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Juergen Boos, Direktor der Buchmesse, sagt offen: In Deutschland gibt es eine Sättigung des Buchmarktes.

Buchmesse in Frankfurt

"Es geht darum, alle Menschen beim Lesen zu halten"

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Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, spricht im FR-Interview über schrumpfende Buchkäufe, die Aktion "Fußball trifft Kultur", das "Bookfest" in der Stadt und seinen Tipp für den Deutschen Buchpreis.

Herr Boos, aus dem Universum des Buches dringen beunruhigende Nachrichten. Die Zahl der Buchkäufer sei zwischen 2013 und 2017 um 6,4 Millionen zurückgegangen, meldete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Nur noch 44 Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben im letzten Jahr ein Buch gekauft. Hat sich dieser negative Trend 2018 fortgesetzt?
Man muss das politisch und gesellschaftlich differenzierter sehen. Und nicht so plakativ. Ja: Die Zahl der Buchkäuferinnen und Buchkäufer ist zurückgegangen. Die Branchenumsätze sind aber nicht zurückgegangen, trotz sinkender Leserzahlen. Der Umsatz der Buchbranche wächst sogar leicht. Das kann man zum Teil mit Preiserhöhungen bei den Büchern erklären. Aber der Buchhandel ist eine der stabilsten Branchen in der Welt. 

Aber die Strategie, die einzelnen Bücher immer teurer zu machen, um so den Umsatzrückgang aufzufangen, stößt doch an ihre Grenzen. 
Es gibt Widerstandsgrenzen bei den Buchpreisen, das stimmt. Das Taschenbuch kostet aber heute so viel wie eine Kinokarte. Das ist in Ordnung. 

Ist denn die Zahl der Leserinnen und Leser 2018 weiter gesunken? 
Es ist noch zu früh, um sich darüber zu äußern. Aber ich kann sehen, was sich bei uns auf der Buchmesse abspielt: Wir sehen beim Publikum ein wachsendes Interesse an Begegnungen mit Autorinnen und Autoren auf der Messe. Unser Ticketverkauf – vor allem das Familienticket am Wochenende – ist um 43 Prozent gestiegen. Auch was die Zahl der Aussteller angeht, verzeichnen wir ein leichtes Plus. Wir haben rund 7500 Aussteller in diesem Jahr. Ja: Es gibt ohne Zweifel eine Konsolidierung bei den Buchverlagen in Deutschland. KD Wolff mit dem Stroemfeld Verlag in Frankfurt hat Insolvenz angemeldet. Der Christoph Links Verlag geht unter das Dach von Aufbau. 

Große Verlage wie S. Fischer sagen ihre Buchmessenparty ab. 
Bei uns in Deutschland ist eine Sättigung des Buchmarktes eingetreten. Aber wir sehen zugleich Wachstum auf den Buchmärkten in Nordamerika, Südostasien. Wir haben zum ersten Mal wieder einen Gemeinschaftsstand aus Kuba. Es kommen Verlage aus 107 Ländern nach Frankfurt. Und Fachbesucher aus 140 bis 150 Ländern. Das ergibt insgesamt ein differenzierteres Bild. Das Buch muss sich gegen die sozialen Medien behaupten. Die Veränderungen bei den Medien gehen auch zulasten des Fernsehens, das an Netflix verliert. 

Ein Wissenschaftler urteilte unlängst, den Menschen gelinge es immer weniger, das Lesen in ihren Alltag zu integrieren. 
Das gilt zumindest nicht für mich und meinen Freundeskreis. 

Aber muss es Ihnen nicht Sorge bereiten, dass sich offenbar immer mehr Menschen vom Lesen verabschieden? 
Wie gesagt: Ich sehe das nicht so. Es kann sein, dass die Menschen sich anderer Medien bedienen beim Lesen. Ein Freund sagte mir unlängst, er besitze seit fünf Jahren keine Bücher mehr. Er hat alles auf seinem E-Book-Reader gespeichert. 

Aber das E-Book hat sich in Deutschland überhaupt nicht durchgesetzt. Sein Anteil dümpelt bei fünf bis sechs Prozent.
Tatsächlich ist der Umsatz von E-Books am Publikumsmarkt in den ersten beiden Quartalen 2018 um 11,3 Prozent gestiegen. Es kommt also auf den Titel an. Bei Bestsellern reicht der Anteil des E-Books bis zu 25 Prozent. Oder bei Krimis, bei allem, was schnell konsumiert wird. Ein Bereich, der sich ebenfalls sehr dynamisch entwickelt, ist das Hörbuch-Streaming. 

Warum hat das E-Book nicht den Siegeszug angetreten, den man mal prognostiziert hat? Ich kann mich erinnern, vor vier, fünf Buchmessen haben wir darüber gesprochen, dass das E-Book unaufhaltsam sei. Es gab damals Zahlen aus den USA, da besaß das E-Book einen Anteil von angeblich 40 Prozent. Das ist aber alles nicht eingetreten, in Deutschland schon mal gar nicht.
Der E-Book-Markt in Deutschland entwickelt sich dynamisch, die Zahlen sind aber nicht vergleichbar mit den USA, wo Bestseller schon mal einen E-Book-Anteil von 45 Prozent erreichen. „Fire and Fury“ war so ein Beispiel, eines der Schlüsselbücher zur Trump-Administration. Ein Grund dafür mag in der Preisgestaltung liegen – in Deutschland sind E-Books oft nicht wesentlich billiger als die gedruckten Bücher. 

Was kann die Buchmesse tun, um junge Menschen an das Lesen heranzuführen? Sie haben in den zurückliegenden Jahren Aktionen organisiert mit Jugendlichen aus sogenannten bildungsfernen Schichten.
Diese von Litcam initiierte Aktion „Fußball trifft Kultur“ gibt es immer noch, sie ist sehr erfolgreich: Mittlerweile gibt es „Fußball trifft Kultur“ an 27 Standorten in ganz Deutschland. Rund 550 Kinder und Jugendliche von Hamburg bis Neuötting erhalten durch „Fußball trifft Kultur“ Förderunterricht und Fußballtraining. Aber es geht darum, alle Menschen beim Lesen zu halten. Deswegen weitet die Buchmesse in diesem Jahr mit dem „Bookfest“ ihre Präsenz in der Stadt aus, geht mit Veranstaltungen ins Bahnhofsviertel. Ich bin sehr gespannt, wie das Festival angenommen wird. Wir zielen auf junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren. Wir müssen diesem Publikum Formate anbieten, bei denen etwas passiert – weg von den sogenannten Wasserglas-Lesungen. 

Wie kann das Buch sich in der Konkurrenz mit den sozialen Medien behaupten? 
Ein Teil dieser Konkurrenten beruht wieder auf dem Buch. Netflix ist ohne literarische Stoffe nicht denkbar. Wenn Sie Geschichten erzählen können, ist das Medium nachrangig. 

Die Buchmesse will ihre eigene Außendarstellung wieder in den Griff bekommen, ein eigenes Programm anbieten. Deshalb gibt es jetzt zum ersten Mal einen Pavillon mit eigenem Programm auf dem Messegelände. 
Wir haben auch früher schon Programm gemacht. Wir haben mit den Verlagen zusammengearbeitet. Das führte dazu: Wenn es ein neues Buch von Schwarzenegger gab, kam Schwarzenegger auf die Frankfurter Buchmesse. Das ist jetzt anders. Mir war es wichtig, dass wir uns nicht abhängig machen von den großen Trends. 

Wie sieht das eigene Programm in diesem Pavillon aus? Es gibt keinen eindeutigen Schwerpunkt.
Es gibt verschiedene Programmschwerpunkte, zum Beispiel einen zu Literatur aus Lateinamerika oder aus Südostasien. Am Wochenende, an den Publikumstagen, machen wir ein deutschsprachiges Programm. Damit werden wir in diesem Jahr experimentieren. 

Was wird aus der Buchmesse als politischer Bühne, als Plattform für Meinungs- und Redefreiheit? Im vergangenen Jahr haben sie einen starken Akzent gesetzt gegen die Unfreiheit in der Türkei. 
Das Thema Menschenrechte bleibt auf der Buchmesse präsent. Nicht zuletzt durch die von der Buchmesse und dem Börsenverein initiierte Kampagne „On The Same Page“. Wir haben deshalb auch unser Zentrum Weltempfang, um politische Themen zu diskutieren. Hier werden der deutschtürkische Journalist Deniz Yücel und die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan teilnehmen. Die Lage in vielen Orten der Welt wird uns beschäftigen, aber auch die Situation im Gastland Georgien. 

Einem Land, das stark nach Europa drängt …
… aber tief in der Region verwurzelt ist. 

Was gar nicht im Bewusstsein der Menschen in Deutschland ist. 
Ich glaube, dass es überhaupt wenig Wissen über Georgien gibt – aber dies wird sich nach dem Gastlandauftritt ändern. 

Kann die Buchmesse einem Land wie Georgien tatsächlich dabei helfen, die europäische Bühne zu betreten?
Ja, unbedingt. In der Vorbereitungszeit auf den Auftritt als Gastland ist bereits sehr viel geschehen. Es gab sehr viel Reiseverkehr zwischen beiden Ländern. Und schauen Sie sich die Zeitungen der zurückliegenden Wochen an, in denen sich das spiegelt. Es wird über alle Themen in Georgien berichtet, vom Wein bis zu den Menschenrechten. 

Die Buchhandelsstrukturen in Georgien sind klein, es gibt eine Handvoll Buchhandlungen …
… es sind ja auch nur 3,7 Millionen Einwohner. Fast die Hälfte davon lebt in Tiflis. Aber im Verhältnis zu unserem Buchmessen-Ehrengast Island 2011 mit 330 000 Einwohnern ist Georgien ein Gigant. Doch wir haben ganz bewusst die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini gemeinsam mit dem georgischen Ministerpräsidenten zur Eröffnung eingeladen, um den Kontakt zur EU zu stärken. Wir senden auch weiter politische Signale. 

Wäre es nicht an der Zeit, die Buchmesse umzubenennen und das Buch aus dem Titel verschwinden zu lassen? Wie wäre es mit Frankfurter Medienmesse?
Wenn Sie unter Buch das Geschichtenerzählen in verschiedenen Medien verstehen, dann deckt der Begriff Buch das immer noch ab. 

Wächst der wirtschaftliche Kern der Buchmesse, der Handel mit Rechten, weiter? 
Ja. Wir verzeichnen bei den teilnehmenden Agenten ein Wachstum um 5,6 Prozent. Es werden etwa 800 Literaturagenten aus 33 Ländern teilnehmen. Wir haben zehn Jahre gebraucht, um die Vertreter von Literatur und Film zusammenzubringen. Damit hat noch mein Vorgänger Volker Neumann begonnen. Das zahlt sich jetzt aus.

Zum Schluss wieder die Frage nach Ihrem Favoriten für den Deutschen Buchpreis.
Ich habe nicht alle Titel von der Shortlist lesen können. Aber ich setze auf Maria Cecilia Barbetta und ihren Roman „Nachtleuchten“. 

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