Exil als fast lebenslanges Schicksal: Iannis Xenakis.
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Exil als fast lebenslanges Schicksal: Iannis Xenakis.

Gehen ohne anzukommen

"Komponisten im Exil" - über biografische Verwerfungen und ihren Widerhall im Werk

Von JÜRGEN OTTEN

Fangen wir mit denen an, die fehlen: Kurt Weill, Erich-Itor Kahn, Bohuslav Martinu, Leopold Spinner und Ernst Toch zum Beispiel. Sie alle und andere mehr waren Komponisten, die aus unterschiedlichen Gründen gezwungen waren, ins Exil zu gehen. Dennoch kommen sie in diesem Buch, dessen Titel ihr Leben und Wirken einschließt, nicht vor. Warum sie keinen Eingang gefunden haben, erklärt sich aus dem Vorwort des Herausgebers Ferdinand Zehentreiter nicht, wohl aber die Tatsache, dass dieser eine Auswahl treffen musste, die repräsentativ und markant zugleich sein will. "Komponisten im Exil" versammelt 16 Künstlerschicksale des 20. Jahrhunderts und fast ebenso viele Autoren. Unternommen wurde der Versuch, das "Zeitalter des Extreme" (Eric Hobsbawm) auf einem exponierten Feld zu porträtieren.

Exil ist nicht das ganze Leben

Damit ist ein hoher Anspruch formuliert. Eingelöst wird er nur zum Teil. Wobei das Problem wohl in erster Linie darin liegt, dass die Autoren den Spagat wagen mussten, Biografie und Werk in eins zu setzen, ohne Leben und Wirken der betroffenen Komponisten einfach abzuhaken: In den meisten Fällen markierte das Exil zwar einen Einschnitt, betraf aber nicht die gesamte Lebensdauer. Mit einem Wort: Das (schwierige) Verhältnis von Form und Inhalt stand hier ebenso auf dem Prüfstand wie das (noch problematischere) von Ursache und Wirkung.

Dem waren nicht alle Autoren gewachsen, doch wäre es müßig, sich auf die schwächeren und wenig inspirierenden Beiträge (über Korngold, Ligeti, Hindemith, Panufnik) zu stürzen, weil das Buch einige markante Essays offeriert, die das Wesen von Exil sowie seine direkten und indirekten Auswirkungen auf die psychische Verfassung der Komponisten und der Kompositionen selbst nachhaltig zu benennen wissen. Nachgerade grandios gelingt dies Max Nyffeler in seinem Beitrag über Iannis Xenakis. Grandios deshalb, weil er die biografischen Verwerfungen und ihren Widerhall im Werk mit einer Plausibilität aufzeigt, die das Spekulative meidet, aber dennoch genügend Freiraum für die (semantische wie musikalische) Interpretation lässt.

Nyffeler spricht von jener Wunde, die Xenakis als 22-Jährigem von einer Granate zugefügt wird und die ihn zeitlebens zeichnet, als einer Parabel: Exil, das ist per se immer Wunde gewesen; nur die Ausprägungen sind unterschiedlich. Nyffeler zitiert hierzu einen Ausspruch von Xenakis, der das prägnant zum Ausdruck bringt. "Man kann auch gehen, ohne irgendwohin zu gelangen."

Anschaulich wird das Wesen des Exils auch bei jenen Komponisten beschrieben, die in der Opernwelt eine bedeutende Rolle spielen oder gespielt haben, deren Oeuvre aber noch nicht hinlänglich rezipiert ist. Ein profundes Beispiel, wie sehr hier die politischen Verhältnisse die Aufführung von Opern erschwert oder gar unmöglich gemacht haben, ist Sergej Prokofjew. Seine erste abendfüllende Oper "Der Spieler" etwa, die Meyerhold am Marijinsky-Theater herausbringen wollte, konnte 1917 dann doch nicht gezeigt werden, weil die Wirren der Februarrevolution es nicht zuließen; erst zwölf Jahre später kam es zur Uraufführung - zu einem Zeitpunkt, als "Die Liebe zu den drei Orangen" längst in Chicago auf die Bühne gelangt war.

Ebenso erging es jenen Bühnenwerken, die Prokofjew der New Yorker Metropolitan Opera anbot, so unter anderem "Der feurige Engel". Die Met lehnte dankend ab, auch Paris, in jener Zeit dem Ballett Diaghilevs und Strawinskys weit mehr zugeneigt als der Kunstgattung Oper, winkte müde ab. Prokofjew wandte sich frustriert ab und kehrte 1936 aus dem Exil zurück in die Sowjetunion, wo aber von den vier Opern, die er komponierte, nur zwei aufgeführt wurden: "Semyon Kotko" und "Die Verlobung im Kloster".

Es ist das Verdienst des Buches, dass dieses Spannungsverhältnis vielgestaltig dargestellt und auch anhand des Schicksals von Komponisten exemplifiziert wird, deren Oeuvre durch das Exil der Vergessenheit anheim fiel (Ivan Wischnegradsky, Mieczyslaw Weinberg, Stefan Wolpe) oder im Spiegel der Musikwelt zumindest in Teilen verzerrt erscheint wie im Falle von Béla Bartòk oder Darius Milhaud.

Ferdinand Zehentreiter (Hrsg.):

Komponisten im Exil. 16 Künstlerschicksale des

20. Jahrhunderts.

Henschel, 320 S., 29,90 Euro.

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