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Was heißt und zu welchem Ende studiert man heute Schiller? DieseFrage darf uns nun eine Weile lang beschäftigen, und wer weiß, vielleicht hat der Engel der Universalgeschichte ja Flügel. (Undatierter Stich.)

Gegen die schwindende Zeit anschreibender Enthusiast

Gestorben in Weimar am 9. Mai 1805: Zum 200. Todestag Friedrich Schillers sind die verschiedenen Werkausgaben auf den aktuellen Stand gebracht worden

Von URSULA HOMANN

Brauchen wir überhaupt noch Schiller? Zugegeben, eine ketzerische, und, wie sich nach kurzem Nachdenken herausstellen dürfte, überflüssige Frage. Denn Schiller hat vieles vorweggenommen und steht der Gegenwart näher als manch anderer Dichter und Denker. Immerhin hat er Themen und Fragen aufgegriffen, die sich in jeder Gesellschaft und in jeder Zeit neu stellen, wie etwa die Frage nach der Gültigkeit von Autoritäten und Institutionen. Seine Hoffnung auf den erzieherischen Einfluss der Kunst, sein Konzept einer ganzheitlichen Humanität, sein Glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen und an das Fortschreiten humanen Denkens, seine hohe Meinung von der Freiheit und nicht zuletzt sein "Lied an die Freude" in der Vertonung Beethovens im europäischen Stimmenchor entfalten erst jetzt ihre vollständige Wirkung. Es lohnt sich also, Schiller wieder zu lesen oder neu zu entdecken, zumal uns der Zugang zu seinen Werken durch kommentierte Gesamtausgaben, die zu seinem zweihundertsten Todestag neu herausgegeben wurden, verhältnismäßig leicht gemacht wird.

Da wäre beispielsweise die umfassende und gut kommentierte Klassiker-Verlagsausgabe, die zehnbändige "Berliner Ausgabe" des Aufbau-Verlags, der freilich die Briefe fehlen. Ferner gibt es die bewährte und aktualisierte Hanser-Ausgabe, die zwar dreieinhalbtausend Seiten weniger enthält als die Berliner Ausgabe, die aber trotzdem, abgesehen von den Briefen, sämtliche Werke sowie ausgezeichnete Kommentare bietet und die im Deutschen Taschenbuchverlag seitenidentisch weitaus billiger zu haben ist als bei Hanser. Und da wäre, nicht zu vergessen, die 1943 begonnene und auch zu Schillers Todestag noch nicht abgeschlossene voluminöse "Nationalausgabe" für versierte Kenner und gewiefte Experten.

Auf die Nationalausgabe und die Berliner Ausgabe des Aufbau-Verlags trifft überdies der lateinische Ausspruch zu: "Habent sua fata libelli - Bücher haben ihre Schicksale." Denn beide weisen eine von politischen Entwicklungen nicht unbeeinträchtigte Geschichte auf.

Distanzen zwischen Ost und West

Gegründet wurde die Schiller-Nationalausgabe im Februar 1940 "in finsterer Zeit". Im Krieg erschien nur der erste Band, dem, nach Aussage des heutigen Herausgebers Norbert Oellers, längst nicht mehr anzusehen sei, wie politisch er damals war. Nach dem Zusammenbruch arbeitete man in Ost und West - selbst während der Zeit des Kalten Krieges - gemeinsam an der Herausgabe der Schillerschen Werke: die einen in Marbach, die anderen in Weimar. Mehr oder weniger arbeitete man im Schatten der Politik, und das war nicht immer leicht, da jedes Manuskript aus dem Westen von der Zensur in Ost-Berlin daraufhin geprüft wurde, ob es in der DDR veröffentlicht werden durfte. Im übrigen lautete seinerzeit bei den westdeutschen Mitarbeitern die Devise, wie Oellers in einem Gespräch erklärte: "Keine Sacherläuterungen, an denen etwa ein sozialistischer Literaturwissenschaftler der DDR etwas aussetzen konnte, keine ideologisch wie auch immer gefärbte Darstellung!" Gleichwohl blieben große wissenschaftliche Differenzen zwischen Ost und West nicht aus.

Der zehnbändigen Berliner Ausgabe des Aufbau-Verlags, die noch tausend Subskribenten braucht, um im April 2005 erscheinen zu können, war ein ähnliches Schicksal beschieden. Im Jahr 1980 hatte in Ostberlin Hans-Günther Thalheim mit der Ausgabe begonnen. Aber nach dem Erscheinen des fünften Bandes im Jahr 1990 war an eine kontinuierliche Weiterarbeit mit dem bestehenden Team nicht mehr zu denken. Viele Bearbeiter hatten inzwischen andere Aufgaben übernommen oder konnten die aufwändige Editionsarbeit ohne Verlagsauftrag nicht mehr leisten. Hinzu kamen die anfänglich unübersichtlichen Wirren der deutschen Wende. Daher blieb ein sechster Band, obwohl er schon im Manuskript fertig war, jahrelang im Lektoratsregal liegen.

Erst 1994 gewann der Verlag den promovierten Schiller-Forscher Barthold Pelzer als Bearbeiter für die noch ausstehenden Bände, so dass nun aus dem Torso ein Ganzes werden und damit 25 Jahre Editionsarbeit zu einem gesamtdeutschen Abschluss kommen könnten. Wünschenswert wäre es allemal, gewährt doch die chronologisch angeordnete und systematisch kommentierte Berliner Ausgabe, durch die Verwendung von Erstdrucken und Originalhandschriften als Vorlagen, ein differenziertes Bild von Schillers geistiger und künstlerischer Entwicklung. So sind beispielsweise Schillers Räuber in drei Druckversionen aufgeführt, mit deren Hilfe man die Entstehung des Stückes verfolgen kann. Auch Schillers Tätigkeit als Rezensent, Redakteur, Herausgeber und sein Wirken als Geschichtsprofessor in Jena sind überschaubar dokumentiert.

Vor allem Band zehn belegt mit seinen "Vermischten Schriften" die Vielfalt und oft unterschätzte Bandbreite von Schillers Aktivitäten, auch seine Verdienste als Mediziner. Gerade diesen hat die Literaturwissenschaft lange sträflich vernachlässigt, obwohl Schiller in jungen Jahren für seine medizinischen Leistungen mit Prämien bedacht worden ist. Erst in der Nationalausgabe wurden Schillers medizinische Schriften und Leistungen angemessen gewürdigt. Der Aufbau-Verlag hat sich - wie auch der Deutsche Klassiker Verlag und der Hanser Verlag - daran ein Beispiel genommen und eine der drei von Schiller nach Ende seines Medizinstudiums eingereichten Abschlussarbeiten in lateinischer Sprache und deutscher Übersetzung abgedruckt. Sie trägt den Titel: "Über den Unterschied zwischen den entzündlichen und fauligen Fiebern. Abhandlung von Johann Christoph Friedrich Schiller, Medicinae Candidatus 1780".

Einige Texte in diesem Band ergänzen und bereichern unsere Vorstellung von Schillers Persönlichkeit. An manchen Stellen erscheint diese sonderbar gebrochen. So passt die fast demütige Widmung des ersten Heftes der Rheinischen Thalia an den Herzog Karl August von Weimar nicht so recht zum populären Bild des auf seine Unabhängigkeit pochenden Autors, der in seiner Zeitschrift trotzig ankündigte: "Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient."

Ferner sehen wir Schiller schon als Zwanzigjährigen zuweilen die Grenze des Verletzenden überschreiten, wenn er unerbittlich und aggressiv gegen literarische Widersacher polemisiert, während er später schwache Werke anderer Autoren zuweilen nur zum Anlass nimmt, um die eigene ästhetische Position zu formulieren. Auch vermitteln seine mitunter verzweifelten Bemühungen, sich als freier Schriftsteller durch publizistische Tätigkeit ein geregeltes Einkommen zu verschaffen - noch sein aufreibendes Engagement für Die Horen war davon bestimmt -, einen Eindruck von den Bedingungen, unter denen selbst ein so genialer und fleißiger Schriftsteller wie Schiller im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts existierte. Gleichwohl war er bei diesen Unternehmungen nie zu Konzessionen bereit, die auf Kosten des Inhalts ihre Popularität vergrößert hätten.

Zunächst betätigte sich Schiller, wie wir aus dem Aufbau-Band weiter erfahren, als Publizist, um nach seinem Abschluss an der Akademie im Dezember 1780 (die Doktorprüfung in Tübingen hat er nicht mehr abgelegt) seine geringen Einkünfte als Medikus eines Stuttgarter Regiments aufzubessern. Später gab er Zeitschriften heraus, darunter die Horen, deren hohes Niveau durch Beiträge von Goethe, Herder, Humboldt und August Wilhelm Schlegel und Schiller selbst gewährleistet war. Das Gros seiner Publikationen zwischen 1787 und 1793 sind jedoch Werke zur Geschichte, die deutlich Schillers Rang als Denker bezeugen.

Zweifellos ist die Berliner Schiller-Ausgabe demnächst genau so wichtig und empfehlenswert wie die Frankfurter Ausgabe im Klassiker Verlag und die Münchner Ausgabe im Hanser Verlag, insbesondere für Leser, die den Anhang gern etwas ausführlicher hätten als bei Hanser und denen die große Edition des Deutschen Klassiker Verlages zu kostspielig ist.

Wenn alles gut geht, werden die Bände bis zu Schillers 200. Todestag am 9. Mai ausgeliefert. Der Verleger Bernd F. Lunkewitz hofft sogar, zu Schillers 250. Geburtstag im Jahr 2009 wieder nachdrucken zu können. Außerdem profitierten die Käufer dieser Ausgabe nach Ansicht des Verlegers von der Kulturpolitik der DDR, die solche Projekte stets unterstützt habe. Doch sei nicht verschwiegen, dass die zu DDR-Zeiten erschienenen fünf Bände unverändert in die zehnbändige Sammlung mit aufgenommen wurden und dass, wer diese früher schon erworben hat und jetzt die gesamte Ausgabe besitzen möchte, gezwungen ist, diese Bände nochmals zu erstehen, da die Bücher nicht einzeln abgegeben werden.

In einem weitaus ruhigeren Fahrwasser als die Geschichte der Nationalausgabe und der Berliner Ausgabe des Aufbau-Verlags, verlief die Entwicklung der Edition der Schiller-Werke im Münchner Carl Hanser Verlag, die zunächst von Gerhard Fricke, Herbert G. Göpfert und Herbert Stubenrauch betreut wurde. Diese Edition erfreut sich seit fünfzig Jahren großer Beliebtheit, wie man an ihren insgesamt zehn Auflagen (zuletzt im Jahr 2000) unschwer erkennen kann. Helmut Koopmann attestierte ihr noch 1998, "allen Ansprüchen an eine kommentierte Gesamtausgabe" zu genügen.

Dieses Lob verdient gewiss auch die im Herbst 2004 in fünf starken Dünndruckbänden herausgegebene Sammlung. Sie ist handlich, sorgfältig ausgestattet mit Zeittafeln, Inhaltsverzeichnissen, einem Namensverzeichnis zur antiken Mythologie im ersten Band, und für Schule und Studium ebenso geeignet wie für die Lektüre interessierter Schillerfreunde. Alle Texte des Dichters wurden von namhaften Wissenschaftlern gründlich revidiert und neu kommentiert. Hinzu kommen Textfunde, die hier erstmals veröffentlicht werden, sowie Anmerkungen zu den einzelnen Werken, in die der heutige Forschungsstand eingegangen ist. Zuweilen wurde, insbesondere bei der Kommentierung der Dramen, auf umfassende Erläuterungen der Schiller-Nationalausgabe zurückgegriffen. Manches wurde umgeschrieben, überarbeitet, ergänzt oder gestrafft und Marginales ausgeschieden. Offensichtlich waren die Herausgeber bemüht, sowohl den veränderten Bildungsvoraussetzungen beim Lesepublikum als auch dem gewandelten Schillerbild der letzten Jahrzehnte Rechnung zu tragen.

Wie üblich beginnt die Ausgabe mit Schillers Lyrik, die in zwei Hauptgruppen unterteilt wird: in die "frühen" Gedichte bis 1788 und die späteren ab 1788. Die Balladen wiederum stehen in der von Schiller beabsichtigten Ordnung, während die Gruppe "Parabeln und Rätsel" auf einen sachorientierten Reihungsvorschlag von Rudolf Alexander Schröder zurückgeht. Natürlich fehlen auch die "Philosophischen Gedichte" mit "Die Götter Griechenlands", die Elegien und die überwiegend zwischen Oktober 1795 und September 1796 entstandenen "Xenien" nicht, mit denen Schiller und Goethe auf satirische Weise das Publikum im Geiste der klassizistischen Autonomie-Ästhetik zu disziplinieren versucht haben.

Während Schillers Originalmanuskripte der vollendeten Dramen verloren sind, hat sich ein Großteil der Vorarbeiten, Exzerpte und Skizzen zu den Fragmenten erhalten. In dieser Laune der Überlieferung liegen Reiz und Bedeutung der Entwürfe für ein Verständnis seiner klassischen Dramatik. Bemerkenswert ist - wie Band drei deutlich macht - das Themenspektrum der Entwürfe, das im Vergleich zu den abgeschlossenen Dramen manche Überraschung und etliche Experimente mit neuen, oft konträren Formen und Stoffen bereithält.

Das verfeinerte Individuum

Band vier enthält Schillers historische Schriften, Vorlesungen, darunter auch seine berühmte Antrittsrede "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" sowie den Essay "Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde", in dem Schiller, angeregt durch Kants Abhandlung "Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte" (1786) zu beweisen sucht, dass die Entwicklung des Individuums unter dem Gesetz einer fortschreitenden Verfeinerung seiner Vernunftfertigkeiten vonstatten geht, deren Bedingung gerade die Vertreibung aus dem Paradies war.

Seine philosophischen Schriften der 1780er Jahre wiederum kleidete Schiller durchweg in ein narratives Gewand. Sie stehen sowohl in der literarischen Tradition des in erster Linie durch Voltaire vertretenen conte philosophique wie zugleich in der philosophischen des "platonischen Dialogs", den die Aufklärung ebenfalls als diskursive Form schätzte.

Soweit ein kleiner Einblick in die Themen und Kommentare der aktualisierten Hanser-Ausgabe, die mit ihren ungemein aufschlussreichen Anmerkungen und hilfreichen Erläuterungen den Weg zu einem vielseitigen Schiller ebnet.

Rechtzeitig zum Schillerjahr schloss der Deutsche Klassiker Verlag in Frankfurt am Main seine im Jahr 1988 begonnene zwölfbändige Ausgabe ab. Jeder Band stellt eine kleine Kostbarkeit dar, so schön, umfassend und glänzend kommentiert, dass kaum eine andere Schiller-Edition mithalten kann. Die Begeisterung eines Schiller-Experten wie Helmut Koopmann hält sich indes in Grenzen: "Die Bände bieten neben den Schiller-Texten und dem Üblichen (Überlieferung, Entstehungsgeschichte, Zeugnisse zur Wirkung, Stellenkommentare) auch ,Deutungsaspekte' in unterschiedlicher Qualität, die teilweise die Forschung gut nachzeichnen, zum Teil aber auch etwas apodiktisch ausfallen und manchmal von unzureichender Kürze sind - zu Wilhelm Tell finden sich ganze sieben Seiten in einem Kommentar von insgesamt 115 Seiten", merkt Koopmann im Schiller-Handbuch kritisch an, fügt aber hinzu: "Diese Ausgabe macht keine der anderen überflüssig, aber sie bietet vor allem in den Stellenkommentaren teilweise mehr als die früh erschienenen oder unter DDR-Bürde entstandenen Bände der Schiller-Nationalausgabe."

Fraglos repräsentiert die umfangreiche Frankfurter Studienausgabe einen modernen philologischen Standard der Schiller-Forschung. Die Gedichte erscheinen in der vom Dichter selbst konzipierten Anordnung der "Prachtausgabe" von 1804 / 5. In anderen Bänden werden die einzelnen Dramen in ihren verschiedenen Fassungen vollständig wieder gegeben. In Band vier wird Wallenstein, das berühmteste deutsche Geschichtsdrama, mit Varianten einschließlich der Hamburger Bühnenfassung nach Erstdruck und Handschriften ediert, entstehungs- und wirkungsgeschichtlich dokumentiert und ausführlich erläutert.

Die historischen Schriften wiederum werden, in Band sechs und sieben, in chronologischer Folge aus der Sicht des Geschichtsforschers expliziert. Dabei kommt Schillers existentielle Wende zur Geschichtsschreibung im Alter von 28 Jahren klar zum Ausdruck, als er nach einem Aufsehen erregenden Erfolg als Dramatiker das dichterische Schaffen hinten anstellte, um sich ganz der Geschichtsschreibung zu widmen. Damit eröffneten sich neue Perspektiven, Verbindungen und Einkünfte für den mittellosen Dichter, der seit seiner Flucht vom Posten eines herzoglichen Militärarztes in Stuttgart und einer kurzfristigen Anstellung als Theaterdichter in Mannheim, ohne Einkommen und hochverschuldet war.

Anfangs glaubte Schiller, beflügelt von den revolutionären Pariser Ereignissen, seine historiographische Produktivität weiter steigern und einen "deutschen Plutarch" schreiben zu können. Doch ein gesundheitlicher Zusammenbruch im Januar 1791 veranlasste ihn, seinen historiographischen Ehrgeiz zu zügeln. Er widmete sich fortan ästhetisch-anthropologischen Fragen, bis er sich ab 1796, nicht zuletzt durch die Freundschaft mit Goethe, wieder ganz der Dichtung und Dramatik zuwandte.

Foucault avant la lettre

In den Kommentaren zu den historischen Schriften wird insbesondere die Bedeutung Schillers als Historiker im Kontext seiner Epoche neu beleuchtet und gewichtet. Denn lange Zeit wurde Schiller nicht nur als Mediziner, sondern auch als Historiker verkannt und unterschätzt. Die einen verbannten seine historiographischen Texte in die Vorhöfe der ordentlichen Geschichtsschreibung, andere beschränkten den Historiker auf das Intervall von 1787 und 1792. Dabei war Schillers Interesse an Geschichte und Geschichten keineswegs auf jene fünf Jahre begrenzt. Schon in seiner Stuttgarter Zeit faszinierten ihn Geschichten aus dem Leben, deren Echtheit verbürgt war. Überdies zeigen seine Texte zu Fragen der Historik, wie der Herausgeber Otto Dann zu verstehen gibt, eine bemerkenswert moderne Position. Schiller plädierte nämlich schon für eine konsequent struktur-, sozial- und mentalitätsgeschichtlich ausgerichtete Geschichtsschreibung und nahm in vielem Michel Foucault vorweg. "An der Geschichte als dem zentralen Erfahrungsraum, der nicht nur den philosophischen Kopf, sondern auch den Dichter und Dramatiker herausfordert", habe Schiller, schreibt Dann, zeitlebens festgehalten.

Auch hier besticht der weite Horizont und der aktuelle Bezug des Betrachters und Kommentators, der gleich zu Beginn seiner Einführung darauf hinweist, dass man in einer Gesellschaft wie der unsrigen, die ihre Geschichte als belastet empfindet, sicher nicht ohne weiteres deutlich machen könne, dass Geschichte auch als eine Eröffnung von Freiheit erfahren werden kann. "Nur unter dieser Prämisse aber ist Schiller in seinem Verhältnis zur Geschichte zu verstehen."

Die ästhetischen Schriften sind in der Frankfurter Edition gleichfalls vollständig versammelt und in ihren systematischen Zusammenhängen aufeinander bezogen. Auch Schillers Bearbeitungen für die Bühne wurden auf den neuesten Stand gebracht.

Der dramatische Nachlass des Dichters mit sechzehn mehr oder weniger ausführlich erarbeiteten Fragmenten lohnt ebenfalls eine längere Betrachtung. Denn an ihnen wird lesbar, womit der Dichter, der Historiker, der Ästhetiker nicht fertig geworden ist. Es sind Texte, in denen das Ungelöste hervortritt, gerade so, als materialisierten sich in den Stofffetzen und Formtrümmern die Überreste der Revolution, offene Fragen, bürgerliche Traumata, die sich nicht abschütteln ließen.

Abgerundet wird die Edition durch eine großzügige Briefauswahl in zwei Bänden mit rund 890 Briefen, ausgewählt aus über 2 200 überlieferten Briefe von Schillers Hand. Allesamt sind Dokumente einer gedanklichen Selbstvergewisserung, Selbstreflexion, Zeugnisse des Bemühens, "alles in Geist zu verwandeln" und darin sich selbst zu finden.

Von Jugend an - auch das geht aus den Briefen hervor - bestimmen Freundschaft, Enthusiasmus und Poesie nachhaltig Schillers Leben. Man spürt aber auch: Hier schreibt ein Kranker, dem die Zeit für die Vollendung seiner Werke davon läuft, der sich jedoch nie in Larmoyanz erging.

Die Herausgeber der Deutschen Klassiker Ausgabe haben allesamt meisterhaft gearbeitet. Es ist eine wahre Freude, sich anhand dieser mustergültigen, mit großer Sorgfalt erarbeiteten Edition mit all ihren Registern, die für Überblick sorgen, ihren kenntnisreichen Kommentaren, in denen aktuelle Bezüge nicht fehlen, und ihren zahlreichen Literaturhinweisen, einen neuen Zugang zu Schiller zu verschaffen. Der Aufmerksamkeit der Kommentatoren dürfte nichts entgangen zu sein, so dass auch der wissbegierigste Bücherfreund auf seine Kosten kommt, ohne dass bei aller Fachkompetenz der "Normalleser" vernachlässigt würde. Obendrein wird für einen gegenwartsnahen Schiller geworben, den unsere Zeit bitter nötig hat.

Kurzum, die opulente Ausgabe gewährt, auch dank ihrer leserfreundlichen Schrift, in jedem Band intellektuellen Gewinn und ästhetischen Genuss.

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