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Es geht ans Eingemachte

Franz Schultheis und Kristina Schulz zeichnen mit Hilfe zahlreichen Interviews die neoliberale "Gesellschaft mit begrenzter Haftung" nach

Von MARTIN HARTMANN

Juliane Krämer, die eine psychiatrische Praxis in Berlin betreibt, berichtet von den Leuten, die zu ihr kommen: "Und dann gibt es zwei große Gruppen von Menschen, die krank werden an den Lebensbedingungen: das sind zum einen die, die Arbeit haben und den Stress nicht mehr aushalten, und die, die keine Arbeit haben. Und bei denen, die keine Arbeit haben, geht es dann wirklich mittlerweile ans Eingemachte."

Der Sparkassenleiter Karl-Ludwig E. ist nach seinem 13-Stunden-Tag zu Hause nur noch kraftlos: "Es hat zu funktionieren. Punkt! Und wenn es nicht funktioniert - dann tschüss!" Die arbeitslose, hochqualifizierte Literaturwissenschaftlerin Julia hofft immer noch darauf, eine Arbeit zu finden, "mit der ich mich doch identifizieren kann". Und die Sozialhilfeempfängerin Hannah hat beim Sozialamt Geld für eine Fahrradreparatur beantragt - vergeblich: "Ich hab das beim Sozialamt beantragt: ,Ich hab ein Fahrrad, das ist kaputt. Könnt ihr mir die Reparatur bezahlen?' ,Das Fahrrad ist Luxus, in XY gibt es einen Bus.'"

Die alltäglichen Leiden

Das sind nur einige der Stimmen, die Franz Schultheis und Kristina Schulz in Zusammenarbeit mit einem großen Forschungsteam gesammelt haben. Dazu gesellen sich unzählige weitere: Ob Schulleiter oder Landwirte, Start-up-Unternehmer oder Pfarrer, ob Hauptschüler oder Leiharbeiter - sie alle geben in mal kürzeren, mal längeren Gesprächen Auskunft über den Zustand ihres Lebens, über ihre Sorgen und Ängste, ihre Erfolge und Niederlagen. Es gehe darum, so die Herausgeber in ihrer Einführung, eine "Gesellschaftsdiagnose zu betreiben", darum also, "über die alltagsweltlichen Erfahrungen und subjektiven Perspektiven und Deutungsmuster von Gesprächspartnern Zeugnisse alltäglichen Leidens an gesellschaftlichen Verhältnissen einzuholen".

Mit diesem Vorhaben lehnt sich das Buch ausdrücklich an den von Pierre Bourdieu herausgegebenen Band La misère du monde an, der 1993 in Frankreich publiziert wurde und einen geradezu sensationellen Verkaufserfolg erzielte. Als das Buch 1997 unter dem Titel Das Elend der Welt auf deutsch erschien, war es kein Geringerer als Günter Grass, der in einem Gespräch mit Bourdieu den Wunsch äußerte, es möge "in jedem Land ein derartiges Buch über die gesellschaftlichen Verhältnisse" geben.

Zumindest für Deutschland existiert nun ein solches Buch; einzig der theoretische Apparat ist gegenüber dem großen Vorbild abgespeckt worden, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Durch die geringere theoretische Durchdringung des Materials rückt das Buch näher an das Genre der Sozialreportage heran, als den Herausgebern lieb sein kann. Ihr Wunsch, Gesellschaftsdiagnose zu betreiben, verlangt letztlich nach einer solchen theoretischen Rahmung, die aber nicht wirklich geliefert wird.

Diese Zurückhaltung bringt aber auch Vorteile mit sich. Die Gesprächspartner kommen stärker zur Geltung, ja, oft rücken sie bedrohlich nahe, da kaum einem Leser das Gelesene gänzlich fremd sein dürfte. Genau so gelingt es dem Buch auf beeindruckende Weise, denen eine Stimme zu geben, die sonst kaum je gehört werden, und macht auf dramatische Weise deutlich, wie groß der Abstand zwischen den Phrasen der PolitTalkshows und der realen Alltagswirklichkeit derjenigen ist, die mit den praktischen Konsequenzen der politischen und wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozesse der Gegenwart zu leben haben. Auffällig ist dabei, dass Phänomene wie Stress, Überlastung und verdeckte Krankheit sowohl den Sozialhilfeempfängern als auch den Führungskräften in den Unternehmen bekannt sind. So zynisch das aus der Sicht der Unterprivilegierten klingen mag: Die neoliberale Gesellschaft der Gegenwart schädigt offensichtlich alle, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Das eigentlich Schockierende ist gleichwohl das Ausmaß, in dem so gut wie alle Gesprächspartner bereit sind, sich und ihr Schicksal isoliert zu betrachten, losgelöst von den ähnlich gelagerten Erfahrungen anderer, losgelöst auch von der Art und Weise, wie das eigene Handeln noch immer, zunehmend negativ, von den Entscheidungen staatlicher Institutionen geprägt ist. Immer wieder offenbart Gesellschaft mit begrenzter Haftung eine Welt von Einzelkämpfern und Individualisten. Das Soziale, so kommentieren die Forscher, "privatisiert" sich, der Staat kommt zur Erfüllung bestimmter Aufgaben "gar nicht mehr vor, nicht einmal als Forderung ist er präsent".

Dabei schimmert an einzelnen Punkten durchaus ein Wissen um Gemeinsamkeiten mit anderen auf. Mit Blick auf wachsende Arbeitsbelastungen und einen zunehmend härter werdenden Konkurrenzdruck findet der Postbeamte Klaus T. Formulierungen wie "Das ja wohl der allgemeine Trend der Gesellschaft, dass sich mehr eine Ellenbogengesellschaft durchsetzt, als es früher einmal war" oder "Das ist wohl heute der Zug der Zeit". Diese Äußerungen verweisen auf den Gang eines anonym sich vollziehenden Schicksals, das offensichtlich niemand mehr beeinflussen kann und das alle gleichermaßen betrifft.

Kein Platz mehr für Solidarisierung

Ein fatalistisch-resignativer Grundton durchzieht auf bedrückende Weise fast alle der Gespräche. Es kann nicht weiter überraschen, dass eine solche Perspektive auf die eigene Umwelt keinen Platz mehr lässt für Solidarisierungseffekte. Schlimmer noch, der tägliche Kampf um materielles und symbolisches Kapital zehrt die Individuen auf, verschleißt ihre Kräfte, lässt sie müde und erschöpft zurück. Die arbeitslose Literaturwissenschaftlerin Julia spricht es aus. Gefragt, warum es unter den Arbeitslosen oder von Arbeitslosigkeit Bedrohten keine größere Solidarität gebe, antwortet sie: "Ich denke,? viele Leute haben gar nicht die Kraft". Und weiter: "Die sind so beschäftigt mit diesem Kampf, dass die davon zum Teil auch aufgerieben werden."

Gute, ja großartige Zeiten für den Neoliberalismus! Der Mensch der Gegenwart, so würde man es im Boxerjargon sagen, ist angezählt. Ihm nun noch die letzten Stöße zu verpassen und in die viel gepriesene, sozial weitgehend entsicherte Eigenverantwortung zu entlassen, dürfte ein Leichtes sein, viel Widerstand wird es vorerst nicht geben. "Was kriegst du die Stunde?", wird Micha gefragt, Pförtner bei einem Sicherheitsdienst: "6,50 Euro". Frage: "Das musst du dann noch versteuern? Und Sozialversicherung?" Micha: "Das ist nicht viel, aber ich bin froh, dass ich Arbeit habe." So geht es.

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