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An employee cleans a window of Gucci shop in downtown Rome, Italy, April 19, 2016. REUTERS/Alessandro Bianchi - RTX2AMAA

Literatur

Geht die Demokratie digital zugrunde?

Harald Welzers Buch „Die smarte Diktatur“ erzeugt schlechte Laune. Weil es überzeugt. Die Zumutung lohnt sich.

Von Richard Harnisch

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Manch einer erinnert sich vielleicht an Loriots Sketch über den Fernsehkonsum „im Streben nach geistiger Vollkommenheit“. Anhand eines Menschenversuchs mit und ohne Fernseher karikiert Loriot, wie geistig sediert die technikhörigen Menschen sind. An dieses Bild erinnern Harald Welzers Schilderungen der „saturierten, überfütterten“ Gesellschaften. In ihrer schönen smarten Hightech-Welt kompensieren die Menschen „emotionale Defizite durch Hyperkonsum und Selbstverdummungsprogramme“, schreibt der Sozialpsychologe und Direktor der Stiftung Futurzwei, und vollbringen das historisch erstmalige Kunststück, „sich selbst in Freiheit zu versklaven“. Immer wieder brät er den Lesern diese Keule über und spricht sie dabei auch direkt an: „Sie sind die Laborratte, die die Daten liefert, mit deren Hilfe Sie manipuliert werden.“

Was also möchte Welzer mit diesem Buch erreichen? Er will die hyperkonsumistische Überflussgesellschaft aus genau diesem Dämmerzustand aufwecken und zu Widerstand anstacheln: Widerstand gegen die freiwillige Kapitulation vor dem Abdriften in eine totalitäre „Transparenzhölle“. Ja, Widerstand gegen eine voranschreitende digitale Selbstentmündigung, die seiner Überzeugung nach dazu führt, dass die Demokratie vor die Hunde geht.

Denn: Welzer sieht gravierende Folgen der gigantischen Datenabsaugung und immer weiter ausgefeilten Personalisierung der Vermarktungsstrategien, die die großen Internetfirmen betreiben: Da die Informationsangebote für die Nutzer von Facebook, Google & Co. immer maßgeschneiderter sind, begegnen ihnen weniger Widersprüche. Sie erleben im eigenen Leben weniger Schwankungen, weniger Resonanz. Das Selbst wird zur „Redundanzmaschine“, deren Horizont sich immer weiter einengt. Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt, in „Ich-Bubbles“, zunehmend außengesteuert – auch durch die Maschinen, die jeder permanent mit sich trägt. Je distanzierter man sich selbst gegenüber wird, umso mehr wachsen die Distanzen zu den Mitmenschen. Mehr noch: Die Gesellschaft entfremdet sich weiter von den biologischen und sozialen Voraussetzungen des Lebens. Und mit der abnehmenden Verbundenheit wächst die Gewalt, die man bereit ist, der Welt anzutun. Keine schöne Analyse des Zustands unserer digitalen Welt, aber Welzers Argumentation ist schlüssig. Leider.

Die Gewalt führt gnadenlos vom virtuellen ins reale Leben, wie Welzer beschreibt. Seit das Web 2.0 existiert, gibt es Shit Storms – Menschen werden in sozialen Netzwerken angeprangert. Das Mittelalter erlebt im World Wide Web ein Revival. Da ist ein einzelner Tweet, der eine ganze soziale Existenz auslöscht. Kameras sind omnipräsent, dokumentieren, sichern, verewigen vermeintliches Fehlverhalten – hochgefährlich, wenn dies auf eine antisoziale Grundstimmung trifft. So erfährt der Leser, wie in China unter dem Begriff „renrou sensou“ („Suche nach Menschenfleisch“) Gewalt immer weiter von online nach offline wandert.

Welzers Beispiele verstören. Was in der Zukunft blüht, nicht minder: So wird in China derzeit an einem sogenannten „sozialen Kreditsystem“ gearbeitet, das das eigene digitale Verhalten mit Punkten belegt. Je sozial- und parteikonformer, umso höher geht der Score – es locken positive Effekte etwa für Reisevisa oder die Karriere. Auf den Punktestand wirkt aber nicht nur das eigene Verhalten, sondern auch das der „Freunde“ aus sozialen Netzwerken. Ab 2020 soll das bislang freiwillige System verbindlich werden. Woher soll dann noch Widerstand kommen, fragt Welzer, wenn Privatheit völlig verschwindet und alle sozialen Nischen „taghell ausgeleuchtet“ sind?

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Gewalt in der Form von Ausbeutung von Mensch und Natur nimmt aber noch ganz andere Formen an: Da gibt es die Foxconn-„Sklaven“, die für Apple arbeiten, die Leihmutterbranche in Indien mit bereits zwei Milliarden Euro Umsatz im Jahr, den drastisch zunehmenden „Landraub“. Hier pachten reiche Länder oder Unternehmen langfristig Land in armen Ländern – oft mit fatalen Folgen für die ansässige Bevölkerung und die Natur.

Der Kapitalismus sei „räuberischer, desintegrativer, zerstörerischer denn je“, schreibt Welzer, er schöpfe keinen Wert, sondern er schöpfe Gewalt. Es gebe etwa deshalb kein wirksames Mittel gegen den Klimawandel, weil lediglich informiert und skandalisiert wird, die Folgen scheinen für viele noch weit vom eigenen Leben entfernt – „der Klimawandel kommt auf jeden Fall später“. Die Notwendigkeit, das Klima zu schützen, wird zwar abstrakt anerkannt, doch was passiert? Nichts. Der Hyperkonsum geht weiter – ungebremst. Die Ausbeutung der natürlichen Umwelt geht so weit, dass dem „Faktor Mensch“ mittlerweile ein eigenes Erdzeitalter zugeschrieben wird: Wir leben im Anthropozän – ist immer öfter zu hören. Falsch, sagt Welzer, dies verkläre die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Nicht der Mensch sei per se daran schuld, sondern der Mensch im Kapitalismus. Dieses historisch junge Wirtschaftsprinzip habe all dies herbeigeführt.

„Willkommen im Knetozän“ ist dann auch das längste Kapitel in Welzers Buch, das sich um das Geld (die Knete) dreht. Was haben 80 Menschen mit 3,5 Milliarden Menschen gemein? Sie besitzen gleich viel Geld – zumindest, wenn es sich bei den 80 um die Reichsten handelt, die genauso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Umverteilt – und zwar von unten nach oben – wird immer krasser, vor allem seit in der Finanzkrise die Verluste des Finanzsektors vergesellschaftet werden. Mit dem Geld akkumuliert sich große Macht jenseits staatlichen Zugriffs, auch deshalb, so Welzer, bleiben Demokratie und Kapitalismus nicht weiter vereinbar. Als ein Hauptproblem benennt er die Straflosigkeit, etwa wenn transnationale Wirtschaftskorporationen („räuberische Formationen“) ihre wirtschaftliche Macht an anderen Orten ausbauen, indem sie sich den Zugriff auf Boden, Wald oder Wasser sichern oder Arbeitskräfte ausbeuten. Dies geht jeden etwas an, der die Produkte dieser Firmen konsumiert. Welzer weist darauf immer wieder hin – auch auf ungewöhnliche Weise. So fragt er in einem der über das Buch verteilten Fragebögen den Leser direkt: „Welche Menschen könnten Ihrer Meinung nach ruhig sterben? Bitte Namen nennen.“

Unabhängig von dieser Frage nennt Welzer in seinem Buch selbst zahlreiche Personen beim Namen – besonders jene, die er maßgeblich verantwortlich für den Vormarsch der digitalen Diktatur sieht. Mal bezeichnet er sie als „smarte Diktatoren“, alternativ als „libertäre Superstars mit menschenfeindlichem Handeln“, oder noch unverblümter als „Arschlöcher“. Da wären etwa Jeff Bezos (Amazon), Eric Schmidt und Jared Cohen (ehemals Google), Travis Kalanick (Uber), Oliver Samwer (Zalando), der gescheiterte Karstadt-Retter Nicolas Berggruen, und und und. Angewidert seziert Welzer die Geschäftspraktiken und „totalitären Phantasien“, die diese Männer teilweise in renommierten Verlagen veröffentlichen, und entlarvt sie als Dystopien, die sich eigentlich niemand ernsthaft wünschen kann. „Liest das außer mir eigentlich niemand?“, fragt er und wundert sich über die „ganz erstaunliche Blindheit gegenüber den politischen Absichten dieser Leute“.

„Wir können gestalten“ – so eröffnet Welzer zwar das Buch, kommt darauf explizit aber erst auf den letzten 30 Seiten seines Werkes wieder zurück. „Vorwärts zum Widerstand“ ruft er da aus.

Dem Buch sei zu wünschen, dass sich viele die Lektüre tapfer zumuten, sich in den sieben Kapiteln damit auseinanderzusetzen, wie pervertiert die Welt und das eigene Leben heutzutage sind. Und wer so weit kommt, den belohnt Welzer zum Schluss mit guten Nachrichten: Ganz so durchsediert wie es in den vorigen Kapiteln wirkte, findet er unsere Gesellschaft nämlich doch nicht. Geradezu überschwänglich und hoffnungsvoll wirkt er in seiner Begeisterung für die jüngste Welle zivilgesellschaftlichen Engagements als Reaktion auf die seit Sommer 2015 in Deutschland ankommenden Geflüchteten.

Und auf den letzten Seiten gibt es für alle, die gegen die smarte Diktatur rebellieren wollen, Tipps, um paradox zu intervenieren und Systemstörungen zu erzeugen. Also etwa: Offline statt online einkaufen, Apps entrümpeln, Updates verweigern (besser: Smartphone wegschmeißen), Geheimdienste durch Datenoverflow kollabieren lassen oder die Gesichtserkennung durch extravagante Frisuren und Make-up austricksen.

Geoökologe Richard Harnisch ist Wissenschaftler beim Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung, IÖW.

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