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v.l.: Moderator Vladimir Balzer mit den Journalisten Matthew Karnitschnig, Yevhen Fedchenko, Dr. Maren Urner und dem Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert.

Kampf um die Wahrheit

Gegen Fakenews hilft nur kritisches Denken

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Seit mehreren Jahren geistert der Begriff Fakenews durch die Medien. Was im Urkainekonfikt noch als russische Propaganda galt, wurde bald integraler Bestandteil des US-Wahlkampfes und ist in Deutschland längst als Motor des rechten Stimmenfangs etabliert.

Auf dem Podium Weltbühne sitzen Medienmacher zum Thema „Fakenews – wie mit Lügen Politik gemacht wird“. Wer entscheiden will, ob es sich bei einer Nachricht um Fakenews handelt, kommt nicht darum herum, sich bis zur Quelle der Information durchzuarbeiten. Medienschaffenden geht das leicht über die Lippen. Doch für Mediennutzende ist es ein nahezu utopischer Gedanke, jede Information bis zur Quelle hin zu analysieren.

Maren Urner ist Gründerin und Autorin von Perspective Daily, einer Plattform, die im Hochgeschwindigkeitsgeschäft online mehr Qualität durch Fachwissen liefern will. Objektiv berichterstatten sei ein Mythos, so die Neurowissenschaftlerin, denn die Perspektive der Lesenden trägt schon dazu bei, ob eine Nachricht als wahr interpretiert wird oder nicht.

Die eine Wahrheit gibt es nicht

„Ich wage nicht zu sagen, wie nah wir der Wahrheit tagtäglich kommen“, räumt Matthew Karnitschnig von POLITICO Europe selbstkritisch ein und berichtet über den gerade laufenden österreichischen Wahlkampf. „Für mich beginnt Fakenews dort, wo das Motiv ein anderes ist als zu informieren und wo die Beweggründe des Urhebers nicht ganz klar oder nicht ganz in Ordnung sind.“

Dabei sagt Karnitschnig aber auch deutlich, dass es keinen objektiven Journalismus gibt. Schon durch die Reihenfolge und die Gewichtung der Redeanteile in der Politikberichterstattung handelt jedes Medium subjektiv. In Deutschland gäbe es aber weiterhin großes Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Für den Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert ist Journalismus objektiv „wenn Journalismus nach handwerklichen Kriterien gemacht wird und mehrere Quellen herangezogen werden“.

Yevhen Fedchenko hat es in der Ukraine ausnahmslos mit privaten Medien zu tun. Der Gründer der Onlineplatform StopFake.org – eine von 113 Platformen weltweit, die versuchen, Fakenews zu enttarnen – plädiert dafür, bei jeder Information den Absender und dessen Motivation offenzulegen. „Besonders schwierig ist es im Moment, weil sich Propaganda als Journalismus tarnt“, sagt er, „Menschen konsumieren die Falschinformationen und sind immer noch davon überzeugt, es handele sich um Journalismus.“ Vielen Menschen fehle es an der nötigen Medienkompetenz, um Fakenews und Propaganda zu entlarven. Matthew Karnitschnig sieht in den Wahlerfolgen der AfD, aber auch der Linken in Ostdeutschland, ein Indiz für fehlende Medienkompetenz.

Dass die Verlockung groß ist, allem zu glauben, was ein bereits vorhandenes Weltbild stützt, erklärt Maren Urner aus ihrer Expertise als Neurowissenschaftlerin. „Es macht einfach evolutionstechnisch keinen Sinn, bei jeder Sache, die unsere Identität hinterfragt, eine Änderung vorzunehmen.“ In der Vergangenheit sei es sinnvoller und überlebenswichtig gewesen, die eigene Identität aufrecht zu erhalten. Unser Hirn habe sich nicht so schnell entwickelt, wie die Informationswelt, die uns umgibt.

Social Media: Fluch und Chance zugleich

Die viel kritisierten Onlinefilterblasen – also Gruppen von Menschen mit geschlossenen Weltbildern – würden zu Unrecht in den deutschen Medien schlecht bewertet. „Untersuchungen zeigen, dass die sozialen Medien es tatsächlich schaffen, das Filterblasenphänomen ein bisschen aufzuweichen. Menschen kommen potentiell viel leichter in Berührung mit anderen Standpunkten. Das gab es früher am Stammtisch so noch nicht“, schildert Urner.

Yevhen Fedchenko findet, es ist an der Zeit, den Journalismus neu zu erfinden: „Früher ging es im Journalismus darum, Informationen zu liefern, weil die Menschen die sonst nirgendwo bekamen. Das reicht heute aber nicht mehr. Wir müssen über Werte im Journalismus reden, Fakten in Kontext packen und dann mit diesem Wertesystem abgleichen. Doch im Moment sehen wir immer weniger Journalisten, die für Werte einstehen.“

Schnelle Lösung nicht in Sicht

So sehr der Begriff Fakenews den Lesenden nach der Berichterstattung der letzen Monate auch schon zum Hals heraushängen dürfte, so weit entfernt ist die Gesellschaft davon, diese Phase hinter sich zu bringen. Immer schneller werden Informationen geteilt, die nicht hinterfragt werden. Oft entsteht der Klickimpuls nur aus der Überschrift, einigen wenigen Zeilen oder gar nur, weil in der Filterblase bereits viele diese Information verbreitet haben.

Der Professor für Journalistik und Medienmanagement Stephan Russ-Mohl hat zu dieser Entwicklung das Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ verfasst. Er zeigt darin auf, wie der Journalismus als Nebeneffekt der Digitalisierung an Glaubwürdigkeit verliert, was nicht nur an der Qualität des Journalismus liegt, sondern auch an der zunehmenden Zahl von Publizierenden.Für die Medienkonsumierenden wird es immer schwieriger zu durchschauen, mit welchen Informationen und Intentionen sie gerade konfrontiert sind.

Russ-Mohl schaut wenig optimistisch in die Zukunft und sieht durch die Digitalisierung die Demokratie gefährdet. Doch selbst, wer sich dieser Sicht nicht anschließen mag, erhält mit dem Werk eine treffende Analyse der spannungsgeladenen Medienwelt.

Den Ansatz einer Lösung des Fakenewsproblems sieht Russ-Mohl darin, im Freundeskreis zu intervenieren, wenn Menschen ihr Weltbild aus Falschinformationen zusammensetzen. Dass das nicht einfach ist, verschweigt der Autor nicht und zitiert die Schweizer Reporterin Paula Scheidt: „Die gute Nachricht: Meine Freunde und Bekannten sind nicht verrückt. Sie machen Denkfehler und verlieren sich in der Grenzenlosigkeit ihrer Fantasie und des Internets. Die alarmierende: Es kann ziemlich viele treffen. Und: Ich kenne keine Medizin.“

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

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