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Befreiungskampf der Pariser und Pariserinnen im August 1944 in ihrer Stadt.

Philosophinnen

Gegen alle Zwänge

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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„Feuer der Freiheit“: Wolfram Eilenberger würdigt Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil als Philosophinnen und Vorbilder.

Wahrlich finstere Zeiten, umso weniger Nachsicht mit den Verzichtleistungen der Frau, ihrer Selbstbescheidung unter von Männern diktierten Geschlechterbedingungen. Simone de Beauvoirs feministische Initiative zur Befreiung der Frau gründete in einer existentialistischen Offensive.

Keine Nachsicht mit der Fremdbestimmung, überhaupt der Unterwürfigkeit. Der Sklavenmoral des Stalinismus galt die lodernde Empörung der in Petersburg geborenen und aus der UdSSR vertriebenen Alissa Rosenbaum, die in den USA als Ayn Rand schließlich zur konservativen Kultautorin aufstieg.

Keine Nachsicht gegenüber der „Enteignung des Individuums zugunsten der Kollektivität“, keine ökonomische, keine geistige: Für die Sozialistin Simone Weil lag jeder Kompromiss mit einer heillosen Wirklichkeit fern.

Nachsicht war wahrhaftig keine kluge Weltanschauung, beharrte die aus Nazideutschland geflohene Hannah Arendt, vielmehr eine kompromittierende Haltung angesichts von Sklavenmoral oder Herrenmoral, angesichts eines Totalitarismus, mit dem Hitlerismus und Stalinismus über jede Form der Freiheit herfielen.

Weil alle vier Denkerinnen die Freiheit als das Unabdingbare der menschlichen Existenz betrachteten, ließen Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Ayn Rand und Simone Weil nicht mit sich handeln. Vier noch junge Frauen, im Jahr 1933 keine älter als 27, vier Philosophinnen „in finsteren Zeiten“, wie Wolfram Eilenberger schreibt, sicherlich in Anlehnung an Arendts Essaysammlung „Menschen in finsteren Zeiten“ (unter Bezug auf den berühmten Vers von Bert Brecht).

Einsetzend mit dem Jahr 1933, führt Eilenberger wie schon bei seinem großen Vorgängererfolg, „Zeit der Zauberer“, durch eine Dekade der Philosophie im 20. Jahrhundert, nach erneut bewährten Erzählermustern nimmt er seine Leserinnen und Leser mit an rasch wechselnde Schauplätze, Cliffhanger setzend. So macht man das nicht nur im Roman oder fidelen TV-Drama.

Für die vier Frauen galt die Aufforderung, die bereits die griechische Philosophie an den Anfang allen Denkens stellte: „Erkenne dich selbst“ – dazu gehörte: „Sie erfahren sich einfach grundlegend anders in die Welt gestellt.“ In dieser Ausnahmesituation begriffen sie sich als Frauen, in einer weiteren als Jüdinnen (Arendt, Weil, Rand), hinzu kam eine Marginalisierung, die Arendt wie keine andere analysierte, die Außenseiterstellung als Intellektuelle.

Zum Buch

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten. Klett-Cotta, 400 S., 25 Euro.

So unterschiedlich die Konzeptionen von Freiheit, Arendt, Beauvoir, Rand und Weil rangen sie denkbar finstersten Bedingungen ab, angefangen mit der Machtübertragung 1933 an Hitlers NSDAP. Die Denkerinnen, nicht jede eine politische, Beauvoir lange eine naive Zeitgenossin, wurden Zeuginnen des Spanischen Bürgerkriegs, den Nazideutschland und Stalins Sowjetunion als einen Stellvertreterkrieg führten. Investiert hatte Hitler in ein „Laboratorium zukünftiger Grausamkeit“ (Eilenberger) von 1936 bis 1939, als seine Wehrmacht im selben Jahr zunächst über Polen herfiel, bald über halb Europa – um von 1942 an den Mord an den europäischen Juden bürokratisch und industriell zu exekutieren.

Wenn bei Eilenberger ein Kapitel mit „Dritte Wege“ überschrieben ist, dann hielten die vier Denkerinnen Ausschau nach einer Alternative zur „bürokratischen Diktatur“. Weil es um nichts weniger ging als die Freiheit, stand die Begründung des Unbedingten an. Rand legitimierte es nietzscheanisch mit der radikalen Selbstermächtigung des „Ich“, im „heiligen Word: EGO“. Die verzweifelte Weil, die sich wie keine andere als Kämpferin, als Fabrikarbeiterin, als Klassenkämpferin, als militante Antifaschistin in den aktiven Widerstand gestürzt hatte, leitete ihren „Existentialismus der Gnade“ schließlich her aus der Passion Christi. Für die in Paris an ihren Romanen arbeitende Beauvoir bestand das Urmeter aller Freiheit in einem „erfahrungsoffenen Bewusstsein, das sein eigentliches Sinnzentrum nicht etwa in sich selbst, sondern in der Welt sucht und findet.“ Am weitesten jenseits allein ichbezogener Selbstbehauptung vermaß Arendt den Freiheitsbegriff, wenn sie ihre Weltbejahung durch eine auf Vernunft gegründete Gesellschaft gewährleistet sehen wollte.

Die Dekade der Extreme animierte zu einem Denken in krassen Gegenüberstellungen. Bei Rand etwa zu dem Satz, die menschliche Gattung verfüge nur über „zwei unbeschränkte Fähigkeiten: zu leiden und zu lügen“. Wahrheit oder Fake: Rands Entwicklung, ihre intellektuelle Karriere, nimmt deswegen breiten Raum ein, weil sie durch ihren radikal-konservativen Elitismus in der Tea-Party-Bewegung eine Renaissance erlebte, zitierfähig auch für den Lügner Donald Trump.

Eilenberger macht deutlich, wie sehr die Bemühungen um einen finstere Zeiten überschreitenden Freiheitsbegriff in der Phänomenologie eines Edmund Husserl und der Ontologie eines Martin Heidegger gründeten. Vielleicht ist es angebracht, sich die Freiheit als ein Dreiecksverhältnis zu denken, als eine Menage à trois aus Eigenliebe, Anerkennung des Anderen (womöglich der Liebe zu ihm), wobei in diese enge Beziehung, es geht um Freiheit, eine nicht körperliche, eine platonische Instanz hineingeholt wird, eine Idee. Bei Beauvoir war es der Gedanke an eine „metaphorische Solidarität“. Bei Arendt das an dem frühmittelalterlichen Augustinus orientierte diesseitige Weltvertrauen.

Trotz eines „zerhackten Lebens und düsterer Gleichgültigkeit“, wie Eilenberger über die „Gestimmtheit einer ganzen Nation“ schreibt, die Gestimmtheit 1938/39 im besetzten Paris. Erneut besticht Eilenbergers Darstellung durch Eleganz, nicht zum ersten Mal entwickelt er ein Faible für Griffigkeit, flotte Formulierungen zählen dazu, nicht nur die, dass der Existentialismus „eine jüngere Erfindung des Feuilletons“ sei. Nur um 1943? Nicht weil es hier um das Feuilleton, sondern auf den 400 Buchseiten um den Existentialismus geht, sei gesagt, dass er in einer heillosen Welt kein aussichtsloses Unterfangen zur Begründung eines humanen Selbstentwurfs war.

Auch dadurch erwies (und erweist) sich Freiheit als der Gegenentwurf zum Reich der Notwendigkeit, um gleichzeitig als unabdingbare Notwendigkeit für die selbstbestimmte Existenz beansprucht zu werden. Allen vier Denkerinnen, konfrontiert mit der „mahlstromartigen Dynamik der Weltpolitik“, ging es zwingend darum, sich nicht dem Zwang bedrückender Verhältnisse zu beugen – allerdings nicht nur den sozialen Zwangsverhältnissen, sondern darüber hinaus dem Zwang des Seins. Die Bemächtigung der Welt sollte herbeigeführt werden durch Rückeroberung des Weltvertrauens. Die Eroberung der Freiheit durch die Verwirklichung der zuversichtlichen Natur, der immerhin einen Seite des Menschen. Darin mag man die im Untertitel (fesch behauptete) „Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten“ erkennen.

An ihr beteiligt auch ein Walter Benjamin, auf den Eilenberger, eine seiner Lichtgestalten aus der „Zeit der Zauberer“, weit intensiver zu sprechen kommt als auf den Lebenspartner Beauvoirs, Jean-Paul Sartre, der den Stalinismus beschweigen sollte – finstere Zeitgenossenschaft eines Philosophen der Freiheit.

Deren Lage ist immer dieselbe, eine Zwangslage, Herausforderung, existentielle „Situation“, die nach Aufbruch verlangt. Simone de Beauvoir gab den Gedanken mit auf den Weg: „Man kommt nie irgendwo an. Es gibt nur Ausgangspunkte, Anfänge.“

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