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Buchmesse ? Jugendliteraturpreis 2018

Es geht um gute Bücher, egal aus welchem Land

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Thematisch diverse Bücher, eine gut gelaunte Franziska Giffey und ein beeindruckendes Lebenswerk. Auf der Frankfurter Buchmesse wurden vom Bundesfamilienministerium die Preise für Jugendliteratur vergeben.

Die Stimmung in dem voll besetzten Saal auf der Frankfurter Buchmesse ist fröhlich, man hört Kinder tuscheln und lachen. Das Durchschnittsalter des Publikums ist zur Abwechslung mal nicht jenseits der Fünfzig. Wer möchte schon die parallel stattfindende Lesung von AfD-Politiker Björn Höcke besuchen, wenn man sich auch mit guter Literatur für den Nachwuchs beschäftigen kann? Jedes Jahr erscheinen fast 9.000 Bücher auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt. Seit bereits 62 Jahren prämiert der Jugendliteraturpreis in unterschiedlichen Sparten einige von ihnen. Der Preis wird jährlich vergeben und ist mit insgesamt 72.000 Euro dotiert. Die Gewinner erhalten jeweils 10.000 Euro. Als Sonderpreis für das Gesamtwerk gibt es 12.000 Euro.

Bevor auf der glamourös aufgemachten Bühne Preise vergeben werden, gibt es einige Reden. Die Kinder hören geduldig zu, rutschen dabei etwas unruhig auf ihren Plätzen hin und her. Jurymitglieder, ein Vertreter des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und natürlich auch Familienministerin Franziska Giffey sprechen. Aber – der Vorteil eines Preises für Kinder- und Jugendliteratur – sie halten sich kurz und versuchen, dem jüngeren Publikum auch sprachlich gerecht zu werden. Ministerin Franziska Giffey, gut gelaunt und sichtlich von den nominierten Büchern an diesem Abend begeistert, erinnert in ihren Begrüßungsworten noch einmal nachdrücklich daran, dass es in Deutschland viele Kinder gibt, die keinen Zugang zu Literatur haben. Es läge in der Verantwortung aller Privilegierten, diesen Kindern Bücher näher zu bringen und das Lesen zu ermöglichen. Man müsse vermitteln, „dass jede große Karriere mit dem Blick ins Bilderbuch anfängt“, so die Ministerin.

„Bücher können immer gut sein“

Den vielleicht nettesten Moment des Abends liefert gleich zu Beginn die auf die Bühne gerufene Emily, die in ihrem Bundesland den Vorlesewettbewerb gewonnen hat. Sie stellt ihren Favoriten für das beste Jugendbuch vor. Ihre Wahl fiel auf das aus dem Dänischen übersetzte „Pferd, Pferd, Tiger, Tiger“ von Mette Eike Neerlin in einer Übersetzung von Friederike Buchinger. Auf die Frage, ob es für sie eine Rolle spiele, dass das Buch ursprünglich in Dänisch geschrieben wurde, antwortet Emily: „Nein, es ist egal aus welchem Land die Autorin kommt, Bücher können immer gut sein.“ Familienministerin Franziska Giffey greift diesen Satz später auf und positioniert sich gegen Fremdenfeindlichkeit: „Es ist egal, aus welchem Land Menschen kommen, sie können immer gut sein.“

Als es zu den Preisverleihungen kommt, flüstert ein blondes Mädchen ihrer Sitznachbarin zu: „Na endlich.“ Die Mädchen zücken ihre Smartphones und fotografieren nacheinander alle Preisträger*innen. Viele der in diesem Jahr nominierten Bücher stehen für aktuell diskutierte Themen und zeigen eine große Diversität. Sie beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Problemen und Umwälzungen. Erwartbar fallen die Schlagworte Rassismus, Antisemitismus und Zivilcourage.

Mit dem ersten Preis des Abends wird das beste Bilderbuch geehrt. Über die 10.000 Euro Preisgeld und seine erste Momo, so heißt die namentlich an Michael Endes Buch angelehnte

Preisskulptur, kann sich der Norweger Øyvind Torseter und die Übersetzerin Maike Dörries für „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“ freuen. Als bestes Kinderbuch wird „Viele Grüße, deine Giraffe“ von der japanischen Schriftstellerin Megumi Iwasa, übersetzt von Ursula Gräfe und illustriert von Jörg Mühle, ausgezeichnet. Den Preis für das beste Sachbuch erhält der italienische Ökologe Gianumberto Accinelli für „Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur“. Und über den Sonderpreis Neue Talente freut sich sichtlich gerührt die Übersetzerin Gesa Kunter für ihre Leistung, das Buch „Schreib! Schreib! Schreib!“, eine Anleitung für das kreative Schreiben, ins Deutsche übertragen zu haben.

Das beste Jugendbuch 2018 kommt von Manja Präkels

Mit dem Preis für das beste Jugendbuch 2018 wurde die in Brandenburg aufgewachsene und heute in Berlin lebende Manja Präkels ausgezeichnet. Ihr autobiografisch gefärbter Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist im Verbrecher Verlag erschienen und wurde in diesem Jahr bereits mit dem Anna-Seghers-Preis geehrt. Präkels porträtiert in dem Roman eine Generation, die das Ende der DDR in einer brandenburgischen Kleinstadt als starken Einschnitt erlebt. Das Buch erschien im Herbst 2017.  Für den letztjährigen „Unter Dreißig“-Blog hat Anna Fastabend ein Interview mit Manja Präkels geführt.

Einen weiteren Preis an diesem Abend vergibt eine Jugendjury, die sich aus Lesekreisen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammensetzt. Das Besondere bei der Preisverleihung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse: Statt die nominierten Titel vorzulesen, spielen Jugendliche den Inhalt ihrer ausgewählten Bücher szenisch nach. In diesem Jahr hat die Jugendjury das Buch „The Hate U Give“ der Amerikanerin Angie Thomas ausgewählt. In dem Buch erlebt die schwarze Protagonistin Diskriminierungen und Anfeindungen aufgrund ihrer Hautfarbe. „Angie Thomas thematisiert die aktuelle Frage von Recht und Gesetz in der Gesellschaft, sie ist nicht nur fokussiert auf die USA, sondern ruft generell zu mehr Zivilcourage auf“, so die Begründung der Jugendjury.

Zum Schluss geht der Sonderpreis fürs Gesamtwerk in diesem Jahr an Uwe-Michael Gutzschhahn. Der 1952 im Rheinland geborene Kinderbuchautor und Herausgeber von Anthologien ist besonders als Übersetzer aus dem Englischen hervorgetreten. Er hat unter anderem mehr als 20 Bücher des britischen Schriftstellers Kevin Brooks ins Deutsche übersetzt. In seiner Dankesrede vergleicht Gutzschhahn das Übersetzen mit dem Spielen einer Melodie auf dem Klavier, weil er sich intensiv in eine Vorlage einhören und sie sich dann zu eigen machen müsse, ohne sie zu stark zu verändern. Wie gekonnt der Übersetzungskünstler mit Worten umgehen kann, zeigt er in seiner im Stil eines Märchenerzählers gehaltenen Rede, der selbst die bereits müde gewordenen Kinder mit großer Aufmerksamkeit folgen.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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