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Richard Fuld, der letzte Vorsitzende von Lehman Brothers, wurde wegen seines aggressiven Führungsstils "Gorilla" genannt.
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Richard Fuld, der letzte Vorsitzende von Lehman Brothers, wurde wegen seines aggressiven Führungsstils "Gorilla" genannt.

Thomas Macho

Wir gehören uns nicht

Sind wir Opfer der Ökonomie? Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho erforscht Zusammenhänge von Schuld und Schulden und die Logik der Hoffnung.

Von Dirk Pilz

Es gibt Fähigkeiten, die sich aus keinem Lehrbuch lernen lassen, aber für jeden das Nach- und Weiterdenken würdigen Gedanken unerlässlich sind. Die Fähigkeit zum Beispiel, Fragen zur richtigen Zeit zu stellen. Der Berliner Philosoph, Geschichts- und Gegenwartserforscher Thomas Macho, seit 21 Jahren Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt Universität, ist ein Meister in diesem Fach. Er ist es, weil er weder der Geschichte noch der Gegenwart mit fertig verpackten Theorien gegenübertritt. Weil er die Welt nicht hernimmt, um sich von ihr bestätigen zu lassen, was er bestätigt sehen will.

Über Jahre hat sich Thomas Macho mit etwas befasst, das alle Welt beschäftigt: mit den Ursachen und Folgen jener globalen Finanz-, Staats- und Kapitalismuskrise, die entgegen dem kurzsichtigen Anschein keineswegs vorüber ist. Richard Fuld zum Beispiel, der letzte Vorsitzende der Investmentbank Lehman Brothers, den man wegen seines aggressiven Führungsstils „Gorilla“ nannte und als wesentlichen Verantwortlichen für den Zusammenbruch seiner Bank und der weltweiten Finanzkrise ausgemacht hat, ist zwar längst wieder im Geschäft, aber das ist kein Anzeichen dafür, dass der Gorilla-Kapitalismus die Krise bezwungen hätte. Im Gegenteil. Macho sagt: „Nur selten wird eingestanden, dass wir nicht genau verstehen, was gerade passiert, dass die verlässlichsten Theorien zu versagen scheinen.“ Eine Aussage wie diese ist bei ihm mehr als Ausdruck von Ehrlichkeit. Sie offenbart seine Methode, die ihn zu den Fragen zur richtigen Zeit führt.

Der erste Satz seines jüngsten Buches, einem „Bonds“ betitelten Sammelband, lautet: „Wem gehören wir eigentlich?“ Das ist die Frage der Stunde, weil es die Eigentums- und Besitzverhältnisse sind, die eine vom Geld besessenen Gesellschaft in ihrem heiligsten Bereich trifft.

Wem gehören wir? Uns selbst jedenfalls nicht. Dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind, wie Sigmund Freud einst feststellte, gilt nicht nur für die psychologischen Haushalte, es gilt für eine Gesellschaft, die wie nie zuvor auf Schulden errichtet ist. Und dass dabei Schulden mit Schuld zu tun haben, dass also ökonomische Zusammenhänge keineswegs allein ökonomisch zu begreifen sind, weil das Geld an die Stelle Gottes trat, die Wirtschaft zur Religion wurde, ist an den aufgeregten, hysterischen Reaktionen im Umgang mit allen Finanzkrisenfragen abzulesen. Gehören wir dem Geld? Sind wir Sklaven des Kapitalismus?

„Wir haben ein Verhältnis zu unserer Bank wie zu unseren Konfessionen“, sagt Macho in einem Gespräch mit Peter Sloterdijk, das passenderweise jetzt gedruckt vorliegt. Die Bank als Kirche: Wir belegen die Banken und das Geld mit Erlösungserwartungen, die von ihnen nicht zu erfüllen sind. Man kann auch sagen: Wir befinden uns mit Blick auf die Ökonomie in einem Zustand der Unmündigkeit, der Vor-Aufklärung.

Deshalb ist die Sache mit den Fragen zur richtigen Zeit entscheidend: Alles Aufklären beginnt mit ihnen. Sollte überhaupt je etwas an einem kapitalistischen System zu ändern sein, das sklavische Abhängigkeiten als Freiheit hinstellt, wird es entscheidend sein, zu erkennen, was Macho „Fesseln der Zeit“ nennt.

„Bonds“ leiht sich seinen Titel von jenen zinstragenden Wertpapieren, mit denen Schulden aufgenommen oder gewährt werden, weil sich in ihnen ein für Macho zentraler Gedanke verdichtet: Wertpapiere und Kredite stiften soziale Beziehungen. Schulden verpflichten, schaffen Schuld, setzen Gläubiger und Schuldner in ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit, das wesentlich nicht nur auf Vertrauen gründet, sondern mit diesem Vertrauen auch wirtschaftet. Alle Kreditgeschäfte sind Vertrauensgeschäfte.

„Bonds“ heißt deshalb im Untertitel „Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten“. Ökonomen, Theologen, Soziologen, Journalisten, Künstler untersuchen in ihm die Fesseln der Zeit – und wie sie gelöst werden könnten.

Ein großartiges Buch, gerade weil es keine fertigen Rezepte vorgaukelt, keine Welterlösungstheorien präsentiert, sondern Beobachtungen sammelt; sie helfen, die Frage danach, wem wir gehören, überhaupt zu begreifen. Die italienische Soziologin Elena Esposito etwa weist darauf hin, dass man mit Krediten sich Möglichkeiten erkauft, die erst in der Zukunft möglich sind, um den Preis, dass diese Zukunft ihre Offenheit verliert – die Zukunft steht in der Schuld der Gegenwart.

Die Finanzschuld wird damit, wie der französische Anthropologe Marcel Hénaff schreibt, zur „Wette auf die bevorstehende Zeit“. Man sieht daran, so der deutsche Ökonom und Theologe Birger P. Priddat, dass der Glaube an Wachstum zur Institution werden musste, weil sich nur so die ständig steigenden Risikokosten von Krediten rechtfertigen lassen – mit Krediten spekuliert man auf die Hoffnung, dass ein besseres Leben keine Kreditbasis mehr braucht. Die Logik dieser Hoffnung setzt allerdings eine Wachstumsspirale in Gang, die immer neue Kredite erfordert. Die nächste Krise ist deshalb immer in Sichtweite.

Macho sagt, wirkliche Emanzipation von Schuld und Schulden gibt es nur über das Verzeihen und Verzichten: Jede Verzeihung ist ursprünglich ein Verzicht auf Rache, Wiedergutmachung, Rückzahlung. „Seinen Schuldigern erlassen haben, heißt auf die ganze Vergangenheit insgesamt verzichtet haben.“

Können wir uns das vorstellen? Vermutlich nicht. Vermutlich sind aber die Fesseln der Zeit nur zu sprengen, wenn wir zu lernen bereit sind, was der Gegenwart auffallend schwer fällt: Wir müssen akzeptieren, so Macho, dass wir „allen Lebewesen“ gehören, „die mit uns gemeinsam die Kommune der Sterblichen bilden“. Erst dieses geteilte Wissen der Sterblichkeit ermögliche Emanzipation, stifte Zukunft. Es sind die scheinbar einfachen Dinge, die am schnellsten vergessen werden und schwersten zu lernen sind.

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