher; was er noch nicht wusste und nun weiß, ist, dass der von ihm so geschätzte Geist eine Freiheit braucht, die ihn über die Berge und alle sonstigen Hindernisse hinwegfliegen lässt. Ja, der Geist ist selbst diese Freiheit, er braucht Beschäftigung und Bewegung, die er an den Gebirgswänden nicht findet.

Der Bergwanderer Hegel hat die Botschaft der Berge verstanden, sie bedarf der unnachgiebigen Widerlegung. Wenn das Überflugsrecht nicht gewährt wird, muss man es sich nehmen: „Weder das Auge noch die Einbildungskraft finden auf diesen formlosen Massen irgendeinen Punkt, auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen, oder wo diese Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte. Der Mineraloge allein findet Stoff, über die Revolution dieser Gebirge unzureichende Mutmaßungen zu wagen. Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art von Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen und Bewunderung abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und ... langweilige Vorstellung: es ist so.“

Dieses „Es ist so“ wird zu einem sowohl negativ wie positiv besetzten Satz der Hegelschen Philosophie. Es ist so: Das hat die Philosophie zu erkennen, der der alte Hegel keine Höhenflüge mehr zutrauen will. Es ist so: Das kann und darf der Philosophie nicht genügen, sofern sie sich an den lebendigen Geist hält, der vom Himmel herabkommt, sich in der öden und sperrigen Natur nicht zurecht findet, weshalb er sie eilig zurücklässt und erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt.

Der eingehauste Philosoph

Als Hegel sich dann später endgültig in der Philosophie eingehaust hat, mutet er ihr viel, ja er mutet ihr alles zu. Er dehnt ihren Erkenntnisanspruch auf einen Bereich aus, in dem sein berühmter Vorgänger Kant noch Zurückhaltung anempfohlen hatte: auf die Wirklichkeit, wie sie ist, wenn sie nicht durch das Denken betrachtet wird.

Hegel wagt den Umkehrschluss: Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewusst und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit.

Bevor Hegel zu dem wurde, der er ist, hat er sich in einer Zwangsverschickung selbst finden müssen. Das geschah in den Berner Alpen, als er das massive Ungenügen „toter Gebirgsmassen“ entdeckte und sich stattdessen lieber an den Geist hielt. Hegel hat seiner Eigenzeit des Werdens und Reifens ein treues Andenken bewahrt; im Rückblick erschien sie ihm wie ein Gleichnis für die abgründige, aus der Nacht aufsteigende Selbstfindung, die jeder Mensch, ob er sich Philosoph nennen darf oder nicht, am eigenen Leibe zu durchstehen hat.

An seinen Kollegen Windischmann schreibt er: „Halten Sie sich für überzeugt, dass an Ihrem Gemütszustand ... jene Arbeit teil hat, dieses Hinabsteigen in dunkle Regionen, wo sich nichts fest, bestimmt und sicher zeigt, ... wo jeder Beginn eines Pfades wieder abbricht und ins Unbestimmbare ausläuft ... Ich kenne aus eigner Erfahrung diese Stimmung des Gemüts oder vielmehr der Vernunft, wenn sie sich einmal mit Interesse und ihren Ahnungen in ein Chaos der Erscheinungen hineingemacht hat und wenn sie, des Ziels innerlich gewiss, noch nicht hindurch, noch nicht zur Klarheit und Detaillierung des Ganzen gekommen ist. Ich habe an dieser Hypochondrie ein paar Jahre bis zur Entkräftung gelitten; jeder Mensch hat wohl überhaupt einen solchen Wendungspunkt im Leben, den nächtlichen Punkt der Kontraktion seines Wesens, durch dessen Enge er hindurchgezwängt und zur Sicherheit seiner selbst befestigt und vergewissert wird.“

Otto A. Böhmer, Jg. 1949, war Lektor für Verlage (Athenäum, Suhrkamp, Brockhaus). Heute lebt er als freier Schriftsteller in Wöllstadt in der Wetterau.

Zuletzt veröffentlichte er die Novelle ?Calwer Frühling? (Edition Faust).

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