Literatur

Es geht um die Sache

Sinnlich, lebendig, lebensklug: "Die Eignung" - ein unerwarteter Roman von Michael Sollorz.

Von JÜRGEN VERDOFSKY

Diese Geschichte aus der uneinnehmbaren Ruine "DDR" ist ungemein und doch behält man den Eindruck, alles liege sehr dicht neben der Wirklichkeit. Der kasernierte Volkspolizist Lars Hagner hatte eine unsichtbare Grenze überschritten, als er kurz vor dem Fall seines Staates zwei russische Deserteure erschoss. Aber nicht die Tat an sich wird ihm vom kommandierenden Offizier Bossert angelastet, sondern sein eigenmächtiges Handeln. Zwei Eiferer haben sich getroffen, sie sind gefährliche Leute, haben ein verschobenes Bild von der Welt, wollen Opfer für die "große Sache" bringen, stürzen sich und andere ins Unglück. Hagner schmiegt sich an die Autorität des "Ausnahmeoffiziers" und preußischen Asketen. Bedingungslose Unterordnung scheint für ihn zum Ideal der Gleichheit zu gehören. So gibt es nach dem Einsturz aus innerer Ursache für Hagner nichts als Desorientierung und Entrüstung.

Doch Bossert weiß bald wieder schneidig, wo es lang geht. Eine im Untergrund agierende Partisanenarmee gegen den kapitalistischen "Anschluss" wird zur Verheißung. Mit einem revolutionären Tugendpathos, das alle RAF-Klischees übersteigt. Der verdeckte Kampf als Lebensform. Aus der Tiefe gelenkt von einer omnipotenten Führung und mit immer einsatzbereiten Schläfern. Diese neue Vereinfältigung der Welt fängt den halb verwahrlosten Hagner auf. Er wird zum Hausmeister der revolutionären Gewalt.

Untergrund ist reine Nervensache. Ein Leben im Warteraum, in Erwartung des nächsten Anrufs von Führungsoffizier Bossert, des nächsten Treffens, nächsten Einsatzes. Und zum Einsatz gehört das ganze Programm des Berufsrevolutionärs: Kurierdienst, Observation, Mord. Da ist sie wieder, diese erstaunliche Unbekümmertheit, mit der Menschen "für die Sache" ermordet werden. Zum Mord an einer 13-Jährigen muss man weiter nichts sagen. Und wie immer rechtfertigen die schiefen Ziele die Mittel. "An dieser Ordnung interessiert mich nur ihre Zerstörung. Dafür ist jedes Mittel recht, denn auch die Ordnung greift zu allen Mitteln, um sich durchzusetzen." Dieser Waffengang endet nie, selbst wenn im "Kampf" gestorben wird, setzen die Genossen alles in die Unendlichkeit fort.

Nun ist es vorbei

Ein Kripo-Beamter, Hagners Freund aus dem gemeinsamen VP-Dienst, ist Bossert längst auf der Spur, nur auf Hagner fällt als pedantischem Profikiller kein Verdacht. Als zu befürchten ist, Stratege Bossert sei nichts anderes als ein Rotlicht-Mafioso, bleibt für Hagner die Illusionsgeborgenheit doch wichtiger als die Realität. Anders als in der Welt des klärenden Denkens genügt im Schutzraum der Idealisten eine ideologische Täuschung, um die Balance zu halten. Eiferer kommen nicht zur Ruhe. Sie können nur durch die Annahme eines Feindes funktionieren. Hagner arbeitet alle Zweifel in einem Rechenschaftsbericht an die illegale Führung der "Dritten Ebene" ab. "Ich sehe gute Gesichter mit vielen Runzeln in unterirdischen Gewölben über Karteikästen gebeugt." Der Bericht wird zum Buch. Alles beruht auf falscher Wahrnehmung und Bewertung der Gegenwart. Das Ende ist kläglich, wie auch anders. Es ging um die Sache, nun ist es um.

Mit seinem Roman "Die Eignung" ist Michael Sollorz weit vorgedrungen. Er stellt rigoros die nicht beherrschbaren Folgen ideologischer Teilwahrheiten vor. Sollorz zeigt eine Kettenreaktion. Verbindet sich Ideologie, jenseits der Gedankenspielerei, mit gesteuertem Voluntarismus, entsteht Gewalt. Kein Szene-Buch. Der existentielle Einschlag dieser Rollenprosa ist großräumiger als der Roman auf den ersten Blick vermuten lässt. Sinnlich, lebendig, lebensklug, in Teilen spannend wie ein Krimi.

Michael Sollorz: Die Eignung.

Roman. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2008. 158 Seiten,

16,80 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion