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Mit der „sexuellen Revolution“ der 68er haben Frauen doch schon alles erreicht, oder etwa nicht?
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Mit der „sexuellen Revolution“ der 68er haben Frauen doch schon alles erreicht, oder etwa nicht?

Untenrum frei“

Gegen falsche Scham und Sprachlosigkeit

  • Marie-Sophie Adeoso
    VonMarie-Sophie Adeoso
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Margarete Stokowskis Essayband „Untenrum frei“ ist das feministische Buch der Stunde.

Es hat Zeit gebraucht, ehe Margarete Stokowski sich eine Feministin genannt hat. „Lange Zeit hatte ich das Gefühl, solange alles Private angenehm ist, muss man es nicht durch politischen Schnickschnack kompliziert machen“, schreibt die Spiegel-Online-Kolumnistin in ihrem Buch „Untenrum frei“. Gut, dass sie diese Haltung mittlerweile revidiert hat. Nicht nur, weil in Wahrheit natürlich leider überhaupt nicht alles angenehm war und ist in Stokowskis Leben und dem vieler anderer Menschen und es Not tut, darüber zu sprechen. Sondern vor allem, weil Stokowski sonst kaum das feministische Buch der Stunde geschrieben hätte, dessen Lektüre man allen Menschen völlig unabhängig von ihrer geschlechtlichen und sonstigen Identität anraten möchte.

Die 1986 in Polen geborene und in Berlin aufgewachsene Autorin hat, so schreibt sie selbst, kein „Manifest“ verfasst, keine „Autobiografie“ und – so lässt sich trotz dezidierter und kämpferischer Meinungsäußerungen Stokowskis hinzufügen – auch keine Streitschrift. Stokowski schreibt im Vorwort, sie wolle einfach eine Geschichte erzählen, aufgeteilt in sieben einzeln oder fortlaufend lesbare Essays, mit ihr selbst als „Versuchskaninchen“. „Denn ich glaube, dass Sex und Macht so grundlegende Themen sind, dass wir viel über sie erfahren können, wenn wir unser eigenes Leben betrachten.“

Das alles könnte wahnsinnig banal daherkommen, gar – „Untenrum frei“! – eine schlüpfrige Nabelschau bieten. Dass weder das eine noch das andere zutrifft, dass das Buch auch nicht verbissen oder verbittert daherkommt oder was auch immer für Eigenschaften feministischen Menschen gerne unterstellt wird, das liegt an Stokowskis erzählerischen Fähigkeiten ebenso wie an ihren analytischen. Sie verknüpft persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Strukturen, Popkultur mit Philosophie, findet gleichermaßen kluge, wie berührende, lustige wie ernsthafte, auch wütende Worte dafür, dass Gleichberechtigung eben noch lange kein abgeschlossenes Projekt ist, sondern ein Idealzustand, für den es auf ganz vielen, eigentlich allen Ebenen des Lebens einzutreten gilt.

Stokowskis zentrale These lautet: „Wir können nicht untenrum frei sein, wenn wir es obenrum nicht sind, und umgekehrt.“ Sexuelle Freiheit und Freiheit im politischen Sinne müssen also zusammengedacht werden, „das Untenrum hat einen Überbau“.

Weil es eben kein Zufall ist, dass die vierjährige Margarete niemandem davon erzählt, dass sie sich beim Fahrradunfall nicht nur die Hände aufgeschlagen, sondern auch den Lenker zwischen die Beine gerammt hat – sie hatte kein Wort für das, was sie schmerzte, was schambehaftet unbenannt blieb: ihre Vulva.

Von einer solchen Anekdote weiblicher Sprachlosigkeit schafft Stokowski mühelos den Brückenschlag zu Männern, die so stolz auf ihren Penis sind, dass sie fremden Frauen ungefragt „Dick Pics“ schicken – oder, um es intellektueller zu fassen: an sich herabblicken und „höchste Vollendung“ sehen, wie die studierte Philosophin es Hegels „Phänomenologie des Geistes“ entnimmt.

So vergnüglich die flinken gedanklichen Verknüpfungen der belesenen Autorin auf der einen Seite sind, so schmerzhaft sind sie auf der anderen. Weil vom sprachlosen Kleinkind der Weg nicht weit ist zur Zwölfjährigen, die versucht, ihren erwachsen werdenden Körper widersprüchlichen Schönheitsidealen anzupassen, zur Pubertierenden, deren einzige Erwartung an den ersten Sex die ist, dass der männliche Part irgendwann kommt. Und zur 16-Jährigen, die von einem Bekannten vergewaltigt wird – und auch hierfür erst nach Jahren Worte findet. „Vergewaltigung ist für mich damals etwas, das Frauen zustößt, wenn sie spätnachts allein nach Hause laufen und dem falschen Fremden begegnen, der dann über sie herfällt.“

Gegen falsche Scham und anerzogene Sprachlosigkeit schreibt Stokowski an. Gegen Frauenzeitschriften und Youtube-Stars, die Frauen erklären, wie sie Männer befriedigen können, statt sich ihren eigenen Wünschen zu widmen, gegen Männerzeitschriften, deren Aussagen über Frauen nicht von denen verurteilter Vergewaltiger zu unterscheiden sind. Gegen Sexualaufklärung, die weibliche Sexualität auf die Gefahr einer Schwangerschaft reduziert, gegen die bequeme Sichtweise, dass mit der „sexuellen Revolution“ der 68er doch schon alles erreicht worden sei, obwohl Geschlechterverhältnisse gar nicht hinterfragt wurden.

Sie mag sich ein wenig oft an der medialen Darstellung weiblicher Körper abarbeiten (obwohl ihre Auflistung der von Nachrichtenmagazinen mit Frauenkörpern bebilderten Titelthemen tatsächlich eindrücklich ist!). Doch davon abgesehen, kann man sich Stokowskis Sprache, der von ihr proklamierten „Poesie des Fuck You“ als Antwort auf Sexismus und sexualisierte Gewalt, nur schwer entziehen. Ihre Beobachtungen machen Mut, sich feministischen Zielen und gesellschaftlicher Vielfalt zu stellen – egal, ob man dafür den Begriff des Feminismus wählt oder nicht.

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