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Literatur

Gegenmeldung zum Pessimismus

Die Organspende als Probe auf menschliche Güte und bürgerliche Freiheit - Slavenka Drakulics "Leben spenden". Von Katharina Rutschky

Von KATHARINA RUTSCHKY

In Deutschland könnten ungefähr zehn- bis zwölftausend Menschen mit einer transplantierten Niere nicht nur besser, sondern auch länger leben.Weniger als einem Viertel von ihnen wird aber nach langen Wartezeiten geholfen, obwohl dank des medizinischen Fortschritts das Spenden einer erfolgversprechenden Lebendniere für den Spender nur noch ein minimales Risiko und wenige Unannehmlichkeiten mit sich bringt.

Nieren von Toten gibt es ebenfalls zu wenige, weil die in Deutschland geltende "Erweiterte Zustimmungsregelung" die Spende nur erlaubt, wenn der Tote sich einmal zur Organspende bereit erklärt hat oder die nächsten Angehörigen seinen mutmaßlichen Willen dazu nach dem Tod bekunden. Andere rechtliche und medizinische Zwänge vermindern die Zahl der dringend benötigten Organe noch weiter.

Das potentielle Transplantat muss nach dem festgestellten Hirntod, aber bei künstlich aufrechterhaltener Herztätigkeit entnommen werden. Man kann sich vorstellen, wie konservative Moral und organisatorische Probleme eine Lage erzeugen, die am Ende jeder Vernunft und humanen Ethik widerspricht.

Wer mangels Fremdniere auf eine Dialyse angewiesen ist, hat - abgesehen von der Dauerbelastung durch die Blutwäsche, die viel Zeit und noch mehr Geld kostet, mit schwersten Nebenfolgen der Kur rechnen. Dazu zählt die Beeinträchtigung des Arbeits- und Familienlebens wie auch das Risiko, am Herzen und anderswo zusätzlich zu erkranken.

Während also so viele Menschen allein in Deutschland unnötig leiden und mit einem vorzeitigen Tod rechnen müssen, wollen hochmoralische Gesundheits- und Lebensschützer herausgefunden haben, dass es jährlich 3300 unschuldige Opfer wegen Passivrauchens zu beklagen gibt. Eine statistische Fiktion, mit der es immerhin gelungen ist, das Kneipenleben der Republik umzukrempeln. Viel Lärm wird auch wegen des Problems der sogenannten Spätabtreibung von schwerstbehinderten Föten gemacht.

Diese Seitenblicke mögen daran erinnern, wie schief und an der Wirklichkeit vorbei ethische Debatten hier meist verlaufen. Dass der Unglaube an jeden Fortschritt und Misstrauen in die Moral des Nebenmenschen nicht nur zu schlechten Gesetzen und dummen Kampagnen, sondern geradeswegs zu überflüssigem Leiden und frühem Tod in zahlreichen Fällen führen, das macht einem das aus Selbsterfahrungsbericht und Betroffenenrecherche wohl komponierte Buch von Slavenka Drakulic nur allzu klar.

Die 1949 im kroatischen Rijeka geborene Schriftstellerin, als Berichterstatterin aus den Balkan-Kriegen weltweit bekannt geworden, ist erblich nierenkrank. Großvater und Vater litten - wie sie später - an einer Zystenniere; ihr Bruder starb jung daran, weil er von Therapie und der Disziplin, die sie erforderte, nichts wissen wollte. Bei Drakulic wurde auf Kosten des damals noch staatssozialistischen jugoslawischen Gesundheitsapparats 1984 in Boston eine erste Niere transplantiert.

Eine ungute Erinnerung ist es heute für die Autorin, dass sie als Privilegierte andere Kandidaten, die auf der Warteliste für Dialyse und Transplantation um ihr Leben drängelten, auf die Plätze verweisen konnte.

Regiert im Kapitalismus das Geld ("Wer arm ist, muss früher sterben"), zählte im Sozialismus die Position in der Funktionärshierarchie. Drakulic heiratete, konnte ihre Tochter groß ziehen und siedelte mit ihrem zweiten Ehemann, dem ebenfalls renommierten Journalisten Richard Swartz, nach Schweden über. Als ihre Fremdniere nach 15 Jahren den Dienst versagte, wurde Drakulic wieder für Jahre zur Dialysepatientin.

2004 bekam sie, wieder in den USA, die Niere einer jungen Frau eingepflanzt. Sie kannte diese Christine nicht, die sich bereit erklärt hatte, einer Kranken neues Leben zu schenken. Nicht einmal Dank erwartete sie - wie viele Fremdspender wollte sie eigentlich anonym bleiben.

Die glückliche Drakulic verspürte aber den Wunsch, ihre Lebensretterin und andere Spender persönlich kennen zu lernen und dem Altruismus dieser Menschen nachzuforschen. Wie kommt es, dass in den kapitalistischen USA, einer, wie manche meinen, von schrankenloser Gier und hemmungslosem Egoismus bestimmten Gesellschaft, so oft Organe gespendet werden? Während in Drakulic' sozialistischem Jugoslawien nur das Wort Solidarität inflationär gebraucht wurde?

Verwaltet der Staat die Moral vormundschaftlich für das Publikum an dessen Interessen und Meinungen vorbei, kommt es zu Heuchelei und Misswirtschaft übelster Art. Die Gewöhnung an die eiserne Kontrolle und Fürsorge von oben führt unten zu Verantwortungslosigkeit und sozialen Piratentum - also dem Gegenteil des Beabsichtigten. Übrigens ist in Deutschland schon die "Fremdspende" Lebender verboten.

Drakulic will ihr Buch außerdem verstanden wissen als eine Gegenmeldung zum medial erzeugten Pessimismus. Ebenso wichtig wie die Beobachtung der bösen Täter und ihrer Gründe sei doch eine der Menschen, die selbstlos Gutes tun. Ihre Dankbarkeit für die Organspende und das wiedergeschenkte Leben hindern Drakulic aber nicht daran, den Altruismus auch radikal zu hinterfragen. Wer eine Niere spendet, hat das meistens vorher schon mit Blut und Knochenmark getan, findet Drakulic heraus.

Den letzten Anstoß für die Organspende gab eine Reportage über andere Spender und gerettete Empfänger. Gibt es bei manchen Menschen eine Sucht, zu helfen und sich zu opfern? Ein Mann, der keine Kinder kriegen kann, ist doch jedenfalls imstande, mit einer Niere einen Menschen zu retten. Leute, die sich unbedeutend fühlen, erbauen sich an dem Gedanken, wenigstens einmal in ihrem Leben eine Heldentat vollbracht zu haben.

Drakulic stellt mit Blick auf das Internet auch die Frage, ob es auf Dauer nicht sinnvoll wäre, Nieren auf einem besser kontrollierten Markt zu handeln und damit auch die Zahl der dringend benötigten Spenderorgane zu erhöhen. Für uns, wo der Spenderausweis an die Vorstellung des eigenen Todes gekoppelt ist, Zukunftsmusik.

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