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Raum für das Verschwiegene

Gegenseitige Abhängigkeit

Das Schreckliche bleibt eingekapselt: Aharon Appelfelds meisterhafter Roman "Blumen der Finsternis". Von Ulrich Rüdenauer

Von ULRICH RÜDENAUER

Verkapselt im Schweigen liegt die Wahrheit, glaubt Aharon Appelfeld. Eine Sprache muss dem Verschwiegenen genug Raum lassen, damit es sich öffnen kann. Für Appelfeld ist das Hebräische eine solche Sprache.

Mit knapp 14 Jahren kam der 1932 in Czernowitz geborene Jude Aharon Appelfeld nach Palästina, 1946 war das. Davor lag eine Odyssee - dass er den Schlachtfeldern Europas entkommen konnte, den Nazi-Schergen und ihren Kollaborateuren entronnen ist, gleicht einem Wunder.

Seine Mutter wurde vor den Augen des Achtjährigen erschossen, seinen Vater hat man deportiert; er selbst fand an verschiedenen Orten Zuflucht, versteckte sich bei einer Prostituierten. "Die Geschichte eines Lebens", seines Lebens, hat er vor drei Jahren veröffentlicht. Aber in all seinen Büchern, weit mehr als 30 sind es, ist von diesem Überlebenskampf die Rede, vom Vergessenen und Verdrängten. Seine Romane, hat er stets bekannt, entstammen der Sehnsucht, dieses Verlorene und in der Erinnerung Verborgene neu zu beleben. Unaussprechlich bleibt dabei der Holocaust selbst. Im beredten Schweigen des Aharon Appelfeld aber erstehen die Lager doch, hört man die Schreie und das Klagen; er muss sie nicht beschreiben.

Nun ist sein neuester Roman erschienen, in der behutsamen, Denkraum lassenden Übersetzung von Mirjam Pressler: "Blumen der Finsternis" beginnt im Ghetto, das von grausamen Deportationswellen heimgesucht wird. Die assimilierte, bürgerliche Familie Mansfeld wurde bereits auseinandergerissen: Den Vater hat man abgeholt, und die Mutter bringt ihren Sohn in einer gefährlichen Nacht- und Nebel-Aktion zu einer Frau, die außerhalb des Ghettos wohnt, mit der sie bekannt ist und der sie vertraut zu einer Zeit, in der man kaum einem Menschen vertrauen kann. Hugo, so heißt der Elfjährige, wird in einer Abstellkammer versteckt und erfährt erst im Lauf seines Älterwerdens, was der Leser bereits lange vor ihm begreift: Mariana ist eine Hure, eine ihren Launen ausgesetzte, dem Alkohol zuneigende Frau. Sie versorgt ihn mit Essen und, zuweilen, mit Zärtlichkeiten. Nachts, wenn sie Wehrmachtssoldaten empfängt, liegt Hugo in der Abstellkammer: "Er hatte Angst, in irgendeiner Nacht könnten sich die Kälte und die Dunkelheit verbünden und nach Kriegsende würden seine Eltern, wenn sie ihn holen wollten, nur eine erstarrte Leiche finden."

Wie schnell sich eine symbiotische Nähe zwischen Hugo und Mariana herstellt, schildert Appelfeld eindringlich. Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit - einhergehend mit einem Begehren, das in Zeiten des Mordens für beide Ausgestoßene wie ein Strohhalm erscheint. Wenn Hugo alleine in seiner Kammer sitzt, flieht er in Fantasien, begegnet seinen Freunden und Eltern im Traum: Immer wieder erscheinen sie ihm, unterhält er sich mit ihnen, aber je länger der Krieg andauert, je mehr Gefahren Hugo ausgesetzt ist, desto blasser werden die Bilder.

"Es gab Tage, da waren seine Eltern so fern von ihm, dass sie ihm sogar im Traum fremd vorkamen. Dennoch versuchte die Mutter, sich ihm zu nähern. Er betrachtete sie dann und fragte sich, warum sie nicht verstand, dass man sich aus solcher Ferne gar nicht nähern konnte. Mama nannte er sie zwar, doch eher, um sie zu trösten. Ihm war klar: Die Entfernung zwischen ihnen wurde immer größer, bald würde er sie nicht mehr vor sich sehen können." In jedem seiner Bücher versucht Appelfeld, diese Entfernung zu verringern und zwischen seinen einfachen Worten und Sätzen die Schemen der Vergangenheit heraufzubeschwören. Auch wenn er weiß, er wird keinen der Verlorenen je wiedersehen und vielleicht auch keinen Trost finden.

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