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Ahmed Nadji, ägyptischer Schriftsteller, Blogger und politischer Kommentator.

Ahmed Naji

Gefängnis für eine Romanszene

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Der amerikanische PEN ehrt den inhaftierten ägyptischen Schriftsteller Ahmed Naji mit dem Preis „Freedom to Write“. Ein Gericht brachte ihn wegen eines Auszugs aus seinem Roman „Gebrauchsanleitung für das Leben“ ins Gefängnis.

Ahmed Naji gehört zu den Mutigen im Land. Drei Romane hat der 30-jährige Ägypter bisher geschrieben und sich einen Namen gemacht als Kulturkritiker, Blogger und politischer Kommentator, der unerschrocken die Einschüchterungskampagnen und Zensur, die Korruption und Propaganda des Regimes von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi anprangert. „Jede Propaganda hat ein Verfallsdatum, und die Hysterie eines großen Ägyptens mit Sisi als seinem Retter steht auf keinen realen Fundament“, schrieb er.

Seit Februar sitzt der Autor im Gefängnis, verurteilt zu zwei Jahren wegen „Verstoßes gegen die sittliche Ordnung“. Das staatliche Literaturmagazin „Akhbar al-Adab“ hatte Auszüge aus Najis jüngstem Buch „Gebrauchsanleitung für das Leben“ gedruckt, in denen der Ich-Erzähler schildert, wie er kifft, trinkt und Sex mit seiner Freundin hat. Ein 65-jähriger ägyptischer Rechtsanwalt erstattete Anzeige, weil er bei der Lektüre Herzrasen, Augenzucken und Bluthochdruck bekommen habe.

In erster Instanz, zu dem die Staatsanwaltschaft gleich mit vier Juristen anrückte, sprach der Richter den Schriftsteller frei. Das Berufungsgericht in Bulaq jedoch verurteilte ihn, obwohl die ägyptische Zensurbehörde das Buch 2014 ohne Beanstandungen passieren ließ. Die Kammer folgte dem Plädoyer der Anklage: Die „vulgäre Sprache“ und die „expliziten sexuellen Szenen“ in dem Buch seien „eine Krankheit, die die sozialen Werte Ägyptens zerstört“.

Seitdem sitzt der Verurteilte, der 1985 in Mansoura im Nildelta geboren wurde, im berüchtigten Tora-Gefängnis. Am Pfingstmontag ehrt ihn der amerikanische PEN-Club mit dem Preis „Freedom to Write“, den sein Bruder in New York entgegennehmen wird. „Die Verurteilung von Naji ist ein Zeichen für die zutiefst beunruhigende Unterdrückung des freien Wortes durch die ägyptische Regierung“, heißt es in einem Protestschreiben von 120 internationalen Künstlern an Präsident al-Sisi, darunter die Schriftsteller Dave Eggers und Philip Roth, die Musikerin Patti Smith und der Filmemacher Woody Allen.

Denn Ahmed Naji ist kein Einzelfall. Auch andere Künstler wie die Filmproduzentin Rana El-Sobky und die Dichterin Fatima Naoot bekamen Gefängnisstrafen. Kürzlich verhaftete die Polizei sogar vier halbwüchsige Straßenkomödianten, die sich in einem Selfie-Sketch über al-Sisi lustig gemacht hatten. 23 Journalisten sind derzeit in Haft, nur in China ist die Lage schlimmer.

Erst vergangene Woche beantragte ein Gericht beim Obermufti die Todesstrafe für drei Journalisten. Auf der Skala der Pressefreiheit rangiert Ägypten inzwischen auf Rang 158 von 180 Nationen, gegen Ende der Mubarak-Zeit stand das Land noch auf Platz 127.

„Wir sind in alle Welt zerstreut. Einige sind im Gefängnis, einige im Exil und andere bereit, den Weg über das Mittelmeer zu den Küsten Europas zu nehmen“, schrieb Ahmed Naji kurz vor seiner Inhaftierung in dem Essay „Abschied für die Jugend“. Andere gar, so Naji, suchten den Ausweg aus der irdischen Hölle hin zu Gottes versprochenem Himmel auf dem Pfad der Enthauptungen. „Die aber bleiben, sichern sich ihren Platz unter den Zombies.“ Sie träten im Fernsehen auf als Repräsentanten der Jugend, machten Selfies mit dem Zombi-General und mit den Zombi-Scheichs. „Und sie balgen sich um die Brotkrumen, die die Emire vom Golf nach ihnen werfen.“

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